Galaxus-Gründer vor Herkulesaufgabe
So tickt der neue Migros-Online-Präsident Florian Teuteberg

Galaxus-Gründer Florian Teuteberg soll den Schalter im E-Commerce-Geschäft der Migros endlich auf Wachstum legen. Dafür erhält er beim orangen Riesen höhere Weihen. Viele sind des Lobes voll – aber kann Teuteberg Migros?
Kommentieren
Florian Teuteberg (r.) soll mit Oliver Herren (l.) Migros Online endlich profitabel machen.
Foto: Dan Cermak

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.

Kaum jemand kann Florian Teuteberg in Sachen CEO-Longevity etwas vormachen. Seit der Gründung von Digitec im Jahr 2001 sitzt der E-Commerce-Profi an der Spitze des Schweizer Onlineshopping-Primus. 25 Jahre sind das – und damit länger, als es Tim Cook als Apple-CEO aushielt (15 Jahre) oder als Howard Schultz bei Starbucks (23 Jahre in drei Perioden) regierte. Den drei Digitec-Gründern Teuteberg, Oliver Herren und Marcel Dobler (sowie Roland Brack) ist es zu verdanken, dass die Eidgenossenschaft nicht einfach von Amazon und Zalando überrollt und eingemeindet wurde, sondern dass man in der Schweiz einen eigenen Werk- und Denkplatz in Sachen E-Commerce etablieren konnte.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel ist zuerst in der «Handelszeitung» erschienen. Sichere dir alle 14 Tage Wirtschaft im Klartext – schwarz auf weiss und auf den Punkt gebracht. Hier geht es zum Abo.

Dieser Artikel ist zuerst in der «Handelszeitung» erschienen. Sichere dir alle 14 Tage Wirtschaft im Klartext – schwarz auf weiss und auf den Punkt gebracht. Hier geht es zum Abo.

In seiner Zeit als Unternehmer hat Teuteberg seit der Übernahme durch die Migros drei Chefs des orangen Riesen überdauert. Vor allem deshalb, weil diese Chefs eine eher Migros-unübliche Beziehung zu Galaxus pflegten und pflegen: lange Leine. Sogar dann – und das ist unter dem aktuellen Migros-Chef Mario Irminger wirklich ungewöhnlich –, wenn ein Unternehmen im Ausland Geld verliert. Beides, Ausland und Geldverlieren, ist der neue Antichrist der Migros.

Mario Irminger lässt Teuteberg gewähren

Doch Irminger lässt Teuteberg gewähren und finanziert den Galaxus-Europa-Feldzug, der bisher 200 Millionen Euro verschlungen hat, bis 2029 weiter. So gross ist das Vertrauen in Teuteberg, dass der Galaxus-Chef kürzlich als Präsident des Migros-Online-Supermarkts eingesetzt wurde. Dort sass er zwar bis anhin schon im VR. Aber der Sprung an die Spitze ist bemerkenswert – ebenso die Tatsache, dass sich der zweite Digitec-Gründer, Herren, und Galaxus-Kommerzchef Hendrik Blenken Blijdenstein ebenfalls in den VR von Migros Online einloggen.

Foto: Handelszeitung

Was ist es, das Teuteberg in den Augen der Migros-Oberen zum Alleskönner macht? Die Handelszeitung hat mit einem halben Dutzend Wegbegleitern, Beobachtern und Vertrauten von Teuteberg gesprochen. Bis auf einen bevorzugten es alle Auskunftsgeber, anonym zu bleiben. Wer über Florian «Flo» Teuteberg spricht, ist zunächst des Lobes voll: «Kann ‹out of the box› denken, ist dabei sehr erfolgreich und doch bodenständig geblieben», heisst es von einem Weggefährten. Ein anderer konkretisiert: «Mit Migros-Präsidentin Ursula Nold ebenso umgänglich wie mit Frau Nikolic von Kasse drei.» Jemand, der ihn schon lange kennt: «Vorwärtsdenkend, auf ständige Verbesserung bedacht. Smart Cookie.» Ein anderer Weggefährte: «Street-smart, nicht intellektuell.» Digitec-Mitgründer Marcel Dobler, der das Unternehmen 2014 verliess und heute als FDP-Nationalrat aktiv ist: «Florian Teuteberg ist konzeptionell stark und immer offen für gute Ideen. Wenn die Argumente ihn überzeugen, lässt er sich umstimmen.»

Narrenfreiheit in der Onlinewelt

Innerhalb der Migros-Familie führten Teuteberg und seine Online-Rockstars ein Eigenleben. Galaxus wollte und will nichts wissen von Cumulus-Punkten; Teuteberg nahm die Produkte von Decathlon ins Angebot, als der französische Sport-Aldi noch härtester Konkurrent der Migros-Tochter Sport X war. Und auch während beim orangen M kein Räuchlein aufsteigt, gilt das im Onlinewarenhaus nicht. Artikelzahl im Galaxus-Tabaksortiment (Stand Wochenbeginn): 16’156 Produkte. Teuteberg und die Seinen geniessen Narrenfreiheit im Migros-Kosmos – und kutschieren abseits der Genossenschafts-Gemengelage.

Doch das ändert sich jetzt. Wenn der Galaxus-Chef als Präsident von Migros Online amtet, kommt er dem orangen M näher und kann die Regeln nicht mehr alleine definieren. Man könnte argumentieren, dass Teuteberg seit dem Migros-Einstieg 28 Semester angewandte Migroslogie studiert hat. Aber der Online-Turbo funktioniert nun mal anders als das Mutterhaus. «Gute Einfälle sollen sich durchsetzen, unabhängig davon, von wem sie stammen», erklärte Herren der «Bilanz» kürzlich die unkomplizierte Ideengeburt bei Galaxus.

Kann Teuteberg Migros?

Bei der Migros ist das komplizierter. In der Regel wirkt ein Dutzend Hebammen mit. Eine Idee muss durch den politisch-bürokratischen Filter der zehn regionalen Machtzentren gepresst, austariert und regionalisiert werden. Das kann dauern. Und wenn es schiefgeht, ist niemand zuständig.

Kann sich «Smart Cookie» Teuteberg da genügend einfühlen, einbringen, prozessual durchsetzen und dabei den obligatorischen Dutti-Psalm absingen? Bringt der Galaxus-Chef die erforderliche Menge an Matrixverständnis, Resilienz und politischem Gespür mit? Oder, einfacher gefragt: Kann Teuteberg Migros?

Marcel Dobler sieht Teutebergs Rolle als VR-Präsident von Migros Online differenziert: «Es ist eine grosse Chance für das Onlinefoodgeschäft, aber die unterschiedlichen Firmenkulturen könnten auch Reibungsfläche erzeugen in der neuen Konstellation.» Ein anderer Weggefährte blickt hinter die Kulissen des Mannes, der gemäss vielen Einschätzungen kein Anhänger der typischen Top-down-Befehlskette ist: «Ehrgeizig, freundlich, aber indirekt autoritär.» Was bedeute: «Klares Rollenverständnis trotz scheinbar flachen, teamorientierten Hierarchien.» Passt das ins Migros-Biotop?

Auf einer anderen Spielwiese

Digitec-Co-Gründer Dobler gibt noch etwas zu bedenken: «Flo steht für Wachstum. Aber klar, Frische und Food generell sind natürlich schon andere Spielwiesen als das, was Digitec Galaxus gross gemacht hat.» Wie man also kurze Haltbarkeitsdaten und Kühlzonen im Griff behält, kann Teuteberg getrost den Profis bei Migros Online überlassen. Trotzdem steht er nun an der Spitze eines Unternehmens, das just mit den gleichen Produkten umgeht wie auch die Supermärkte der Migros selber.

Für Teuteberg ist es kein Manko, dass er bisher zwar schon vieles managte, aber wohl noch wenig mit der Fragilität von Himbeeren und Hackspinat zu tun hatte. Der neue Präsident legt seinen Fokus stark auf den Onlineaspekt, wie er ausrichten lässt: «Die Migros-Gruppe hat sich bei der Neuaufstellung entschieden, zusätzliche E-Commerce-Expertise in den Verwaltungsrat zu holen. Für die nötige Food-Erfahrung im Gremium können wir auf Mario Irminger und Peter Diethelm zählen.»

Foto: Handelszeitung

Was Migros-Konzernchef Irminger und Diethelm, Chef der Migros-internen Supermarkt AG, bestimmt interessieren dürfte: Kann das Onlinesupermarktgeschäft der Migros überhaupt rentabel betrieben werden?

Im Markt hört man, Migros Online verbrenne jährlich einen Betrag von 40 bis 50 Millionen Franken. Weder die Migros selbst noch Teuteberg wollen das kommentieren: «Migros Online schreibt zurzeit noch keine Gewinne. Detaillierte Angaben zur finanziellen Entwicklung des Unternehmens veröffentlichen wir nicht.» Aber für eine Ansage ist der neue VR-Präsident von Migros Online durchaus zu haben: «Wenn wir nicht glauben würden, dass sich ein Onlinesupermarkt gewinnbringend betreiben lässt, hätten Oliver, Hendrik und ich die Aufgabe nicht übernommen.»

Vom Erzrivalen überholt

Fast so ernüchternd wie das Segeln unterhalb des Break-even muss es für die Migros sein, dass ihr Onlinesupermarkt letztes Jahr erstmals vom Erzrivalen Coop.ch überholt worden ist. Ab wann soll Migros Online den Baslern wieder enteilen? Dazu gibt Teuteberg keine Antwort. Nur so viel: «Der Businessplan ist Aufgabe des CEO von Migros Online.»

Diesen Chef sucht das Unternehmen derzeit. Teuteberg selber steckte das Skill-Set jüngst auf dem Karrierenetzwerk Linkedin so ab: «Eine CEO-Persönlichkeit mit Klarheit, Mut und Leidenschaft: Jemand, der Menschen gewinnt, Teams beflügelt und sie dazu bringt, über sich hinauszuwachsen.» Andere würden es wohl kürzer formulieren: Teuteberg zwei.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen