Das WEF in Zahlen
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Event der Superlative:Das WEF in Zahlen

Kampf um das World Economic Forum
Der Davos-Krimi

Neue Erkenntnisse zeigen, wie das WEF seinen Gründer ausgebootet hat – und wie der Standort Schweiz in Gefahr ist.
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Treffen der Superlative: Die Vorbereitungen in Davos laufen auf Hochtouren.
Foto: Keystone
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Man kennt das Vorgehen von antiken Herrschern aus Mesopotamien und Ägypten, besonders weit trieben es die römischen Kaiser: die Damnatio memoriae, das Ausmerzen von allen Zeichen, die an den Vorgänger erinnern. Beim 56. Treffen des World Economic Forum (WEF), das am Montag in Davos GR beginnt, werden keine Namen weggemeisselt und keine Statuen zerstört – das Canceln des Gründers Klaus Schwab (87) hat anders, subtiler stattgefunden.

Das diesjährige Meeting in Davos, das zum Anlass der Superlative werden könnte, verfolgt Schwab aus der Ferne. «Ich gehe mal für ein paar Jahre auf Distanz», sagte er im Blick-Interview im November.

Viel wurde über den unglücklichen Abgang des Doyens gesagt und geschrieben, über die anonymen Vorwürfe im Frühling gegen Schwab. Über dessen Gegenwehr, über die entstandene Unruhe um das Forum, über die ungewisse Zukunft und die öffentliche Aufarbeitung des Falls. Doch bleibt einiges daran rätselhaft, im Halbdunkel der Geschichte.

Wer hatte ein Interesse, Lagarde zu verhindern?

Schon die zeitliche Abfolge zu Beginn der Affäre vergangenen Frühling wirkt bis heute seltsam: Am 14. April traf Schwab EZB-Präsidentin Christine Lagarde (70) in Frankfurt (D). Thema war die Regelung der Nachfolge an der WEF-Spitze, wie Schwab später öffentlich gesagt hat. Einen Tag später informierte er nur den innersten Kreis der WEF-Führung, die «drei B»: CEO Børge Brende (60), Stiftungsratsmitglied Thomas Buberl (52) und den damaligen Vice Chairman Peter Brabeck (81). Schwab hielt den Mitwisserkreis klein, zumal sich jede nach aussen dringende Information über einen Abgang von Europas oberster Währungshüterin auf die Finanzmärkte ausgewirkt hätte.

Exakt einen Tag später, am Morgen des 16. April, traf das berüchtigte Mail mit dem Absender «Rebecca» ein. Ist diese zeitliche Nähe Zufall? Hatte jemand ein Interesse daran, den Nachfolgeplan mit Lagarde zu vereiteln? Und wenn ja, mit welchem Motiv? Um diese Fragen möglichst gründlich zu beantworten, hatte die Justiz den nötigen Auftrag: Schwab reichte bei der Genfer Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen unbekannt wegen Verleumdung und Nötigung ein.

Ein Friedensdeal zwischen Schwab und dem WEF

Der Stiftungsrat allerdings hatte eine andere Agenda. Kurz nach dem Eintreffen der anonymen Anschuldigungen wurde – für einen hohen einstelligen Millionenbetrag – eine externe Untersuchung bei der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger bestellt. Dass diese praktisch nichts hervorbrachte und die Schwabs entlastete, ist mittlerweile aktenkundig. Doch das Image des WEF-Patrons war nachhaltig belastet.

Nachdem Schwabs Gegner erfolgreich die Nachfolgeplanung mit Christine Lagarde sabotiert hatten, standen sie durch den Homburger-Bericht allerdings vor einem Problem: Wenn die Strafverfolger jetzt auch noch die Urheberschaft der widerlegten Vorwürfe ermitteln und peinliche Einvernahmen der WEF-Kader stattfinden, ist der Fokus definitiv weg von Schwab. Also galt es um jeden Preis, die Ermittlungen der Genfer Justiz zu verhindern. Es gab nur einen Weg: Schwab musste seine Strafanzeige zurückziehen. Gutes Zureden reichte nicht.

Zunächst blieb der Patriarch stur – bis man ihn mit einem Deal überzeugen konnte: Schwab und das Board des WEF unterschrieben ein Abkommen. Inhalt: Der Patron zieht seine Anzeige zurück. Im Gegenzug sagte das Forum zu, alles zu unternehmen, um die Reputation von Klaus und Hilde Schwab wiederherzustellen. Der Deal sah explizit keine besondere Rolle mehr für Schwab vor – etwa eine Rückkehr als Chair oder als Ehrenpräsident –, sondern eine Normalisierung der Beziehungen.

Giftpfeile vom Ex-Nestlé-Chef

Ob dieser Teil der Abmachung eingehalten wurde, ist Ansichtssache – Schwab selber würde wohl entschieden verneinen: Seit Sommer gab es nach Blick-Informationen keinen offiziellen Austausch mehr zwischen dem Geschassten und der WEF-Führung. Mehr noch – die Entledigung des langjährigen Präsidenten geht munter weiter. So wird etwa die Preisvergabe der Foundation for Social Entrepreneurship dieses Jahr in Abwesenheit von Co-Gründerin Hilde Schwab (79) stattfinden.

Aus dem gegnerischen Lager wird überdies nach wie vor mit harten Bandagen gekämpft: «Man darf nicht vergessen: Klaus Schwab hat den Verwaltungsrat in Genf angezeigt», behauptete Peter Brabeck im Dezember gegenüber der «NZZ», nobel darüber hinwegblickend, dass Schwab seine Anzeige gegen unbekannt eingereicht hatte.

Dazu gab der Ex-Nestlé-Kapitän seine Abneigung ungewohnt undiplomatisch preis: «Natürlich kamen in der Vergangenheit viele Teilnehmende nach Davos, weil Klaus Schwab sie persönlich eingeladen hatte», giftelte Brabeck, «aber mindestens so viele kamen auch nicht nach Davos, weil Klaus Schwab dort war.»

Christine Lagarde soll noch im Rennen sein

Die offene Frage im Game ist jene Nachfolge – dem Vernehmen nach ist die Option Lagarde noch nicht vom Tisch. Das neue Führungsduo Larry Fink (73) und André Hoffmann (67), das vom Interimspräsidenten Brabeck übernahm, hat Ruhe in den Betrieb gebracht. Aber wie stehen sie zur Französin? Und hegen sie eigene Ambitionen auf einen längeren Einsatz? Klar ist: Mit jedem Tag sinken die Chancen, dass Lagarde überhaupt noch Lust auf den Job verspürt. Klar ist auch: Der französische Präsident Emmanuel Macron (48) möchte bei der Personalie Lagarde mitreden, weil er unbedingt mitbestimmen will, wer die Europäische Zentralbank übernehmen wird. Diese Funktion ist für das hoch verschuldete Frankreich äusserst relevant.

In Schockstarre vor Donald Trump

Für die Schweiz wiederum ist der WEF-Standort Davos existenziell. Immer lauter greift das Ausland nach dem Forum. Dass Saudi-Arabien im Frühling zum ersten Mal einen WEF-Anlass austragen wird, ist ein solches Zeichen. Auch die Amerikaner hegen Gelüste. Es kursieren Gerüchte, dass das WEF in den kommenden Jahren Davos einmal auslassen könnte – was offiziell bestritten wird. Schwab selber will sich auf Anfrage nicht mehr zum Thema äussern.

Der Bundesrat indes wird sich dieses Jahr kaum gross gegen US-Gelüste wehren: Zu gross ist die Angst, dass US-Präsident Donald Trump (79) bei einer falschen Bewegung der Schweiz sofort wieder zum Zollhammer greift. Die Eidgenossenschaft harrt stattdessen bewegungslos der Unberechenbarkeit von Trump, der mit seinem Gebaren durchaus an einen antiken Herrscher erinnert.

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