Darum gehts
- Just Eat stellt sein Modell um und will vermehrt selbständige Kuriere pro Auftrag bezahlen
- Vor dem Hauptsitz in Zürich protestierten Essenslieferanten gegen Entlassungen und forderten Sozialplan
- Gewerkschaften kritisieren neues Arbeitsmodell als Scheinselbständigkeit
Die Just-Eat-Kuriere gehen auf die Barrikaden: Vor dem Hauptsitz des Unternehmens in Zürich haben sich am Donnerstag ein Dutzend Fahrerinnen und Fahrer sowie zahlreiche Gewerkschafter versammelt. Ihr lautstarker Protest richtet sich gegen die anstehenden Entlassungen des Essenlieferdienstes.
«Ich bin traurig und auch hässig über das Vorgehen von Just Eat», schimpft Sofia R.* (23). Die Kurierin fährt 30 Stunden in der Woche Sushi, Nudeln und Co. für den Lieferdienst aus. Der Job hat ihr in den letzten Jahren ein stabiles Einkommen ermöglicht. «Mein Plan war, damit meine Ausbildung zu finanzieren. Das geht jetzt leider nicht mehr», bedauert sie im Gespräch mit Blick. Sorgen macht sie sich auch um ihre Kolleginnen und Kollegen: «Ich kenne Kuriere, die jetzt vor dem Nichts stehen.»
Just Eat hatte vergangene Woche angekündigt, sein Geschäftsmodell umzukrempeln. In Zukunft will das Unternehmen nicht mehr auf festangestellte Kuriere, sondern hauptsächlich auf selbständige Fahrer sowie externe Partner setzen. Das bringt die Kuriere auf die Palme. Sie beklagen, dass sie fortan die unternehmerischen Risiken tragen, und fürchten um ihre soziale Absicherung.
Weniger Lohn bei gleicher Arbeit
Auch Séverin S.* (26) protestiert in Zürich gegen die Pläne seines Arbeitgebers. Der Philosophiestudent fährt im Glatttal und in Zürich-Oerlikon zehn Stunden pro Woche Essen aus und finanziert sich so sein Studium. Dass Just Eat nun auf das gleiche Modell wie der grösste Konkurrent setzen will, weckt bei ihm böse Erinnerungen: «Ich habe früher für Uber Eats geliefert und weiss darum, wie es ist.» Man habe keine bezahlten Ferien und keine Versicherungen, erklärt er. «Unter dem Strich wird es jetzt weniger Lohn für die gleiche Arbeit geben», ist er überzeugt.
Die soziale Absicherung sei der grosse Vorteil von Just Eat gewesen, stimmt auch Panagiotis Tenko (30) zu. Der Albaner arbeitet seit drei Jahren für den Lieferdienst. Letztes Jahr hat er sich die Hand gebrochen. «Zum Glück war es nicht ganz so schlimm, weil ich immerhin weiter Lohn erhalten habe», blickt er zurück. Im neuen Anstellungsmodell sei diese Selbstverständlichkeit nicht gegeben.
Scheinselbständigkeit in der Kritik
Den Schritt begründet Just Eat in einer Mitteilung mit dem veränderten Bestellverhalten der Kunden und dem grossen Wettbewerbsdruck in der Branche. Es geht also um Sparmassnahmen.
Rund 500 Angestellte bangen nun um ihren Job, schreibt die «WOZ» mit Bezug auf ein internes Schreiben. Doch nicht überall kann Just Eat seine Belegschaft auf die Strasse stellen: Die Kantone Genf und Waadt haben dem umstrittenen Plattformmodell bereits den Riegel geschoben – die dort tätigen Kuriere müssen deshalb erst mal nicht um ihren Job bangen.
Die Gewerkschaften werfen dem Lieferdienst vor, die wirtschaftlichen Risiken auf die Kuriere zu verlagern und den Arbeitnehmerschutz zu schwächen. Neben den Lieferdiensten nehmen sie auch die Kantone in die Pflicht. In einer Petition fordert die Gewerkschaft Unia gemeinsam mit den Just-Eat-Kurieren, gegen die nach eigenen Angaben missbräuchlichen Anstellungsbedingungen vorzugehen.
* Namen geändert