Swissquote-Chef Marc Bürki im grossen Interview
«Plötzlich war ich 100 Millionen Franken ärmer»

Der Gründer und CEO von Swissquote blickt auf 25 Jahre Bankgeschichte zurück und sagt, wie es mit Yuh weitergeht. Seine Beziehung zu Schweizer Banken begann mit einem verlorenen Sparheft.
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Der Ingenieur: Zusammen mit Paolo Buzzi gründete Marc Bürki die Vorgängerfirma von Swissquote.
Foto: Walter Bieri

Darum gehts

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Michael Heim Handelszeitung
Michael Heim
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Marc Bürki hat mit der Swissquote Bank das Schweizer Banking geprägt. Als reine Digitalbank hat diese die Schweizer Banken einst mit Kampfpreisen herausgefordert und mittlerweile international expandiert. Swissquote tritt als Sponsorin von Uefa-Wettbwerben auf und engagiert sich in der Schweiz über die Tochter Yuh beim Fussballclub Young Boy.

Im Interview erklärt Firmenchef Bürki, warum es möglich war, dass zwei Ingenieure ohne Bankenknowhow eine Bank aufbauen konnte, was er mit Yuh noch vor hat und in wiefern ihn seine Kindheit in Nordafrika und das ETH-Studium geprägt haben.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch

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RMS

Dieser Artikel wurde im dem Magazin «Bilanz» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.bilanz.ch

Nach 25 Jahren an der Spitze der Bank dürfte Bürki bald einmal seinen Rückzug ankünden. Ein Datum dafür nennt er noch nicht, sagt aber, was er voher noch alles erledigen will. Die Handelszeitung hat Bürki in der Zweitniederlassung in der Zürcher Innenstadt zum Gespräch getroffen.

«Natürlich kommt irgendwann der Moment, in dem man das Zepter abgeben muss.» Marc Bürki sieht seinem Rückzug gelassen entgegen.
Foto: Philipp Mueller Photography für HZ

Herr Bürki, vor ein paar Tagen wurde der Wikipedia-Artikel zu Ihrer Person gelöscht. Offenbar wegen «Irrelevanz». Ist das bereits der erste Schritt ins Rentnerdasein des Marc Bürki?

Nein, nein! Mein Commitment steht noch bis mindestens 2027. Und dann schauen wir weiter. Ich bin gerade 65 geworden. Natürlich kommt irgendwann der Moment, in dem man das Zepter abgeben muss.

Schieben Sie den Gedanken daran hinaus?

Nein, aber im Moment bin ich einfach noch sehr aktiv dabei. Wir erleben gerade den Wechsel der Bank von der Finma-Kategorie 4 zur Kategorie 3, womit viel auf uns zukommt, weil wir mit zunehmender Grösse intensiver beaufsichtigt werden. Gleichzeitig mache ich mir keine Sorgen darüber, einen geeigneten Nachfolger zu finden – intern oder extern.

Zur Person: Marc Bürki

Der studierte Elektroingenieur (EPFL) Marc Bürki gründete 1990 zusammen mit Paolo Buzzi die Firma Marvel Communications, aus der später die Finanzplattform Swissquote wurde. Seit 2017 sitzt Bürki im ETH-Rat. Er ist 65 Jahre alt, geschieden und hat zwei Kinder. Als grosse Leidenschaft bezeichnet er das Fliegen mit seiner Pilatus PC-12.

Wie schwer ist es, sich zu lösen? Die Bank gehört Ihnen zu einem guten Teil, Sie haben sie gegründet und sind mittlerweile der dienstälteste Chef im SPI-Index.

Ich habe da ein gutes Vorbild: Paolo Buzzi, mein Gründungspartner, hat sich bereits erfolgreich zurückgezogen. Ich will als CEO sicher noch unseren neuen Hauptsitz einweihen, den wir gerade in Gland VD hochziehen. Aber es ist klar, dass man sein Baby irgendwann abgeben muss.

Und danach? Der Wechsel in den Verwaltungsrat?

Zunächst einmal kommt da eine vorgeschriebene Cooling-off-Periode. Ausserdem haben wir eigentlich eine Soft Rule, wonach im Verwaltungsrat eine Altersgrenze von siebzig gilt. Da wird es eng.

Sie haben vor 25 Jahren ohne Bankenerfahrung die heute grösste Schweizer Onlinebank gegründet. Was machten die Banken damals falsch, dass das möglich war?

Das war eine Mischung. Einerseits war da dieses neue Medium Internet, das es überhaupt erst möglich machte, dass Personen auf Finanzinformationen und Bankdienstleistungen zugreifen konnten. Andererseits hatten die traditionellen Banken Mühe damit, ihre Geschäftsmodelle anzupassen.

War das eine technische Frage, oder haben die Banken nicht begriffen, was abging?

Das Thema wurde massiv unterschätzt. Ich erinnere mich an Treffen mit Bankern, bei denen es hiess, unser damaliger Onlineauftritt mit Börsenkursen – noch ohne Banking – sei doch nur etwas für Geeks. Videotex genüge voll für Kursinformationen. Und jetzt, 25 Jahre später, sind wir mit der KI wieder in einer ähnlichen Situation.

Unterschätzen die Banken die künstliche Intelligenz?

Ich weiss nicht, ob sie diese noch unterschätzen. Aber das Ausmass der Veränderung durch die KI wird massiv sein.

Marc Bürki im Schaufenster der Swissquote-Niederlassung an der Zürcher Löwenstrasse. Die dortigen Büros werden demnächst an einen neuen Standort verschoben, da der Platz zu knapp wurde.
Foto: Philipp Mueller Photography für HZ

Was bedeutet das für Swissquote?

Wir sind eine technologiegetriebene Bank. Ein Drittel unseres Personals arbeitet in der IT. Das gibt uns Möglichkeiten, ganz vorne mitzumachen. Wenn ich heute eine neue Bank gründen würde, würde ich zu 100 Prozent auf KI setzen.

Müssten Sie eine neue Bank gründen?

Mit Yuh haben wir das ja ein wenig gemacht. Da testen wir die ersten KI-Ansätze. Wir träumen schon seit Jahren vom Digital Coach. Jetzt wird absehbar, wie man so einen bauen kann. Allerdings schaut die Finma auch ganz genau drauf, dass wir nicht plötzlich Beratungsdienstleistungen anbieten.

Die Finma als Innovationsbremse?

Nein, die Finma ist keine Innovationsbremse. Aber wir müssen darauf achten, dass die digitalen Tools nur Entscheidungshilfen bieten, selber aber keine Entscheidungen treffen oder vorschlagen.

Nun drängen KI-Tools wie Claude genau in dieses Geschäft und werden faktisch zu Finanzberatern. Ist da die Frage lediglich, ob diese KI-Beratung ausserhalb Ihrer Bank stattfindet oder in Ihren Systemen?

Oder wir bauen sie innerhalb der Systeme mit Tools von ausserhalb. Niemand hat die Ressourcen, selber ein KI-Sprachmodell zu bauen. Aber wir besitzen die Informationen über die Kunden: Trading-Verhalten, Bankgeschichte. Natürlich kann ein Kunde das in eine KI rüberkopieren, aber die wird nie das gleiche Bild haben wie wir.

Oder sie öffnen Ihre Schnittstellen und geben KI-Anbietern Zugriff auf die Bankdaten.

Da müssen wir vorsichtig sein, und schauen, dass man nicht sensible Daten offenlegt. Letztlich ist die KI-Thematik auch eine Kostenfrage. Noch ist die Nutzung dieser Systeme günstig. Aber es nur eine Frage der Zeit, bis die Preise anziehen, und dann kann es schnell teuer werden, wenn man überall KI integriert hat. Daher verwenden wir auch nicht nur eine einzelne KI, sondern diverse Lösungen bis hin zu den chinesischen Sprachmodellen.

Das Unternehmen: Swissquote

Swissquote startete einst als Website für Börsendaten, wurde 2000 von Bürki und Buzzi jedoch zum Onlinebroker und später zur Bank umgebaut. Die Bank ist ebenfalls seit 2000 selbst an der Börse und hat derzeit eine Kapitalisierung von gut 6 Milliarden Franken. 2025 erzielte die Bank einen Jahresgewinn von 366 Millionen Franken. Per Halbjahr 2026 betrug die Bilanzsumme 16,9 Milliarden Franken, die verwalteten Vermögen lagen bei 96,3 Milliarden Franken.

Bei Yuh haben Sie einen KI-Chat integriert. Kommt das auch bei Swissquote?

Ja, sicher. Wir verwenden Yuh als Testcase. Unsere Yuhlia ist aber noch stark gedrosselt. Interessant ist, dass wir bereits Hunderttausende Anfragen verbuchen. Da kommen die unterschiedlichsten Fragen bis hin zum Wetter.

Wo ist die Grenze dessen, was die Finma zulässt?

Da ist viel möglich. Ich kann mir eine Aktienanalyse erstellen lassen oder mich über wichtige Events informieren lassen. Das No-Go wäre eine konkrete Kaufempfehlung. Das ist aber auch deshalb heikel, weil die KI noch immer dazu tendiert, das zu empfehlen, was der Kunde erwartet. Die KI widerspricht uns nicht, und das macht sie zu einer schlechten Beraterin. Ich versuche immer wieder, die KI so lange zu manipulieren, bis ich zwei komplett unterschiedliche Antworten habe. Zum Beispiel: Es ist der richtige Moment, in Fluggesellschaften zu investieren - oder genau der falsche.

Herr Bürki quält in der Freizeit die KI?

Nur zum Spass.

Was macht die KI mit Ihrem Geschäftsmodell? Sie leben gut von Vermögensverwaltern, die bei Swissquote die Depots führen. Braucht es die überhaupt noch?

Ich glaube nicht, dass die Vermögensverwalter verschwinden werden, denn es gibt immer Leute, die diese Arbeit gerne an Menschen delegieren. Aber es gibt eine ganze Generation, die mit digitalen Lösungen aufgewachsen ist und die ein anderes Konsumverhalten hat. Und die macht das dann vielleicht nicht mehr.

Auch für die Postfinance sei die Yuh-Rechnung aufgegangen, sagt Bürki. «Die Postfinance hat viel Geld damit verdient. Sie hat 25 Millionen Franken investiert und am Ende das Vierfache davon erhalten.»
Foto: Philipp Mueller Photography für HZ

Yuh und Swissquote sind noch stark getrennt. Das soll nun offenbar durchlässiger werden.

Ja, und das war ein Grund dafür, dass wir die Postfinance ausgekauft haben. Es wäre kompliziert geworden, Yuh-Kunden mit etwas mehr Vermögen aktiv ein Swissquote-Angebot zu machen, solange die Postfinance an Yuh beteiligt war.

Weshalb hat die Postfinance überhaupt in Yuh investiert? Für Swissquote war das eine Erweiterung in ein neues Geschäftsfeld. Die Postfinance hingegen hat eigentlich nur Kunden an Yuh verloren.

Die Postfinance hat viel Geld damit verdient. Sie hat 25 Millionen Franken investiert und am Ende das Vierfache davon erhalten. Natürlich hat sie am Anfang auch viele Kunden gebracht. Wir kamen dann aber an einen Punkt, an dem wir uns fragten, wie es weitergeht. Die Postfinance musste gute Zahlen ausweisen, und für uns war das ein idealer strategischer Move. So kam es zum Auskauf.

Hat es die Trennung erleichtert, dass sich die Postfinance kurz davor mit der Yuh-Konkurrentin Revolut ins Bett gelegt hat? Sie wickelt für die Briten den Schweizer Zahlungsverkehr ab.

Ich glaube, das war selbst für die Postfinance-Führung eine Überraschung. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Revolut-Zusammenarbeit von ganz oben abgesegnet worden war. Natürlich ist Revolut ein Konkurrent. Aber noch operieren die aus Litauen heraus und ohne Schweizer Angebote wie Twint. Mit der Schweizer Lizenz, die sie nun beantragt haben, dürfte sich das ändern.

Yuh soll ins Ausland expandieren. «Die Schweiz ist ein interessanter Markt, aber sie ist auch ein kleiner Markt», sagt Bürgi.
Foto: Philipp Mueller Photography für HZ

Kommt jetzt die Auslandsexpansion mit Yuh?

Es ist das Ziel, mit Yuh ins Ausland zu gehen, denn die Märkte integrieren sich, und auch unsere Konkurrenten sind weltweit tätig. Die Schweiz ist ein interessanter Markt, aber sie ist auch ein kleiner Markt. Es liegt auf der Hand, in Europa Fuss zu fassen mit einer Lösung, die in der Schweiz so erfolgreich ist. Erst müssen wir unsere App aber noch an die europäischen Mifid-Regeln anpassen. Da sind wir derzeit bei etwa 85 Prozent. Und dann kommt die Frage, über welche Bank wir das machen. Das Naheliegende wäre Luxemburg, weil wir da ja schon eine Tochter mit Banklizenz haben.

Und von dort aus greifen Sie dann Deutschland an?

Deutschland, Frankreich und Benelux wären sicher die naheliegendsten Märkte.

Wann wird es so weit sein?

Ich würde das schon noch gerne machen, bevor ich gehe. Wünschenswert wäre 2027.

Das Mutterhaus Swissquote hat zuletzt sehr gut gelebt vom Handel mit Kryptowährungen, doch der ist nun ziemlich eingebrochen. Ist die Party vorbei?

Die Volatilitäten haben abgenommen, aber zuletzt hat der Bitcoin wieder zugelegt, und da kamen dann auch die Handelsvolumen zurück. Gleichzeitig sind auch Gelder von der Kryptowelt ins KI-Umfeld geflossen. Doch auch da gibt es Übertreibungen, weshalb ein Teil bereits wieder zurückfliesst.

Zuletzt sprach man auch oft von Prognosemärkten als Spekulationsvehikel. Ist das ein Thema für Sie als Bank?

Regulatorisch wäre es in Europa sehr schwierig, als Bank in die Prediction Markets einzusteigen. Wir glauben nicht daran und werden das auch nicht tun.

Ist aus dem einstigen Broker Swissquote schon eine echte Bank geworden? Sie bewerben sich heute deutlich anders als noch vor ein paar Jahren.

Bis vor fünf Jahren waren wir die klassische Zweitbank für Investments. Doch wir wollten auch die Bank für den Monatslohn werden und die täglichen Ausgaben. Bei Yuh sind wir da schon deutlich weiter, da hat ein Fünftel der Kunden einen Lohneingang. Bei Swissquote sind das noch weniger als 10 Prozent, allerdings mit steigendem Anteil.

Sie verdienen auch viel Geld mit dem Bilanzgeschäft: Einlagen und Kredite.

Ja, unsere Bilanz ist stark angewachsen. Wir haben vor kurzem der Finma die Meldung gemacht, dass wir die 17’Milliarden Franken überschreiten werden, die uns zur Kategorie-3-Bank machten. Inzwischen ist das wohl passiert.

Bei den Kundenassets standen Sie zuletzt kurz vor der Schwelle von 100 Milliarden Franken.

Beim Halbjahr waren es 96 Milliarden. Mit Blick auf die Neugelder, die wir zuletzt verbuchten, sollte es bis Ende Jahr eigentlich reichen, um die 100 Milliarden zu überschreiten.

Unter dem Trikot des britischen Fussballers Wayne Rooney unterhalten sich Marc Bürki (r.) und HZ-Redaktor Michael Heim. Swissquote sponserte einst Rooneys Club Manchester United.
Foto: Philipp Mueller Photography für HZ

Ihr grösster Konkurrent in der Schweiz, die Saxo Bank, wurde vor einem Jahr an Safra Sarasin verkauft. Was hat sich damit für Sie verändert?

Es ist nicht das erste Mal, dass eine traditionelle Bank einen Digitalanbieter kauft. Und nicht immer war das erfolgreich. Ich denke, dass die Safras mit Saxo vor allem Technologie eingekauft haben.

Änderte sich etwas an der Marktkonstellation?

Saxo hat das Geschäftsmodell radikal umgebaut – hin zu einem Discount-Broker. Das ist sehr mutig, denn das ist eine Einbahnstrasse. Da kann man nicht mehr so leicht zurück. Für uns hat das bislang einen neutralen Effekt. Wir verlieren etwa gleich viele Kunden an Saxo, wie wir von dort gewinnen.

Welche Bank liefert Ihnen am meisten Kunden?

Die UBS!

Hatten Sie auch schon Übernahmeangebote?

Natürlich hatten wir Angebote von verschiedenen bekannten Namen. Wir hatten auch mal Gespräche mit Saxo über einen Zusammenschluss. Und auch mit der Credit Suisse haben wir gesprochen.

Dass Sie die CS kaufen oder umgekehrt?

Natürlich umgekehrt! Das ist schon mehr als zehn Jahre her, und ich glaube, da ging es auch vor allem um die Technologie. Aber die Gespräche kamen nicht weit. Das wäre zu kompliziert geworden und hätte sich wohl nicht gelohnt. Wir suchten selber nie so einen Deal. Oft werden die von den Investmentberatern gepusht.

Internationale Broker wie Trade Republic fahren oft eine Discountstrategie. Können Sie da mit Swissquote und Yuh im Ausland überhaupt mithalten?

Mit den Discountbrokern sind wir preislich nicht konkurrenzfähig, auch wenn es bei Yuh beispielsweise keine Depotgebühren gibt. Wir positionieren uns höher. Ich bin sicher, dass es dafür einen Markt gibt.

Warum sind sie die einzige Schweizer Bank, die mit einem Retail-Angebot im Ausland präsent ist?

Das hat regulatorische Gründe. Man muss sich als Bank an den EU-Markt anpassen, und dieser Markt hat sich erst in den letzten Jahren integriert. Da kann ich nun mit einer Lizenz ganz Europa bedienen.

Revolut hat vorgemacht, wie das geht.

Ja, aber gleichzeitig bedient Revolut seit Jahren den Schweizer Markt vom Ausland aus, ohne sich an hiesige Regeln halten zu müssen.

Da kann der Schweizer Bankenplatz halt schwer was dagegen sagen, nachdem man Jahrzehnte lang Offshore-banking mit europäischem Schwarzgeld betrieben hat.

Ich habe das mal mit dem damaligen Finma-Chef Mark Branson besprochen. Er meinte, die Schweiz gehe mit ihrem liberalen System als Vorbild voran, dem Europa folgen werde. Das war ein Wunschtraum. Europa wird Schweizer Banken nie einfach so gewähren lassen – umgekehrt gilt das aber offenbar nicht.

Weiteres Fussballsponsoring: Die Swissquote-Tochter Yuh sponsert neu den Berner Fussballclub Young Boys. Im Bild: Jan De Schepper, Marc Bürki und Marcel Brülhart (v.l.).
Foto: Thomas Hodel

Sie sagen, Yuh sei der Ort für die Experimente. Yuh tritt aber auch deutlich moderner auf. Man merkt Swissquote an, dass es von Ingenieuren entworfen wurde und nicht von Marketingleuten.

Yuh ist sicher anders positioniert. Frischer, frecher und im Du-Modus. Und wer weiss, vielleicht wird Yuh in Zukunft auch zum Wachstumsmotor für die ganze Bank. Wir haben ja jetzt mit Jan De Schepper einen super Marketingprofi bei uns. Natürlich waren Paolo und ich eher die Ingenieure. Aber ich kann nicht eine Kategorie-3-Bank führen, ohne zumindest auch ein wenig zum Banker geworden zu sein.

Ich habe mal gelesen, dass Sie auf Einreiseformularen immer noch Ingenieur als Beruf angeben.

Wenn ich in die USA reise, schreibe ich auf jeden Fall ‹Ingenieur› ins Einreiseformular.

War es mehr eine Hilfe oder ein Hindernis beim Aufbau von Swissquote, dass Sie keinen Bankenhintergrund hatten?

Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Ich glaube nicht, dass es für zwei Ingenieure heute noch so einfach wäre, eine Bank zu gründen. Für uns als ETH-Abgänger war gefühlt alles möglich.

Lernt man diese Attitüde an der ETH?

Ja. Für alles gibt es eine Lösung, man muss sie nur finden. Man lernt da schon auch, das Establishment infrage zu stellen. Das machen die beiden Schulen – ETH und EPFL – sehr gut.

Wann hatten Sie das Gefühl, es geschafft zu haben und mit dem Ding reich zu werden?

Das Gefühl, reich zu sein, habe ich eigentlich nur, wenn ich meine Steuern bezahle.

Ihr Vermögen zu berechnen, ist relativ einfach. Sie besitzen 11 Prozent von Swissquote, die derzeit mit 6,2 Milliarden Franken kapitalisiert ist.

Ich habe fast nie Aktien verkauft. Mein Einkommen besteht vor allem aus den Dividenden – und das ist ein schönes Einkommen. Aber als nach den Halbjahreszahlen der Kurs um 15 Prozent absackte und ich beim Blick aufs Konto feststellen musste, dass ich gerade 100 Millionen ärmer geworden war, war das schon auch etwas. Daher nehme ich das Ganze eher mit Distanz.

Blick zurück: Paolo Buzzi (l.) und Marc Bürki an einer Medienkonferenz in Zürich am Freitag, 22. Februar 2002, zum Geschäftsjahr 2011 von Swissquote.
Foto: Keystone

Wann merkten Sie, dass Swissquote da war, um zu bleiben?

Das war wohl 2003 als wir aus der Startup-Phase, und damit auch aus der Verlustphase, herauskamen. Während Covid sahen wir dann, dass digitale Dienstleistungen wie unsere vollends bei den Bürgerinnen und Bürgern angekommen waren. Das hat uns einen regelrechten Wachstumsknick verschafft. Covid kam zum richtigen Zeitpunkt. Die Welt war bereit für Online-Dienstleistungen.

Was war der kritischste Moment in der Geschichte?

Das Platzen der Dotcom-Bubble war sicher ein kritischer Moment. Und das Jahr 2015, als die Nationalbank die Euro-Untergrenze fallen liess.

Da haben sich viele Ihrer Kunden verspekuliert, und Sie mussten die Verluste ausbuchen.

Ja, das hat uns ein paar Millionen gekostet. Im Moment beschäftigt uns vor allem die Cyberkriminalität, die von den KI-Entwicklungen gepusht wird. Da müssen wir massiv aufrüsten.

Sie haben eine spezielle persönliche Geschichte. Aufgewachsen sind Sie in Nordafrika und haben die Schweiz erst im Studium kennengelernt.

Genau. Meine ersten zehn Jahre lebte ich in Tunesien. Danach waren wir kurz in der Schweiz, zogen später aber nach Casablanca, wo ich dann auch die Matura machte. Marokko hat auch das französische Schulsystem. Daher stellte sich die Frage: Gehe ich weiter den französischen Weg? Glücklicherweise bin ich dann in die Schweiz gekommen, an die ETH.

Kannten Sie da auch die Schweizer Banken nur vom Hörensagen?

Nicht ganz. Mein Vater sagte immer: «Du brauchst ein Schweizer Bankkonto.» Ich habe dann festgestellt, dass mir ab einem gewissen Zinsertrag Verrechnungssteuern abgezogen werden, weshalb ich mein Geld auf sechs Banken verteilte. Dummerweise verlor ich die Tasche mit den Sparheften – und wusste nicht mehr, bei welchen Banken die Konten waren. Also ging ich bei allen möglichen Banken vorbei und fragte, ob ich Kunde sei. Fünf Konten habe ich wiedergefunden. Das sechste hingegen nicht mehr.

Das ist bis heute verschollen?

Ja. Irgendwo da draussen gibt es noch ein Konto von mir mit 1000 Franken drauf. Vermutlich gibt es diese Bank gar nicht mehr.

Kein Wunder, haben Sie später eine Digitalbank gegründet! Besitzen Sie auch Kryptowährungen?

Ich habe sehr früh ein paar Bitcoins gekauft. Das ist eigentlich eine lustige Geschichte.

Erzählen Sie!

Wir hatten einmal eine Attacke auf unsere Systeme und hätten 100 Bitcoin als Lösegeld bezahlen sollen. Wir bauten dann über Nacht eine Verteidigung auf. Doch Paolo meinte: Komm, zur Sicherheit kauf ich mal die 100 Bitcoin. Glücklicherweise brauchten wir die dann nicht. Leider verkauften wir 90 Bitcoins wieder zu einem Kurs von rund 200 Dollar. Paolo und ich behielten je 5. Und die liegen bis heute in meinem Depot.

Zugabe

Was wollten Sie als Kind werden?

Pilot.

Das wurden Sie ja auch. Gibt es einen unerfüllten Berufstraum?

Nein, eigentlich nicht.

Wem würden Sie mal gerne die Meinung sagen?

Donald Trump.

Wo hatten Sie Ihr erstes eigenes Bankkonto?

Vermutlich bei der Schweizerischen Kreditanstalt.

Was war Ihr grösstes Fehlinvestment?

Die Kryptowährung Tezos. Verlust: 93 Prozent. Und Aktien von der Credit Suisse: rein mit 20 Franken, raus mit 3 Franken.

Und womit verdienten Sie am meisten?

Mit Swissquote-Aktien.

Was ärgert Sie am meisten?

Die amerikanische Politik. Die USA waren immer eine Vorbilddemokratie, und ich war immer ein Amerika-Fan. Es tut weh, zu sehen, wie sich das verändert hat.

Wohin geht es als Nächstes in die Ferien?

Nach Marokko.

Was tun Sie an einem typischen Sonntagabend?

Eine Bratwurst grillieren.

Haben Sie ein verstecktes Talent?

Ich kann gut basteln. Wenn etwas kaputt ist, repariere ich das gerne selber.

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