Darum gehts
- Aktienmärkte optimistisch, doch Anleihemärkte alarmieren wegen steigender Zinsen weltweit
- US-Staatsanleihen-Rendite auf 5,2 %, höchster Stand seit 2007
- Iran-Konflikt treibt Energiepreise hoch, verstärkt Inflation und Zinsdruck
An den Börsen ist die Welt scheinbar völlig in Ordnung: Die Stimmung ist optimistisch. Die guten Quartalsergebnisse der US-Tech-Riesen treiben die Aktienkurse nach oben. Die wichtigsten Börsenindizes notieren nahe an ihren Rekordhochs. Doch am Finanzmarkt sind bereits dunkle Wolken aufgezogen.
So sendet der Anleihemarkt gerade deutliche Alarmsignale aus. Weltweit verkaufen Anleger ihre Staatsanleihen, weil sie das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit von grossen Wirtschaftsnationen verloren haben. Dadurch steigen die Renditen der staatlichen Schuldpapiere – und zwar schnell. Aus Sicht der Staaten heisst das: Sie müssen Investoren, die ihnen Geld leihen, deutlich höhere Zinsen zahlen. Das verteuert die Zinskosten der Staatsschulden.
Besonders stark klettern die Renditen bei Staatsanleihen mit langer Laufzeit. Am Dienstag stieg die Rendite der 30-jährigen US-Staatsobligation auf 5,2 Prozent – den höchsten Wert seit Ausbruch der Finanzkrise 2007. In Grossbritannien hat die Rendite der Staatsanleihe für die gleiche Laufzeit mit 5,8 Prozent das höchste Niveau seit 1998 erreicht. Und in Japan kletterte der 30-Jahre-Schuldschein auf ein Rekordhoch. Die renommierte britische Wirtschaftszeitung «Financial Times» schrieb kürzlich vom «Great Global Bond Freakout» – frei übersetzt: «weltweite Panik am Anleihemarkt». Was ist da los?
Iran-Krieg befeuert die Teuerung
Dass der Anleihemarkt gerade so taumelt, hat vor allem mit dem Iran-Krieg zu tun, wie Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler (51) gegenüber Blick sagt. «Die seit mehreren Wochen beeinträchtigte Schifffahrt in der Strasse von Hormus hat zu deutlich steigenden Energiepreisen geführt, was einen globalen Inflationsdruck erzeugt hat. Die daraus resultierenden höheren Inflationserwartungen haben international zu steigenden Zinsen geführt.»
Die Renditen der Staatsanleihen zusätzlich nach oben treibt, dass die Verschuldung vieler Staaten zunimmt – etwa jene der USA und von europäischen Ländern. Diese investieren derzeit riesige Summen für die Verteidigung – und strapazieren mit den Militärausgaben die Staatsbudgets. Deshalb verlangen Investoren zunehmend höhere Risikoprämien für Staatsanleihen. Dazu sagt Anlageexperte Maurizio Porfiri (49) vom Zürcher Finanzunternehmen Maverix Securities: «Die Renditen steigen nicht, weil Staatsanleihen plötzlich ‹unsicher› geworden sind. Sie steigen, weil der Markt Staaten mit strukturellen Defiziten, politischer Fragmentierung und hartnäckiger Inflation nicht mehr zu Vorkrisenkonditionen finanzieren will.»
Leidet bald auch der Aktienmarkt?
Die schlechte Nachricht: Beim Seilziehen der USA und dem Iran um die Strasse von Hormus zeichnet sich keine schnelle Einigung ab. Entsprechend ist davon auszugehen, dass «die Energiepreise über den Sommer hinweg weiter steigen», so Geissbühler. Das befeuert die Inflation und übt Druck auf die Notenbanken aus, die Leitzinsen zu erhöhen. «Entsprechend dürfte auch das Zinsniveau hoch bleiben beziehungsweise weiter anziehen», prognostiziert der Anlagechef von Raiffeisen Schweiz.
Wie geht es den Schweizer Firmen? Was läuft an der Wall Street? Und wie entwickelt sich der Goldpreis? Wir halten dich über die neusten Entwicklungen an den Märkten auf dem Laufenden – hier im Liveticker.
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Die trüben Aussichten für den Anleihemarkt sorgen an den Börsen für Nervosität. Denn: «Der Anleihemarkt ist der Härtetest für Aktienbewertungen», so Experte Porfiri. Die deutlich gestiegenen Zinsen bei staatlichen Schuldscheinen wirken sich normalerweise dämpfend auf die Aktienmärkte aus. «Wenn Staatsanleihen wieder 4 bis 5 Prozent Rendite liefern, müssen Aktien eine höhere Risikoprämie rechtfertigen. Das ist kein automatisches Verkaufssignal, aber es stellt höhere Ansprüche an Margen, Wachstum und Bilanzqualität», führt Porfiri aus.
Noch befeuert der Boom von künstlicher Intelligenz die Börsen. Das macht die Aktienmärkte aber auch anfällig. Und der taumelnde Anleihemarkt verheisst nichts Gutes. Die Gefahr von sinkenden Kursen steigt, wie Geissbühler betont. «Sollten die Zinsen in den kommenden Wochen weiter steigen, ist entsprechend mit einer Korrektur an den Aktienmärkten zu rechnen.»
Dieser Artikel dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die dargestellten Meinungen und Einschätzungen beruhen auf sorgfältiger Recherche, können jedoch nicht die individuelle Prüfung und Beratung durch Fachleute ersetzen. Börsenentwicklungen sind von vielen Faktoren abhängig und nicht vorhersehbar. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte bergen Risiken, einschliesslich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals.
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