Erklärstück mit 5 Punkten
Was ist eigentlich mit «dem Ölpreis» genau gemeint?

Seit dem Ausbruch des Irankriegs ist die Preisentwicklung von Öl stark im Fokus: Dabei gibt es den einen Erdölpreis gar nicht – ein Erklärstück in fünf Punkten.
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Die Krise um die Erdölversorgung hat zu einem heftigen Preisanstieg des Rohstoffs geführt. Doch es gilt, sehr unterschiedliche Preise und Preiseffekte zu beachten.
Foto: IMAGO/ITAR-TASS/ Sipa USA

Darum gehts

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Markus Diem Meier
Handelszeitung

Mitte Mai kostete ein Fass Rohöl über 109 Dollar und damit rund 80 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Die Gründe sind der Krieg um den Iran und vor allem die weitgehende Blockade der Strasse von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls transportiert wird. Die Folgen sind teureres Benzin, Diesel und Kerosin und deshalb unter anderem auch höhere Preise für Flugtickets. Generell rechnen Zentralbanken bereits Inflationsszenarien durch. Doch was genau ist «der Ölpreis»? Hinter der scheinbar simplen Zahl verbirgt sich ein komplexes Geflecht aus Sorten, Märkten und Zeithorizonten.

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Alle reden vom Ölpreis, doch damit kann vieles gemeint sein

Wenn in Europa generell vom Ölpreis die Rede ist, ist damit gewöhnlich jener für die Sorte Brent Crude gemeint. Dabei handelt es sich um ein leichtes, schwefelarmes Rohöl aus der Nordsee. Der Name Brent geht zurück auf ein mittlerweile stillgelegtes Ölfeld in der Nordsee, welches das Unternehmen Shell 1971 entdeckt und 1976 in Betrieb genommen hatte. Shell hatte damals die Tradition, seine Nordseefelder nach Vögeln zu benennen – Brent ist eine Vogelart.

Die wichtigste Sorte neben Brent ist WTI (West Texas Intermediate) als amerikanische Referenz. Leichtes, schwefelarmes Öl wie Brent oder WTI lässt sich einfacher zu Benzin und Kerosin raffinieren als Sorten mit schwerem, saurem Öl, die aus den Golfstaaten, Kanada oder Venezuela stammen. Das macht Brent und WTI wertvoller. Ihre Preise bewegen sich gewöhnlich in die gleiche Richtung. Angesichts der grösseren Knappheit in Europa ist aktuell Brent teurer als WTI. Generell hat jede Sorte ihren eigenen Preis, abhängig von Dichte, Schwefelgehalt und geografischer Lage.

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Vom Rohöl zum Diesel und zum Kerosin

Der Preis von Rohöl steht nur am Anfang. In Raffinerien wird Rohöl zu Produkten wie Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin (dem Treibstoff für Flugzeuge) weiterverarbeitet. Diese Produkte – Ölderivate genannt – haben eigene Märkte und Einflussfaktoren und daher auch eigene Preise. In Krisenzeiten wie jetzt steigen vor allem die Preise von Diesel und Kerosin deutlich stärker an als der Rohölpreis. Wenn Rohöl plötzlich knapp und teuer wird, können Raffinerien weniger von diesen Derivaten produzieren. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage danach hoch.

Die Differenz zwischen dem Rohölpreis und dem Preis eines Derivats nennt sich Raffineriemarge oder «Crack Spread». Im Mai 2026 ist der Crack Spread für Kerosin auf Rekordhöhen gestiegen: Fluggesellschaften zahlen für Kerosin proportional weit mehr, als der gestiegene Rohölpreis allein erklären würde. Deshalb steigen auch die Flugpreise. Diesel steigt stärker als Benzin, weil sich die Nachfrage danach weniger anpassen kann und weil Diesel raffinierungstechnisch aufwendiger ist. Deshalb sind Engpässe schwieriger zu beheben.

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Der Preis über die Zeit – Ölpreise sind meist Future-Preise

Wenn vom Ölpreis die Rede ist, ist damit nicht wie sonst der Preis für eine sofortige Lieferung gemeint. Es ist der Preis für eine Lieferung in einem bestimmten künftigen Monat, auf den sich Käufer und Verkäufer einigen. Man spricht hier von einem Terminkontrakt oder Future. Ein Standard-Future-Kontrakt auf Brent umfasst 1000 Fass – rund 159'000 Liter Rohöl. Wenn generell vom Ölpreis die Rede ist, bezieht er sich auf den nächstfälligen Kontrakt (Front Month). Für industrielle Abnehmer – Raffinerien, Fluggesellschaften, Energieversorger – ist der Terminmarkt das wichtigste Werkzeug zur Preisabsicherung.

Es gibt daneben auch den Preis für sofort verfügbares, physisches Öl – bei der Sorte Brent ist es der sogenannte Dated Brent. Er spiegelt die unmittelbare Knappheit am direktesten wider. In der aktuellen Krise lag er zeitweise massiv über dem Futures-Preis, von dem gewöhnlich die Rede ist. Der Dated Brent ist dennoch nicht der Referenzpreis – der physische Spotmarkt ist im Vergleich zum Futures-Handel zu klein und zu wenig liquide.

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Die Ölpreise der Zukunft sind keine Orakel, aber Seismografen

Erstellt man eine Grafik der Futures-Preise für eine Ölsorte wie Brent für die künftigen Liefermonate, ergibt sich eine sogenannte Terminkurve. Aktuell ist diese abnehmend. Das heisst, die Futures-Preise sinken für jeden späteren Monat. Eine Airline, die heute ihren Winterbedarf absichert, kauft Rohöl-Futures für Dezember zu rund 90 Dollar – fast 20 Prozent unter dem aktuellen Preis. Da Rohöl- und Kerosinpreise stark korrelieren, ist das eine gängige Absicherungsstrategie. Zuweilen werden Future-Preise fälschlicherweise als Prognose für den weiteren Ölpreisverlauf gelesen. Doch Futures zeigen nur, zu welchem Preis sich Käufer und Verkäufer heute absichern.

Die Kurve verändert sich täglich – und nicht nur die Preise der nahen Monate. Auch die Preise der fernen Monate reagieren laufend auf neue aktuelle Markteinschätzungen. Ist die kurzfristige Lieferung wie jetzt teurer als die langfristige – im Fachjargon Backwardation genannt –, signalisiert das eine aktuelle Knappheit. Die Kurve ist kein Orakel. Aber sie zeigt den Puls des Marktes.

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Die historische Bedeutung von massiven Ausschlägen des Ölpreises

Ausschläge des Erdölpreises hatten immer wieder massiven Einfluss auf die Weltwirtschaft und die Geopolitik. Am stärksten ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben sich die Erdölschocks in den 1970er-Jahren. 1973 verhängte das arabische Erdölkartell ein Embargo gegen westliche Länder: Der Ölpreis vervierfachte sich, wodurch die Teuerung im Westen ausser Kontrolle geriet. Ein zweiter Schock folgte 1979 im Zuge der Revolution im Erdölland Iran.

Zum bisherigen Maximalpreis von 145 Dollar pro Fass der Sorte Brent kam es im Sommer 2008 wegen der stark gestiegenen globalen Nachfrage, getrieben vor allem durch das Wachstum in China und anderen Schwellenländern. Als Folge der Finanzkrise in diesem Jahr brach die Nachfrage nach Erdöl weltweit massiv ein. Sein Preis fiel innert Monaten auf unter 35 Dollar pro Fass. Die aktuelle Krise reiht sich nahtlos in das historische Muster ein – und zeigt, dass Erdölpreise auch im Jahr 2026 noch immer Weltpolitik schreiben.

Fazit

Der Ölmarkt ist ein System aus Sorten verschiedener Qualität, Märkten und Absicherungsgeschäften über verschiedene Zeithorizonte. Weil Erdöl heute noch immer für mehr als einen Drittel der weltweiten Energiegewinnung nötig ist, hat sein Preis massive Auswirkungen auf die Produktionskosten insgesamt. Deshalb stellt ein Anstieg der Erdölpreise eine grosse Herausforderung für die Wirtschaftspolitik dar, vor allem wenn er zu einer höheren Inflation führt. Zudem neigen Staaten dazu, die politisch heiklen Folgen hoher Energiepreise durch Subventionen abzufedern – auf Kosten der ohnehin strapazierten Staatshaushalte.

Kurz: Wenn sich die Lage in der Strasse von Hormus nicht bald beruhigt, droht der Weltwirtschaft eine gefährliche Kombination aus Versorgungsknappheit, Inflation und wirtschaftlichem Abschwung. Wer den Ölpreis versteht, liest darin den Zustand der Weltwirtschaft, die Nervosität der Märkte und die Bruchlinien der Geopolitik.

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