Darum gehts
Carmen P. (Name geändert) hat schon viele Jahre Arbeitserfahrung in der Schweiz. Die Spanierin kam erstmals Ende der 90er-Jahre nach Zürich und arbeitete für 100’000 Franken Jahreslohn im Audit. Später schnellte ihr Verdienst mit einem Stellenwechsel in die Medizinaltechnikbranche auf fast 250’000 Franken hoch – ein Spitzensalär für die Karrierefrau, die in ihrem Heimatland nie auf einen solchen Lohn gekommen wäre.
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Nach einem Jobverlust aus wirtschaftlichen Gründen ging es für sie jedoch abwärts. Carmen P. arbeitet heute in der Beschaffung. Freiberuflich. Eine Anstellung zu finden, sei schwierig, sagt sie. Unter anderem wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnisse. Die Schweiz, eine attraktive Joboase für Zuwanderer aus Europa? Nicht mehr, findet Carmen P. «Die Schweiz war für Expats einst ein hochinteressanter Markt. Doch der Wind hat gedreht, es wird für uns Ausländerinnen und Ausländer zunehmend härter, einen Job zu finden.»
Ausländer sind häufiger arbeitslos
Die Zahlen geben ihr zu einem Teil recht. Schaut man sich die Erwerbslosenquote in der Schweiz laut der International Labour Organization (ILO) an – sie umfasst alle Arbeitsuchenden, nicht nur die gemeldeten –, dann war die Erwerbslosenquote von Personen aus dem EU/Efta-Raum im zweiten Quartal 2026 mit 6,6 Prozent deutlich höher als diejenige der Schweizer und Schweizerinnen (3,4 Prozent). Im Langfristvergleich über das zweite Quartal liegt der Wert so hoch wie seit 2016 nicht mehr.
Vieles deutet darauf hin, dass mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit in der Schweiz auch die Situation für die gut qualifizierten Zuwanderer aus dem Personenfreizügigkeitsraum in Europa und auch aus Drittstaaten ungemütlicher wird. Derzeit sind die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) offenbar teils rappelvoll mit Expats. «Bei Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B (also erst seit kürzerer Zeit in der Schweiz) und mit einem tertiären Bildungsabschluss zeigt sich innerhalb der letzten drei Jahre eine überproportionale Zunahme der Neuanmeldungen bei den RAV – auch gegenüber Schweizer Stellensuchenden mit Tertiärabschluss», bestätigt das Amt für Arbeit des Kantons Zürich.
Mit 4 Prozent liegen die ausländischen Personen mit Tertiärabschluss laut dem Zürcher Amt für Arbeit derzeit deutlich über der kantonalen Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent im Juli 2026 und auch deutlich über der Arbeitslosenquote bei den Schweizerinnen und Schweizern mit Tertiärabschluss. Im Klartext: «Die Arbeitsmarktsituation für hoch qualifizierte ausländische Arbeitskräfte hat sich in den vergangenen Jahren erschwert», bilanziert man beim zuständigen Zürcher Amt.
Expats unterschätzen die hohen Lebenskosten
«Expats» – was einst für Arbeitskräfte stand, die temporär in andere Länder entsendet werden – hat sich längst zum stehenden und emotional aufgeladenen Begriff für hoch qualifizierte Zuwanderer aus Europa entwickelt. Im Abstimmungskampf um die 10-Millionen-Schweiz im Juni 2026 wurden sie mitunter für die steigenden Mieten und überfüllten Züge verantwortlich gemacht.
Die Sogwirkung der Schweiz auf gut gebildete Personen aus dem EU/Efta-Raum war in den letzten Jahren gross. Die Gründe sind vielschichtig. «Für Jobsuchende aus dem Ausland ist die Schweiz ein sicherer Hafen. Sie sehen die attraktiven Saläre und vor allem auch die Sicherheit und Lebensqualität, die die Schweiz bietet. Aber sie unterschätzen die hohen Lebenskosten», sagt Yana Senina. Sie arbeitete mehrere Jahre für Google in Zürich als Recruiterin und unterstützt als Gründerin von Recruiting Backstage Expats dabei, im Zielland Fuss zu fassen. Dass die Zuwanderer die Lebensqualität Helvetiens schätzen, zeigt sich auch in einem gross angelegten Ranking von Internations, einer Plattform für Expats.
Die Schweiz liegt in der Hitliste der beliebtesten Einwandererländer in Bezug auf das Kriterium Lebensqualität auf Platz 8 von total 31, punktet mit gesundem Klima (Platz 1) und Sicherheit (Platz 3). Auch die hohen Saläre werden selbstredend gelobt. Doch das grosse Erwachen kommt, wenn die Expats in der Schweiz anfangen zu arbeiten und merken, dass die Lebenskosten um ein Vielfaches höher sind als in ihrer Heimat.
Senina hat Kandidaten und Kandidatinnen über Jahre im Schweizer Arbeitsmarkt platziert und dabei immer dieselben Muster gesehen. «Meine Kundinnen und Kunden verdienen an ihrer ersten Stelle in der Schweiz in der Regel 20 bis 30 Prozent weniger als ihre Schweizer Kollegen», sagt sie. Was für die Expats im ersten Moment als grosser Lohnsprung aussehe, relativiere sich nach der Ankunft rasch. Die Recruiting-Spezialistin sieht das Verhalten der Firmen kritisch. «Ausländischen Mitarbeitenden bewusst tiefere Saläre anzubieten, ist nicht nachhaltig.» Denn nach zwei, drei Jahren würden sie wieder kündigen und in eine besser bezahlte Position wechseln.
Erst weniger, später mehr Lohn als die Schweizer
Reto Föllmi, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule St. Gallen (HSG), kennt diesen Meccano. Er hat die Löhne von Zugewanderten vor einigen Jahren unter anderem mithilfe von AHV-Daten mit zwei weiteren Wissenschaftlern genau analysiert und hat festgestellt: Zuwanderer mit Stelle verdienen zu Beginn der Einwanderung tatsächlich 5 bis 10 Prozent weniger als ihre Vergleichsgruppe aus der Schweiz.
Doch innerhalb von fünf Jahren ändert sich dies merklich – die Zugewanderten überholen die Schweizer und Schweizerinnen. Männer mit Tertiärabschluss aus den westlichen und nördlichen EU-Ländern erzielen laut der Studie später sogar 14 Prozent höhere Einkommen als Schweizer, bei Frauen mit Hochschulabschluss beträgt die Differenz fast 30 Prozent.
Rekrutieren Schweizer Firmen also bewusst im EU-Raum, um Geld zu sparen? HSG-Professor Föllmi relativiert. «Natürlich ist es für Unternehmen in der Schweiz attraktiv, bei der Anstellung von EU-Arbeitskräften etwas Geld zu sparen. Aber die Rekrutierung erfolgt auch häufig im Ausland, weil dort das Angebot an Lebensläufen und Qualifikationen einfach um ein Vielfaches höher ist», sagt er. Zudem würden die Firmen von einer Informationsasymmetrie profitieren: Die Kandidaten und Kandidatinnen aus dem Ausland seien bei ihrer Erstanstellung noch nicht gut genug informiert über die Löhne. Das gebe finanziellen Spielraum. «Ihre Integration und Einarbeitung kostet auf der anderen Seite auch mehr Aufwand, was einen gewissen Abschlag beim Lohn rechtfertigt.»
Beim Schweizerischen Arbeitgeberverband will man nichts wissen von Lohndrückerei für Expats mit Schweiz-Ambitionen. «Uns sind keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, wonach hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem EU/Efta-Raum in der Schweiz systematisch einen Lohnabschlag von 20 bis 25 Prozent als ‹Eintrittspreis› in den Arbeitsmarkt akzeptieren müssen», sagt Kommunikationschef Stefan Heini. Aus den Forschungsergebnissen, die zwar auf anfängliche Nachteile für Expats deuten würden, lasse sich kein Schluss auf eine «systematische Unterbezahlung» ziehen.
Anders sieht es Sandro S. (Name geändert), der seit fünf Jahren in der Schweiz in gut bezahlten Positionen in der Finanzindustrie arbeitet. Für den Expat aus Italien ist klar: «Wer einen attraktiven Job in der Schweiz haben will, muss zu Beginn einen Abschlag in Kauf nehmen. Das ist der Preis, um an einem sehr attraktiven Ort mit guter Work-Life-Balance, tiefen Steuern und Sicherheit zu arbeiten», sagt er. Bereits aus der Heimat im Bewerbungsprozess für einen Job in der Schweiz auf einen höheren Lohn zu pochen, bringe nichts. «Die Firmen finden immer einen, der den Job für weniger Geld macht.» Den wahren Lohnsprung könne man später machen – beim ersten Jobwechsel in der Schweiz. Bei Sandro S. gings von anfänglich 110’000 Franken auf 190’000 Franken plus Bonus hoch. Er ist zufrieden.
KI-Welle trifft nun auch die Expats
Doch der Kampf um die Jobs in der erfolgsverwöhnten Schweiz wird härter. Denn die Zahl der Arbeitsuchenden steigt. Die Erwerbslosenquote der Schweiz ist gemäss ILO im zweiten Quartal 2026 saisonbereinigt um 0,1 Prozentpunkte auf 5,1 Prozent geklettert. So hoch war der Wert seit den 90er-Jahren nicht mehr. Und dieses Mal trifft der Bannstrahl eben auch die eingewanderten Expats.
«Jetzt, wo es im Arbeitsmarkt schwieriger wird, trifft es die Expats ungleich härter bei den Entlassungen», weiss Matthias Mölleney, langjähriger Personalchef und Gründer der Beratungsfirma Peoplexpert. Zugewanderte aus dem EU-Raum seien häufig in hoch qualifizierten «Routinejobs» tätig. Diese würden nun teils durch künstliche Intelligenz ersetzt. Zudem lagern die Unternehmen aufgrund ihres Kostendrucks Bereiche in günstigere Länder aus. «Schweizer Firmen lagern aktuell Jobs wieder in Länder mit tieferen Lohnkosten aus», sagt auch die Spanierin Carmen P., die ihre Jobchancen dadurch geschmälert sieht und den Eindruck hat, dass die Unternehmen wieder vermehrt Schweizer Jobsuchende bevorzugen.
«Die Einwanderung korreliert stark mit der Konjunktur», hält Volkswirtschafter Föllmi fest. Die Nachfrage von Ausländern nach Jobs in der Schweiz werde sich deshalb abschwächen. Derselbe Effekt werde sich in Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz zeigen. «Wenn es aufgrund der technologischen Entwicklung weniger Jobs gibt, sinkt auch die Zuwanderung.»
Zuwanderungsabgabe für Firmen?
Auch aus der Politik kommen Bremszeichen: In Zusammenhang mit den Bilateralen III will die Staatspolitische Kommission des Ständerats die ausgehandelte EU-Schutzklausel verschärfen. Bei Aktivierung der Klausel sollen Unternehmen eine Zuwanderungsabgabe für die Rekrutierten bezahlen. Pro eingewanderter Person aus der EU würden 4000 Franken fällig. Dies als zusätzliches Instrument gegen eine übermässig starke Zuwanderung. Beim Arbeitgeberverband kommt dieser Vorschlag – wenig überraschend – nicht gut an. «Der vorgeschlagenen Lenkungsabgabe als möglicher Schutzmassnahme stehen wir kritisch gegenüber», heisst es dort. Die Abgabe würde die Beschäftigung ausgerechnet in einer wirtschaftlich schwierigen Situation zusätzlich verteuern.
Für Matthias Mölleney ist indes klar, dass die Attraktivität der Schweiz als Einwandererland bereits jetzt am Sinken ist und Rückwanderungstendenzen einsetzen werden. «Gerade deutsche Expats merken in angespannteren wirtschaftlichen Zeiten wie jetzt, dass die Schweiz zwar hohe Löhne und eine tolle Lebensqualität bietet, aber dass auf der anderen Seite auch der Kündigungsschutz weit schwächer ist als in der Heimat.»