Handysucht wegen Social Media – «die Videos beeinflussen dich»
Wie die Tech-Giganten unsere Jugendlichen in Geiselhaft nehmen

Weltweit greifen Staaten zu Social-Media-Verboten für Jugendliche. Doch Symbolpolitik reicht nicht. Wie muss die Debatte über die Macht der Tech-Konzerne wirklich geführt werden?
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Laura (20) sagt: «Du machst Tiktok auf, und die Videos beeinflussen dich – unbewusst oder bewusst.»
Foto: Tom Huber

Darum gehts

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Oliver Julier und Sarah Serafini
Beobachter

Die Schulglocke klingelt, 9.30 Uhr. Pause an einem Berufsbildungszentrum im Kanton Zürich. Draussen scheint die Sonne, 20 Grad. Ein paar Jungs bleiben drinnen. Sie reden laut, lachen – und wischen dabei über ihre Handys. Weiter hinten tanzt ein Mädchen zur Musik von Michael Jackson, ihre Freundinnen filmen. Vermutlich für einen Beitrag auf Tiktok. Dann läutet es wieder.

Dass Jugendliche viel Zeit am Handy und auf Social Media verbringen, ist bekannt und sorgt seit Jahren für Diskussionen, der Beobachter berichtet immer wieder darüber. Doch jetzt verschärft sich der Ton der Debatte. Reicht Aufklärung noch oder braucht es Verbote?

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Australien sperrte bereits Anfang dieses Jahres unter 16-Jährige von sozialen Medien aus. In den USA klagten 29 Bundesstaaten gegen den Konzern Meta. Nach einem Vergleich muss Mark Zuckerberg 17 Milliarden Dollar bezahlen. Deutschland, Spanien und Griechenland denken ebenfalls über eine Altersbeschränkung nach. Und die Schweiz? Sie bleibt zögerlich – und foutiert sich um die Grundsatzfrage.

Giulia (15, links) sagt: «Wenn jemand Kleider anhat oder Make-up-Artikel benutzt, die gut aussehen, habe ich sie auch schon nachgekauft.» Und Isabel (15) findet: «Wenn ich viele Prüfungen habe, wäre ich froh, wenn ich weniger abhängig wäre.»
Foto: Tom Huber

Medienkompetenz oder Verbot?

Untätig ist man in Bern nicht. Derzeit wird ein Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen ausgearbeitet. Und in einem Bericht wird geprüft, was ein Smartphone-Verbot an Schulen bewirken könnte. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider zeigte sich Ende 2025 in einem Interview offen für Schutzkonzepte im digitalen Raum. Institutionen wie Pro Juventute und die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) stehen pauschalen Verboten kritisch gegenüber. Sie setzen auf Aufklärung und Medienkompetenz.

Wie das aussehen kann, zeigt der Besuch am Berufsbildungszentrum. In einer zehnten Klasse ist der Verein Zischtig.ch zu Besuch. Er klärt über Onlinesucht, Cybermobbing und andere Gefahren auf. Die Kursleiterin fragt: «Wem ist abends im Bett schon einmal das Handy aufs Gesicht gefallen?» Gelächter, viele Hände schnellen hoch. «Wer kommt einen Tag ohne Handy aus?» Keine einzige Hand. Hier zeigt sich das Dilemma: Kann man Medienkompetenz vermitteln, wenn die Abhängigkeit längst gewonnen hat?

Die James-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bestätigt zumindest den Befund. Die Kommunikation der 12- bis 19-Jährigen wird von den Big Four beherrscht: Whatsapp, Snapchat, Instagram und Tiktok. Es gibt kaum ein Smartphone, auf dem sie nicht installiert sind. Jugendliche verbringen unter der Woche im Schnitt über drei Stunden täglich am Handy, am Wochenende sind es viereinhalb. Es herrscht ein permanenter Konflikt: Eltern fordern Disziplin und Freunde ständige Erreichbarkeit. Während die Tech-Konzerne ihre Plattformen auf maximale Bildschirmzeit optimieren – und auf maximale Gewinne.

Sam (20) sagt: «Ich habe gemerkt, dass ich mit Social Media verdumme. Es bringt mir nichts, und es raubt mir sehr viel Zeit.»
Foto: Tom Huber

Hinter der Handysucht steckt keine Schwäche der Jugendlichen, sondern die ökonomische Übermacht der Konzerne. Meta, zu dem Whatsapp, Instagram und Facebook gehören, hat einen aktuellen Börsenwert von 1,5 Billionen US-Dollar. Alphabet, der Mutterkonzern von Google und Youtube, liegt bei 4,2 Billionen US-Dollar. Der Firmenwert der Tiktok-Muttergesellschaft Bytedance, die nicht börsenkotiert ist, wird auf 550 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zusammen übertreffen sie die Wirtschaftsleistung von Deutschland oder Japan.

Das Geschäftsmodell ist kompromisslos: Aufmerksamkeit gegen Werbung. Je mehr Daten sie sammeln, desto zielgerichteter die Botschaft, die sie auf ihren Plattformen ausspielen. Die Verweildauer der Nutzerinnen ist dabei die eigentliche Währung. Wer den Konzernen also Medienkompetenz entgegensetzen will, kämpft mit stumpfen Waffen gegen durchoptimierte Hochleistungscomputer.

Mit Klagen gegen die Tech-Giganten

In den USA ist just aufgrund dieses ungleichen Kampfs eine gigantische juristische Auseinandersetzung entflammt. An einem Bundesgericht in Kalifornien klagten im August 29 US-Bundesstaaten gegen Meta. Der Vorwurf: Die Algorithmen von Instagram und Facebook machten Minderjährige gezielt abhängig. Das führe nachweislich zu Depressionen, Suchtverhalten und Suizidgedanken. Das Verfahren endete mit einem historischen Milliardenvergleich.

Zudem verpflichtete sich Meta, gewisse Massnahmen umzusetzen: Minderjährige sollen pro Tag maximal zwei Stunden auf Facebook und Instagram verbringen dürfen. Nachts soll es eine Sperre für Mitteilungen geben. Extreme Beauty-Filter will Meta abschalten, und die Likes unter Posts von Teenagern werden abgeschafft. Ausserdem soll es wirksame Mechanismen zur Altersverifikation geben. Wie genau die aussehen sollen, ist noch unklar.

Diese und ähnliche Verfahren gegen Meta markieren womöglich einen Wendepunkt. Die Gerichte entlarvten, wie manipulativ die Benutzeroberflächen der Apps gestaltet sind. Das unendliche Scrollen, der künstliche Druck oder Datenschutz-Labyrinthe sind kein Nebeneffekt, sondern das Kerngeschäft von Social-Media-Apps.

Zurück im Berufsbildungszentrum zeigt sich, dass die Teenager diese Mechanismen durchschauen, ihnen aber wenig entgegenzusetzen haben. «Das ist, als ob man Drogen nimmt», sagt einer. Ein anderer stimmt nickend zu: «Beim Vapen ist das genau gleich.» Einer fürchtet, seine «Snap-Flammen», das Belohnungssystem von Snapchat für täglichen Kontakt und Austausch, könnten erlöschen, wenn er die App zu lange ignoriert. «Morgens greife ich als Erstes zum Handy», sagt ein anderer. Die Angst, etwas zu verpassen – Fomo (fear of missing out) –, treibt sie an.

«Ich bin nicht süchtig nach Social Media. Ich benutze es einfach, um nach der Schule runterzufahren»: Lionel (16).
Foto: Tom Huber

Verbote und ihre Grenzen

Ist die Lösung also doch: ein staatliches Verbot? Vier Jungs fänden es gut – aber nur, wenn sich alle daran halten. Sobald Kollegen die Sperre umgehen, täten sie das wohl auch. Dass diese Skepsis berechtigt ist, zeigt Australien. Es war das erste Land, das Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Kraft setzte. Die Bilanz ein halbes Jahr später ist ernüchternd. Zwar wurden rund 5 Millionen Konten gelöscht, doch mehr als zwei Drittel der jugendlichen User nutzen ihre Accounts weiterhin. Manche Apps fragen nicht nach dem Alter. Oder die Jugendlichen umgehen die Sperren, indem sie das Herkunftsland per VPN anpassen, ein falsches Geburtsdatum angeben oder Identitätsausweise älterer Geschwister nutzen.

EU gegen Flickenteppich

Trotzdem planen weltweit rund 40 Staaten Altersgrenzen für soziale Medien. Darunter auch die EU-Staaten Deutschland, Spanien und Griechenland, aber auch Norwegen, Grossbritannien und die Türkei. Die Umsetzung stösst jedoch an rechtliche Grenzen. So stoppte das Verfassungsgericht in Frankreich ein entsprechendes Gesetz wegen Verletzung der Meinungs- und Kommunikationsfreiheit. Der Konflikt lautet: Jugendschutz gegen Grundrechte.

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Weil in Europa ein Flickenteppich mit sehr unterschiedlichen Altersbeschränkungen droht, hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 16. September neue Regeln präsentiert, die künftig für alle EU-Staaten gelten sollen. Mit dem «EU Kids Act» sollen eigene Social-Media-Konten erst ab 13 respektive 15 erlaubt sein. Auch Erwachsene müssen künftig ihr Alter nachweisen. 

Pauschale Verbote schaffen allerdings neue Probleme. Die Altersverifizierung ist technisch herausfordernd und kaum verlässlich umsetzbar. Staaten übertragen die Verantwortung dafür primär den Social-Media-Plattformen selbst. Doch diese liefern keine befriedigende Lösung. In Kalifornien will ein Gesetz diese Pflicht nun weg von den Plattformen hin zu den Betriebssystemen verlagern. Ab 2027 sollen iOS- und Android-Geräte das Alter der Nutzerinnen erfassen und dieses permanent an alle Apps weitergeben. Das wiederum wirft Datenschutzfragen auf: Darf ein Identitätsmerkmal systemweit an Drittanbieter weitergegeben werden?

Jugendliche aussperren?

Am Berufsbildungszentrum geht es beim Handykonsum längst nicht nur um Suchtverhalten. Ein Schüler erzählt von Hasskommentaren und gezieltem Mobbing gegen sich. Ein Mädchen sagt, es habe auf Snapchat schon einmal ungefragt ein Dickpic erhalten. Natürlich habe sie den Absender sofort blockiert, «aber es war so gruusig!». Die Kursleiterin von Zischtig.ch zeigt der Klasse, wie und wo man solche illegalen Inhalte meldet.

Doch so dringend und nötig die aktuelle Debatte ist, einfache Antworten gibt es keine. Ein Verbot dürfte an der technischen Umsetzung scheitern – und würde das Problem nur verschieben. Es träfe die Jugendlichen, nicht die Verursacher – zumal die Algorithmen der Konzerne ja nicht nur die jungen Menschen betören, sondern auch Erwachsene. Auf der anderen Seite ist mehr als fraglich, ob Aufklärung und gesellschaftliche Debatten allein genügen, um die Menschen vor Handysucht, Hassrede und Cyberkriminalität zu schützen.

Am Ende steht die eigentliche Entscheidung: Sperren wir die Jugendlichen aus dem digitalen Raum aus, weil der Staat ihn nicht regulieren kann? Oder zwingen wir die Tech-Konzerne, ihre Systeme so zu ändern, dass sie niemandem mehr Schaden zufügen?

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