Darum gehts
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Wer gehört 2026 zur Wirtschaftselite im Land? Wie wichtig sind ein Hochschulabschluss oder ein MBA-Zertifikat, um es zum CEO zu bringen? Wie haben die Ausländer die Chefposten erobert? Wie haben sich die Löhne der Spitzenkräfte entwickelt? Die Handelszeitung hat die Posten von Verwaltungsratspräsident und CEO – die mächtigsten einer Firma – unter die Lupe genommen. Es wurden dazu die fünfzig grössten börsenkotierten Firmen der Schweiz für die Jahre 2000 und 2026 verglichen und 200 Führungskräfte analysiert und bewertet. Mehrere Dutzend haben wir direkt befragt, unzählige Lebensläufe, Geschäftsberichte und Interviews begutachtet und mit Weggefährten gesprochen.
Dieser Artikel wurde in der «Handelszeitung» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.handelszeitung.ch.
Dieser Artikel wurde in der «Handelszeitung» veröffentlicht. Weitere spannende Artikel finden Sie unter www.handelszeitung.ch.
Die Vermessung der CEOs und VR-Präsidenten hat einiges zutage gefördert. Zum Beispiel: Die Mehrheit der Topleute stammt aus dem Ausland, vorab aus Deutschland. Und: Wer es heute nach ganz oben schaffen will, braucht einen Studienabschluss, am besten von der ETH. Wer nicht studiert hat, muss sich in einem ausländischen Grosskonzern durchsetzen. Eine weitere Erkenntnis: Frauen sind in CEO-Positionen und VR-Präsidien heute noch immer drastisch untervertreten; ihr Anteil liegt 2026 bei gerade einmal 10 Prozent.
Soziale Herkunft: Die Tellerwäscherkarriere ist (fast) ausgeträumt
Literatur über Tellerwäscherkarrieren aus Amerika füllt die Buchhandlungen von Genf bis Goldach. Von ganz unten nach ganz oben – das fasziniert. Den steilen Aufstieg gibt es auch in der Schweiz, allerdings fällt er da kaum auf. Hierzulande hält man sich zurück mit Eigenlob; es herrscht Diskretion. Einer geht mit seinen Wurzeln anders um: Giacomo Balzarini, Chef des börsenkotierten Immobilieninvestors PSP Swiss Property. Sein Vater, ein eingewanderter Italiener, war Schlosser bei BBC, der heutigen ABB, seine Mutter war Schneiderin. Ein klassischer Secondo, wie er sagt: «Ich bin ein stolzer Sohn der Arbeiterklasse.» Balzarini studierte in Zürich Ökonomie und erwarb einen MBA der University of Chicago. Sein Studium finanzierte er als Werkstudent bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG, heute UBS), nebenbei war er Spielertrainer in der ersten Liga, wo er erste Führungserfahrung sammelte. Um Geld zu sparen, wohnte er bei den Eltern.
Auch Jan Jenisch ist einer, der sich hochackerte, vom Sohn eines Werkzeugmachers zum Konzernchef – von Sika, Holcim und Amrize. Oder UBS-Chef Sergio Ermotti, dessen Vater in der Cornèr Bank in Lugano die interne und externe Post verantwortete. Die Familie lebte im alten Arbeiterquartier Molino Nuovo, einen Steinwurf entfernt vom alten Stadio di Cornaredo, wo der FC Lugano kickte. Es war eine Verlockung für Sergio, den Ältesten von drei Geschwistern, er träumte von einer Karriere als Fussballprofi. Schliesslich begann er eine Lehre bei der Bank, in der sein Vater arbeitete. Insgeheim zog es ihn dorthin, wo die Hektik regiert: in den Trading Room, und zwar nicht in Lugano, sondern in New York und London. So setzte ein KV-Stift aus dem Tessin – einer, der in der Schule nie zu den Klassenbesten gehört hatte und dem Saus und Braus im Elternhaus fremd waren – bei der Wall-Street-Bank Merrill Lynch und dann bei Unicredit zu einer glanzvollen Karriere an.
Balzarini, Jenisch oder Ermotti sind Aufsteiger der Extraklasse. Nur: Davon gibt es immer weniger in Schweizer Firmen, wie die Handelszeitung-Analyse zeigt. Heute stammt noch jeder siebte Topmanager (14 an der Zahl) aus eher bescheidenen Verhältnissen, zur Jahrtausendwende war es noch jeder Fünfte (21) gewesen. Darunter gab es Laufbahnen, die heute schlicht undenkbar sind: Fritz Gerber etwa präsidierte zeitweilig gleich zwei Weltkonzerne – die Zurich-Versicherung und den Pharmariesen Roche. Er stammt aus dem klassischen Arbeitermilieu, sein Vater war Schreiner in Huttwil BE. Das Jusstudium finanzierte sich der Filius mit Sprechaufträgen im Hörspielstudio von Radio Beromünster. Gerber, einer der prägendsten Manager der letzten fünfzig Jahre, richtete die Zurich global aus und stabilisierte die schwankende Roche. Sein Geniestreich war der Zukauf der kalifornischen Biotechfirma Genentech. Die Mehrheit bekam er zum Spottpreis von 2,1 Milliarden Dollar. Nebenher sass er im Verwaltungsrat von Nestlé, der Schweizerischen Kreditanstalt und von IBM. An Sitzungen tauchte der Berner in der feldgrauen Uniform eines Artillerieobersten auf, wenn er wieder einmal im Militärdienst weilte, was nicht selten der Fall war.
Gerbers Auftritt war vielleicht apart, aber ungewöhnlich war er nicht. Der Büezersohn war der Beweis der sozialen Durchlässigkeit im Land. Es ist die Nachkriegsgeneration, welche die Firmen der 90er–Jahre prägte. Zu ihnen gehört auch Christoph Blocher, Sohn eines Landpfarrers aus dem Schaffhausischen, aufgewachsen mit zehn Geschwistern. Das Geld war knapp. «Wenn alle ein Velo hatten, hatten wir keines», sagt der Multimilliardär heute. Nach einer zweijährigen Landwirtschaftslehre und einer Matura auf dem zweiten Bildungsweg studierte er Recht. Auch Franz Humer, Chef und Präsident von Roche, wuchs nicht mit goldgerändertem Porzellan auf. Sein Vater war Croupier, sein Jusstudium finanzierte Humer junior als Fremdenführer, der Touristen durch seine österreichische Heimatstadt Salzburg lotste. Manch einer der späteren Chefs wuchs auf dem Bauernhof auf und stand frühmorgens im Stall – darunter Karl Janjöri, einst CEO bei der SBG. Der Vater von Helmut Maucher, Präsident und CEO von Nestlé, war Molkereimeister in einem Zulieferbetrieb im deutschen Taunus. Es sind beeindruckende Gipfeltouren, doch die Akademisierung und Internationalisierung, die ab 2000 einsetzte, machen sie heute zur Seltenheit. Die soziale Mobilität, die in der Schweiz als hoch gilt, nahm zumindest bei den Topposten CEO und VR-Präsidium ab. Im Gegenzug ist der Anteil der Chefs aus der Mittel- und Oberschicht stark angestiegen: Aus Unternehmerfamilien oder aus dem Geldadel stammen beispielsweise Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher und Swiss-Re-Präsident Jacques de Vaucleroy, der Sprössling einer belgischen Adelsfamilie, der bei der Axa seine Sporen abverdiente. Oder der Amerikaner Mike Fries, Präsident von Sunrise: Sein Vater Chuck Fries war ein erfolgreicher Filmproduzent, dessen Name auf dem Walk of Fame verewigt ist. Und Zurich-Chef Mario Greco entsprang einer prominenten Banker- und Anwaltsfamilie aus Neapel. Sein Vater, Giuseppe Greco, war Chef der Banca di Roma.
Ausländer: Heute in der Mehrheit
Im Jahr 2000 waren die Regeln noch klar. Die Wirtschaftselite war männlich, über den Militärdienst gut vernetzt, ins Ausland reiste sie mit dem roten Pass. In Zahlen: 83 Prozent der Chefs der grössten fünfzig Firmen waren gebürtige Schweizer (Frauen gab es keine); lediglich eine Handvoll Führungspersonen – 17 Prozent – stammte aus dem Ausland, vorab aus Deutschland. Einer, Johann Rupert, Chef und Eigentümer des Luxuskonzerns Richemont, steuerte sein Imperium vom südafrikanischen Kapstadt aus.
Und heute? Die CEOs und Präsidenten sind zwar fast immer noch männlich, aber der Anteil der Ausländer hat sich verdoppelt und 2026 eine neue Höchstmarke erreicht: Heute stammt die Mehrheit (55 Prozent) der operativen Chefs aus dem Ausland; jeder fünfte CEO besitzt nun einen deutschen Pass, dann folgen Frankreich und die USA; einige haben sich zwischenzeitlich einbürgern lassen und sind Doppelbürger.
Ähnlich ist die Verteilung bei den VR-Präsidien: Dort bildeten die Ausländer im Jahr 2000 mit 8 Prozent noch eine deutliche Minderheit, heute sind es bereits 42 Prozent. Man braucht kein Hellseher zu sein: In wenigen Jahren dürften auch bei den VR-Präsidenten die Ausländer in der Mehrheit sein. Diese Internationalisierung an der Führungsspitze zeigt sich noch ausgeprägter bei den zwanzig SMI-Konzernen wie ABB, Novartis und Co. Hier stammen drei Viertel der Manager aus dem Ausland. Dominik Schaller, Managing Director bei Egon Zehnder in der Schweiz, weiss: «Der Wettbewerb um die Spitzenpositionen ist heute viel intensiver als früher.» Bei wichtigen Funktionen werde stets international gesucht. Schaller rekrutiert für Egon Zehnder den Nachwuchs fürs C-Level global.
Mit dem Trend zur Internationalisierung ist ein altes ungeschriebenes Gesetz gefallen: Verwaltungsräte legten früher Wert darauf, zumindest einen der beiden Topshots – CEO oder VR-Präsident – aus heimischen Gefilden zu bestellen. Es ging um Lokalkolorit und Akzeptanz. Tempi passati – diverse Grossfirmen werden heute von einer ausländischen Combo gesteuert, und das mit Erfolg. Bei Zurich Insurance sitzt ein italienisch-luxemburgisches Duo am Ruder, bei Novartis ein amerikanisch-deutsches, bei Holcim ein australisch-dänisches. Die Farbe des Passes hat heute keine Bedeutung mehr, die Firmensprache ist ohnehin Englisch. Die Schweiz ist da ein Sonderfall: Die Durchmischung ist im Ausland ungleich geringer – in Grossbritannien liegt sie bei einem Drittel, in Italien oder in den USA sind Zugewanderte Exoten.
Ton Büchner, niederländisch-schweizerischer Doppelbürger, führte einst Sulzer und Akzonobel und ist heute Profi-Verwaltungsrat mit feinen Mandaten (Novartis, Swiss Prime Site, Georg Fischer). Er kennt die Ausgangslage: «Die Schweiz hat viele internationale Konzerne, verfügt aber als kleines Land über einen beschränkten Pool an Personal.»
Der kleine Heimmarkt hat seine Tücken: Wer Erfahrungen für Schlüsselmärkte wie die USA sucht, setzt häufig auf Führungskräfte aus diesen Ländern. Weltkonzerne mit Schweizer Sitz haben oft einen Heimumsatz von 2 Prozent, jener in den USA ist locker zehnmal wichtiger. Zudem verspricht er Wachstum und starke Margen.
Was die Schweiz als Arbeitgeber weiter attraktiv macht: Die Löhne in der Topliga sind hoch, die Steuern tief, die Wege ins Büro kurz, die persönliche Sicherheit hoch. Das lockt Spitzenpersonal an, etwa Noel Quinn, VR-Präsident der Bank Julius Bär. Der Brite war davor CEO der Grossbank HSBC, gab am ersten Tag seine Chefloge in Hongkong auf und zog ins Grossraumbüro bei der Bär. Am zweiten Tag reduzierte er die teure Bürofläche am Hauptsitz um einen Drittel. Für die nachhaltige Gesundung der HSBC erhob ihn König Charles in den Adelsstand. Zweifellos eine Ehre für den hemdsärmeligen Manager mit irischen Wurzeln, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt und sein erstes Geld mit dem «Graben von Löchern auf Baustellen» verdiente, wie er in einem Interview erzählte. Ein grosses Kaliber ist der ebenfalls irischstämmige Colm Kelleher, der UBS-Präsident, der bei der Investmentbank Morgan Stanley eine glanzvolle Karriere hinlegte. Bei der UBS bezieht Kelleher eine Apanage von 5,5 Millionen, was ihn zu einem der bestbezahlten VR-Präsidenten Europas macht.
Geschlecht: Hundert Männer und keine Frau
Männer mit Namen wie Daniel, Thomas und Thierry führten die Unternehmen als Präsidenten und CEOs im Jahr 2000. Und sie tun es in grosser Mehrheit noch immer. Das Bekenntnis zur Gender-Gleichstellung ist jedenfalls zuoberst noch nicht angekommen. Im Handelszeitung-Sample sucht man für das Jahr 2000 vergebens nach einer weiblichen Besetzung – das VR-Präsidium wie auch die CEO-Posten der grössten fünfzig Firmen bekleideten damals nur Männer. Kurz: hundert Männer, null Frauen, so das Fazit der Analyse.
Auch 2026 zeigt sich ein schiefes Verhältnis: Nun lautet es neunzig zu zehn. Aktuell werden bloss sechs Konzerne operativ von Frauen geführt: von Géraldine Picaud (SGS), Magdalena Martullo-Blocher (EMS), Anne-Kathrin Stoller (Bachem), Monica Manotas (Tecan), Hanneke Faber (Logitech) und Suzanne Thoma, die bei Sulzer ein Doppelmandat als CEO und VR-Präsidentin innehat. Einseitig besetzt sind auch die VR-Präsidien – hier sind es neben Thoma mit Nayla Hayek (Swatch), Petra Rumpf (Straumann) und Monika Krüsi (Accelleron) gerade einmal vier Frauen, die den Takt vorgeben. Frauen spielen mittlerweile in den Verwaltungsräten eine Rolle, im VR-Präsidium, dem Kraftzentrum einer Firma, sind sie noch lange nicht angekommen. Dass Frauen in der Geschäftswelt und vor allem an der Spitze unterrepräsentiert sind, ist ein oft dokumentiertes Thema. Der «Schillingreport» erfasst die Zusammensetzung im Topkader der grössten hundert Arbeitgeber systematisch seit 2006. Er zeigt ein durchzogenes Bild: 2006 lag der Anteil der weiblichen Geschäftsleitungen bei gerade mal 4 Prozent, bis 2020 stieg er auf 10 Prozent. Derzeit stagniert der Frauenanteil in den Chefetagen bei 22 Prozent.
Seit ein paar Jahren drängen zumindest bei der Besetzung von CEO-Posten Konkurrentinnen aus dem Ausland auf die Shortlist. Viele mit eindrücklicher Exekutiverfahrung. Zu ihnen gehört SGS-Chefin Géraldine Picaud. Die Französin war Finanzchefin beim Brillenriesen Essilor (heute Essilorluxottica) und beim Zementkonzern Holcim; sie redet seit langem im Verwaltungsrat des Nahrungsmittelmultis Danone mit und sitzt im hochkarätigen Conseillers du Commerce Extérieur de la France (CCEF), der den französischen Präsidenten berät. Eine Spitzenkraft ist auch Logitech-Chefin Hanneke Faber. Die Niederländerin studierte im texanischen Houston Betriebswirtschaft und finanzierte diese Ausbildung mithilfe eines Turmsprung-Sportstipendiums. Sie sass im Topmanagement von Procter & Gamble, leitete bei Unilever das 14 Milliarden Dollar schwere globale Lebensmittelgeschäft. Auch sie pflegt weitere VR-Mandate, darunter beim US-Modekonzern Tapestry (Kate Spade) und beim Chemiekonzern Bayer. Die Tochter eines promovierten Mathematikers und Friedensaktivisten geschäftete als Managerin in den USA, in den Niederlanden, in Griechenland und Deutschland. Es sind CVs, die allein mit Schweiz-Erfahrung nicht zu überbieten sind. Da besteht beim Mithalten einiger Nachholbedarf. «Talente müssen gezielt entwickelt werden, damit sie über mehrere Jahre in die Führungsrolle wachsen können», fordert der «Schillingreport» seit Jahren, um die weibliche Präsenz in Corporate Switzerland zu stärken – der Effekt ist bislang bescheiden.
Hochschule: Ohne Studium geht nichts
Wer heute die obersten Stufen einer Firma erklimmen will, kommt um ein Hochschulstudium kaum herum. 95 Prozent der Wirtschaftselite haben eines absolviert. Viele sogar zwei, zum Beispiel Roche-Präsident Severin Schwan, der in Recht und Ökonomie abschloss. Einer bringt es sogar auf drei Universitätsdiplome: Novartis-Chef Vas Narasimhan. Sein Lebenslauf ist dekoriert mit einem Bachelor in Biowissenschaft, einem Medizinabschluss und einem Diplom in Gesundheitspolitik. Bereits seine in Indien geborenen Eltern hatten Wert auf Bildung gelegt: Der Vater, ein promovierter Chemiker, war Entwicklungschef bei einer US-Firma, die Mutter studierte theoretische Physik und lehrte an einem US-College.
Die Akademisierung in der Beletage schreitet voran und erreicht 2026 einen Höchststand – zurzeit liegt er fast 10 Prozentpunkte höher als im Jahr 2000. Das überrascht PSP-Präsident Ton Büchner nicht, der an Universität Delft in den Niederlanden studierte. Die Aufgaben eines CEOs seien heute deutlich komplexer, weil es viel mehr Stakeholder gebe, die lauter seien, als es früher der Fall gewesen sei. «Da muss man den Überblick bewahren.» Das verlange die Fähigkeit zur Systematisierung und das Know-how, unterschiedliche Probleme gleichzeitig adressieren zu können. Obendrein müsse man auf verschiedenen Ebenen für alle Stakeholder überzeugend argumentieren können. «Das spricht für ein Studium.»
Was früher ebenfalls anders war: Es gab weniger Studierte, dafür hängten viele nach einem Masterabschluss noch ein Doktorat an. Dieses akademische Supplement wählten 40 Prozent des Toppersonals und nannten sich dann Dr. iur., Dr. rer. pol. oder Dr. Ing. ETH. Die Dissertation hat mittlerweile stark an Reiz eingebüsst; die Zahl an Doktoren hat sich seit 2000 halbiert. Abgelöst hat die aufwendige Doktorarbeit ein anderes Emblem – ein Master of Business Administration.
Ein Blick auf die Hochschulabschlüsse der Führungskräfte 2026 offenbart eine weitere Verschiebung: Die Komplexität von Lieferketten, Digitalisierung und Technikwandel forciert die Nachfrage nach Tech-Kompetenz in den Chefbüros. Absolvierten im Jahr 2000 knapp 30 Prozent von ihnen ein Studium in MINT-Fächern wie Mathematik, Chemie oder Computer-Science, tun es heute bereits 50 Prozent. In den VR-Präsidien nahm die Zahl der MINT-Abgänger zu, auf mittlerweile einen Drittel. Aus der Mode geraten sind dagegen Chefs mit einem Abschluss in Jus. Galt das einst als der Königsweg, gibt es unter CEOs nur noch wenige solcher Absolventen.
Was das Elite-Ranking Zudem belegt: Die Kaderschmieden der Wirtschaftseliten in der Schweiz sind und bleiben die ETH Zürich und die EPFL. Jeder fünfte CEO schloss dort ein Tech-Studium ab – das war 2000 so, und so ist es auch 2026. Von den aktuellen Chefs studierten Christoph Aeschlimann (Swisscom), Thomas Hasler (Sika) und Suzanne Thoma (Sulzer) an diesen Hochschulen, die in den MINT-Fächern zur Weltspitze gehört.
Die Internationalisierung verdrängte andere Schweizer Universitäten, die den Ruf als Kaderschmiede hatten, wie Basel, Zürich oder St. Gallen. Die Firmenspitzen stammen nun aus dem Ausland, wo sie an Spitzenunis graduierten: Benjamin Loh, Comet-Präsident, studierte an der Tohoku University im japanischen Tokyo. Miljan Gutovic, Holcim-CEO, dessen Familie aus Ex-Jugoslawien nach Australien floh, promovierte an der University of Technology in Sydney. ABB-Chef Morten Wierod liess sich an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU) in Trondheim zum Elektroingenieur ausbilden. Reputierte Lehrstätten böten noch keine Lizenz fürs C-Level, warnt Dominik Schaller vom Leadership-Rekrutierer Egon Zehnder. «Die Ausbildung ist zwar wichtig, aber der Track-Record ist entscheidend.»
Über das Prinzip der Meritokratie rückten schon immer diverse Macher ins Machtzentrum vor. Darunter UBS-CEO Sergio Ermotti, der bei Merrill Lynch den weltweiten Aktienhandel der Wall-Street-Bank leitete, oder Julius-Bär-Chef Stefan Bollinger, der es vom Banklehrling bei der ZKB in die exklusive Partnerschaft der Investmentbank Goldman Sachs brachte und zum Co-Head Wealth Management EMEA. Der in London und Hongkong gestählte Banker ist der Bruch mit seinem Vorgänger Philipp Rickenbacher, der sämtliche Ingredienzen eingebracht hatte: ETH-Abschluss, Harvard-Weiterbildung, McKinsey-Erfahrung – und am Schluss doch über hochriskante Kreditgeschäfte mit einem Blender namens René Benko stolperte.
Als Vorbild für eine Nicht-Akademiker-Karriere taugt Lindt-Sprüngli-Chef Ernst Tanner, der beim US-Riesen Johnson & Johnson zum Europa-Chef aufstieg, verantwortlich für Milliardenumsätze mit Haarmitteln, Hautcremes und Hüftgelenken. 1993 übernahm er die Kilchberger Schokoladenfirma und startete auch dort den Höhenflug. Dieser hält seit über dreissig Jahren an, als Executive Chairman ist Tanner weiter die treibende Kraft. Seine Leistung spiegelt sich im Vermögensstand, der gemäss Bilanz auf 475 Millionen Franken angeschwollen ist.
Karrierenbooster: MBA statt Doktortitel
Eine Schere tut sich auf: Während sich die Zahl der Topmanager mit einer Dissertation im Büchergestell halbierte, verdoppelte sich die Zahl jener, die ein MBA-Zertifikat vorweisen. Mittlerweile kann fast jeder Zweite im Sample von 2026 ein MBA vorweisen. Das Angebot ist unübersichtlich, der klassische Master of Business Administration zielt auf den Aufbau einer Managementkarriere ab, das Advanced Management Program (AMP) auf Weiterbildung für etablierte Topmanager. Am gefragtesten sind die schulischen Supplements von Harvard in Boston, vom IMD in Lausanne und vom Insead in Paris. In jüngster Zeit sind auch Zertifikate des Massachusetts Institute of Technology, von Stanford und von der HEC Paris gefragt. Einen hochkarätigen MBA-Titel von Harvard können Eric Bernard (Sonova), Stefan Scheiber (Bucher Industries), Monika Krüsi (Accelleron) oder Josef Felder (Flughafen Zürich) vorlegen. Das Investment in die Karriere kann leicht zwischen 120’000 bis 200’000 Franken verschlingen.
Ton Büchner sieht das von ihm absolvierte Managementprogramm am IMD in Lausanne als eine gute Ergänzung zum Ingenieurstudium. Und heute? «Da hat die Zusatzausbildung etwas an Wert eingebüsst, weil Universitäten und technische Hochschulen wie die ETH oder EPFL breiter ausbilden.» Dazu gehören Lehrgänge in strategischem Management, die dort früher noch nicht auf dem Lehrplan standen.
Als Karriereturbo gilt neben einem MBA auch ein Zwischenhalt bei einer globalen Beratungsfirma wie Bain, BCG oder McKinsey. «Die Erfahrung hilft, schnellstmöglich viel strategische Erfahrung zu sammeln», bestätigt Egon-Zehnder-Manager Schaller. Auch da hat sich einiges verändert: 2000 war Lukas Mühlemann, damaliger CEO der Credit Suisse, der einzige Manager mit Beratervergangenheit, mittlerweile sind es über 10 Prozent, darunter Mario Greco (Zurich), Matthias Aellig (Swiss Life), Marcel Kucher (SPS) und Monika Krüsi (Accelleron).
Chefs in der Politik: die grosse Entfremdung
Man nennt es Milizsystem, Old-Boys-Network – oder giftiger: Filz. Bis ins Jahr 2000 dominierte er in Wirtschaft und Politik, man kannte sich und reichte einander die Hand. Diese Verknotung verkörperte Ueli Bremi, Präsident von Swiss Re, Georg Fischer, Flughafen Zürich und dem liberalen Leitblatt NZZ. Gleichzeitig sass er für die FDP im Nationalrat, wo er die freisinnige Fraktion führte, und obendrein war er Oberstleutnant. Zur Phalanx der bürgerlichen Manager, die in Bern mitmischten, gehörte auch Christoph Blocher, ebenfalls im Nationalrat und dazu Präsident der SVP Zürich. Im Hauptamt führte er den Chemiekonzerns EMS, den er einst mit einem Bankkredit gekauft hatte. Auch Helmut Maucher, Präsident von Nestlé, hatte es gut mit der Politik: Er war CDU-Mitglied und Wirtschaftsberater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Ein Vertreter des Basler Daigs, Georg F. Krayer, war über viele Jahre Chef und Teilhaber der Bank Sarasin und amtete als Präsident der Bankiervereinigung. Damit verkörperte er das Milizsystem perfekt. Neben seinen Jobs war er auch pro bono unterwegs. Er präsidierte das Historische Museum Basel und die Regio Basilensis, engagierte sich bei der AG für billige Wohnungen und in der evangelischen Kirche. Der oberste Banker des Landes genoss bis ins linke Lager hohes Ansehen.
Ab dem Jahr 2000 änderte sich vieles. In der Allianz Wirtschaft und Politik scherbelt es. Blocher richtete die Bauern- und Gewerbepartei SVP neu aus und grenzte sie gegen die Wirtschaftspartei FDP ab. Den Freisinnigen («Weichsinnigen») warf er vor, die liberalen Werte verraten zu haben. Sie seien gefangen «in einer korrumpierenden Verfilzung zwischen Wirtschaft, Staat und Medien». Als Beleg diente ihm die Swissair-Pleite, die 2001 die Nation erschütterte.
Blochers Kalkül ging auf: Während die Airline – mit Verwaltungsräten aus Banken und Freisinn an Bord – abstürzte, hob die SVP zum Höhenflug an. Der Swissair-Prozess, bei dem 19 Vertreter des Finanzestablishments vor Gericht standen, zerriss den Filz der Schweiz AG. Die angeklagten Topmanager wurden 2007 zwar unisono freigesprochen, doch die Lust, sich ausserhalb der eigenen Firma zu engagieren, war verpufft.
Neue, auch rechtliche Pflichten für Verwaltungsräte befeuerten den Exodus. Gleichzeitig ist der Aufwand für ein Politikmandat enorm angewachsen. EMS-Chefin Martullo-Blocher behilft sich, indem sie in Laufdistanz zum Bundeshaus eine Kommandozentrale unterhält, die es ihr erlaubt, während der Arbeit für den Konzern etwa für Abstimmungen ins Bundeshaus zu flitzen.
Für Industriemann Büchner ist die Verbindung von Politik und Wirtschaft zwar «enorm wichtig», allerdings sei das Management heute rund um die Uhr gefordert. Das Verhältnis zu den Kunden, zu Umweltthemen und zum Kapitalmarkt sei intensiver, die Technik komplexer. Zugleich sei die Politik polarisierter, womit sich Führungskräfte schwer täten. «CEOs sind für starke Vereinfachungen und schnelle Social-Media-Feeds weniger geeignet.» Einem anderen Spitzenmanager, der sich politisch äusserte, ist die Lust dazu vergangen: «Wenn ich mich politisch äussere, muss ich anschliessend drei Tage Schadensbegrenzung betreiben – das tue ich mir nicht mehr an.»
Noch sitzen gegen fünfzig Unternehmerinnen und Unternehmer im Parlament, doch es sind vorab KMU-Vertreter, die Rollläden fabrizieren, Schuhe verkaufen, eine Privatbank führen, einen Kleinverlag oder ein Treuhandbüro. Konzerne aber mit über tausend Mitarbeitenden, die täglich dem globalen Wettbewerb ausgesetzt sind, werden nur noch von Martullo-Blocher und Simon Michel, dem Inhaber von Ypsomed, repräsentiert. Auf nationaler Ebene politisieren die meisten Wirtschaftsführer heute in der SVP, nicht mehr in der FDP. Ein Verband soll es nun richten, Economiesuisse. Dieser wurde 2000 ins Leben gerufen, um die wirtschaftlichen Interessen in der Politik zu vertreten. Zunächst mit einigem Erfolg, denn der Verband gewann rund 80 Prozent der Abstimmungen und Referenden. Doch in den vergangenen Jahren häuften sich die Niederlagen. Und darunter befinden sich einige schmerzhafte. Die grösste Klatsche gab es 2013, als das Stimmvolk die von der Wirtschaftslobby bekämpfte «Abzocker-Initiative» mit überwältigender Mehrheit annahm. Auch bei der 13. AHV-Rente folgte das Volk der Stimme der Wirtschaft nicht. Die Ära, in welcher der Wirtschaftsdachverband als «achter Bundesrat» galt, ist vorbei.
Cheflöhne: verdoppelt, aber mit Einbrüchen
Das waren noch Zeiten. Vor zwanzig Jahren haussierten die Börsen, die Firmengewinne sprudelten, und als Folge explodierten die Saläre. 30,8 Millionen strich Novartis-Chef Daniel Vasella ein, 24 Millionen gönnte sich UBS-Präsident Marcel Ospel. Pharma und Banken waren schon damals die Spitzenreiter, im Schnitt kassierten die Chefs der fünfzig grössten Firmen einiges weniger, ihre Kompensation lag bei 4 bis 5 Millionen jährlich, bei den VR-Präsidenten waren es 1,5 Millionen. Heute liegen die Löhne doppelt so hoch: Bei den CEOs sind es 8,5 Millionen, bei den VR-Präsidenten 2,7 Millionen. Allerdings nur bei grosskapitalisierten Unternehmen, bei den mittelgrossen Smim-Firmen war der Zahltag nur halb so ergiebig.
Nicht alles schoss nach oben, denn die Grundsaläre blieben bei manchen Firmen über die vergangenen 25 Jahre stabil, bei einigen sanken sie sogar – unter anderen bei ABB und bei Julius Bär, von 2 Millionen auf 1,5 Millionen. Indes: Es ist die variable Vergütung, welche die Kompensation wieder in astronomische Höhen trieb. Das lässt sich auch am Anteil des Grundsalärs ausweisen, das aktuell nur noch 20 bis 35 Prozent der Gesamtvergütung ausmacht, der grosse Rest ist gekoppelt an Reingewinn und Aktienkurs. Und diese zeigen seit Jahren in eine Richtung: aufwärts.
Europaweit kann sich die Entlöhnung des Schweizer Spitzenpersonals sehen lassen: Unter den zwanzig bestbezahlten CEOs steht gemäss Ethos ein Drittel bei Schweizer Firmen im Sold. Nach Einbezug der hierzulande moderaten Einkommenssteuern dürften es einige mehr sein.
Es hat sich also einiges verändert seit Anfang des Jahrtausends. Eines ist geblieben: Trotz Swissair-Grounding, CS-Crash und Steuerstreit sind die Schweizer Firmen ansprechend über die Runden gekommen. Dank starker Führung und kompetitivem Personal.