Fliegende Fähren für Schweizer Seen
Dieses Boot soll die Schifffahrt revolutionieren

Ein Team von Ingenieuren arbeitet an der Zukunft des Wasserverkehrs: Elektrobetriebene Tragflügelboote sollen herkömmliche Fähren auf vielen Strecken ablösen. Ende Jahr soll das erste Modell die Zulassung erhalten.
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Sue Putallaz, CEO von Mobyfly: «Unsere Technologie ist für Strecken bis 100 Kilometer ausgelegt. Das deckt rund 80 Prozent aller Fährverbindungen weltweit ab.»

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der strombetriebene Katamaran Mobyfly schwebt über den Genfersee
  • Dank Hydrofoil-Technologie sinkt der Energieverbrauch um bis zu 80 Prozent
  • Erste Version für 12–20 Passagiere, Batterie wie zwei Tesla-Autos

Kurz nach 13 Uhr sticht die Crew der Mobyfly 10 in den Genfersee. Sue Putallaz (57), Anders Bringdal (59) und zwei Softwareingenieure gehen für die Testfahrt an Bord. Kapitän Bringdal setzt sich ins Cockpit und steuert den strombetriebenen Katamaran-Prototyp mittels Joystick. «Dieser Knopf feuert Raketen ab, der andere ist für den Schleudersitz», witzelt Bringdal, ein gebürtiger Schwede, der in seinem früheren Leben Windsurfprofi war und das Design des ersten Mobyfly-Prototyps entworfen hat.

Die beiden Ingenieure haben ihre Notebooks aufgeklappt und betrachten konzentriert die Messkurven auf den Bildschirmen. Dann geht es los: Nach 300 Metern zieht Anders Bringdal am Joystick. Das Boot beschleunigt, Gischt spritzt auf, nach etwa fünf Sekunden hebt sich der Rumpf aus dem Wasser, die Mobyfly erreicht 27 Knoten (50 km/h). Und plötzlich wird es ruhig an Bord. Fast lautlos und ohne das Beben des Wellenschlags gleitet der Katamaran auf seinen Tragflächen über den Genfersee.

Dynamische Hydrofoils

Sogenannte Hydrofoils lassen das Boot schweben. Sue Putallaz, Mitgründerin und CEO von Mobyfly, erklärt: «Sobald das Boot auf die Tragflächen steigt, verliert der Rumpf den Kontakt mit dem Wasser; statt Wasser zu verdrängen, fliegt es darüber hinweg. Dadurch sinkt der Widerstand massiv. Bei gleicher Geschwindigkeit benötigen wir bis zu 80 Prozent weniger Energie als ein konventionelles Boot.»

Es ist über 30 Grad heiss, viele Freizeitboote sind auf dem Wasser unterwegs. Routiniert zieht Anders Bringdal elegante Kurven durchs Wasser. Sue Putallaz zeigt hinüber nach Montreux VD und auf die andere Seeseite nach Frankreich. Rund um den Genfersee würden sich Gemeinden und Verkehrsbetriebe für die Technologie von Mobyfly interessieren, sagt sie.

Das Besondere dieser Konstruktion sind sogenannte dynamische Hydrofoils. Die Ausrichtung der Tragflügel unter Wasser wird laufend von einer Software gesteuert. Sie passt sich in Echtzeit dem Wellengang an und sorgt so für eine deutlich ruhigere Fahrt. Das System funktioniert selbst bei Wellen von bis zu zwei Metern Höhe.

Im Geburtshafen von Alinghi

Der Heimathafen der Mobyfly liegt in Le Bouveret VS, wo die Rhone in den Genfersee mündet. Dort wurde 2009 auch die Rennyacht von Alinghi zu Wasser gelassen. Putallaz erklärt: «Im Regattasport geht es darum, den Wasserwiderstand möglichst stark zu reduzieren, um schneller zu werden. Wir verfolgen dasselbe Prinzip – allerdings mit einem anderen Ziel: Wir wollen den Energieverbrauch senken. Weniger Widerstand bedeutet deutlich mehr Effizienz und damit auch mehr Nachhaltigkeit.»

Wie kam sie dazu, ausgerechnet in der Schweiz und im Wallis ins kommerzielle Bootbusiness einzusteigen? Sue Putallaz: «Die Schweiz hat zwar keinen Zugang zum Meer, aber sie hat zweimal den America's Cup gewonnen. Als Land mit zahlreichen Seen haben wir eine starke Verbindung zum Wasser. Unser Ziel ist es, die modernsten Technologien aus dem Segelrennsport für den öffentlichen Wasserverkehr nutzbar zu machen.»

Sie sieht dafür ein gewaltiges Potenzial: «Unsere Technologie ist für Strecken bis 100 Kilometer ausgelegt. Das deckt rund 80 Prozent oder 10'000 der Fährverbindungen weltweit ab.» Das Ziel sei es, diese durch elektrische Hydrofoil-Fähren zu ersetzen – sauberer, energieeffizienter und langfristig auch wirtschaftlicher.

Die Firma versteht sich nicht als Schiffsbetreiber, langfristig auch nicht als Bootsbauer. Sie will die Technologie an etablierte Werften und Hersteller lizenzieren. Nach der letzten Finanzierungsrunde geht es nun um die Zertifizierung und Industrialisierung der Technologie. Mit der Mobyfly S steht jetzt die erste zertifizierte Version für den kommerziellen Einsatz bereit. Sue Putallaz erwartet die Zulassung bis Ende dieses Jahres.

Nach der Mobyfly S, die Platz für zwölf bis 20 Passagiere bietet, soll die grössere Mobyfly M für 60 bis 120 Passagiere vom Stapel laufen. CEO Putallaz peilt bereits die nächste Finanzierungsrunde an. «Sie wird deutlich grösser ausfallen als die erste und dürfte zwischen 20 und 30 Millionen Franken liegen.»

Batteriekapazität von zwei Teslas

Nach etwa einer Stunde auf dem Genfersee geht es wieder zurück in den Hafen. Am reservierten Liegeplatz steht auch eine Zapfsäule für den Strom. «Unsere Boote werden wie Elektroautos geladen. Das hat einen grossen Vorteil: Die Automobilindustrie investiert Milliarden in Batterien und Ladeinfrastruktur.» Davon profitiere das Unternehmen direkt.

Die Kapazität der Mobyfly-Batterie entspricht etwa derjenigen von zwei Teslas. «Allerdings bewegen wir damit ein 5,5 Tonnen schweres Boot – das zeigt, wie effizient wir arbeiten», sagt die Unternehmerin. Während Anders Bringdal und die beiden Ingenieure das Boot für die nächste Testfahrt bereit machen, steigt Sue Putallaz in ihr E-Auto. Am späteren Nachmittag steht für sie noch ein wichtiges Treffen mit Investoren auf dem Programm.

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