Fachärzte wollen nicht sparen
Drama-Queens in Weiss

Das Gesundheitssystem könnte Millionen einsparen. Doch viele Fachärzte wehren sich mit Händen und Füssen dagegen.
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Fachärzte, etwa die Radiologen, wehren sich mit Händen und Füssen gegen eine Obergrenze.
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Darum gehts

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Raphael RauchBundeshausredaktor

Der heutige Arzttarif hat einen grossen Mangel: Die hinterlegten Zeiten wurden seit 15 Jahren nicht mehr aktualisiert – und entsprechen längst nicht mehr der Wirklichkeit.

Was heisst das konkret? Ein Beispiel: Wenn ein Hausarzt zehn Minuten arbeitet, kann er dafür genau zehn Minuten abrechnen. Er verdient also für zehn Minuten die dem Referenzlohn von 235’000 Franken entsprechende Summe. Spezialisten hingegen können einen Eingriff, der vor 15 Jahren noch 30 Minuten gedauert hat und heute dank technischem Fortschritt nur noch zehn Minuten dauert, gemäss dem alten Standard abrechnen. Der Arzt arbeitet somit zehn Minuten, kassiert aber den Lohn für eine halbe Stunde – im Vergleich zum Landarzt haben sich seine Einnahmen verdreifacht. Der Referenzlohn verdreifacht sich ebenfalls – auf 705'000 Franken. Wie Brancheninsider erzählen, soll es noch krassere Beispiele geben. 

Kritik seit 2010 – passiert ist nichts

Die Schwachstelle des Schweizer Tarifsystems – früher hiess es Tarmed, heute Tardoc – sorgt seit Jahren für Ärger. Die Eidgenössische Finanzkontrolle kritisierte diesen Zustand bereits 2010. Passiert ist eigentlich nichts. Weil die Tarifpartner die veralteten Zeitangaben trotz des neuen Tarifs nicht aktualisiert haben, hat das Parlament eine Höchstgrenze beschlossen, die nächstes Jahr in Kraft treten soll. Diese Limite ist allerdings äusserst grosszügig: Ärzte sollen künftig nur noch 12 Stunden pro Tag Arztleistungen abrechnen können – und das im Monatsdurchschnitt. Ausnahmen wie Notfälle, Gutachten oder Berichte fallen nicht unter diese Regelung. 

Augenärzte, Radiologen, Gefässspezialisten und Kardiologen drängen aktuell mit Hochdruck darauf, die Höchstgrenze zu beseitigen: «Eine solche Höchstgrenze ist weder sachdienlich noch zielführend und darf per 1. Januar 2027 nicht umgesetzt werden», steht in einem Schreiben der Radiologen-Lobby an Ständeräte, das Blick vorliegt. «Die radiologische Versorgung in der Schweiz wird damit akut gefährdet. Wir bitten Sie daher dringend, in einer kommenden SGK-Sitzung in dieser Sache Anhörungen durchzuführen.»

Salär: Bis über eine Million

Was die Fachärzte verschweigen: Nicht selten verdienen sie und ihre Fachkollegen mehr als eine Million Franken. Zudem geht es lediglich um Partikularinteressen – nur ein kleiner Teil der Gesamtärzteschaft wäre tatsächlich von der Obergrenze betroffen. Laut vertraulichen Zahlen aus Krankenversicherungskreisen, die Blick vorliegen und die vom Verband Schweizer Krankenversicherer (Prio Swiss) in der Grössenordnung bestätigt werden, überschreiten nur 3,4 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte die Limite. Ein Versorgungsproblem besteht also kaum.

Und: Kein Hausarzt kommt nur in die Nähe solcher Einnahmen. Andererseits belegen die vorliegenden Zahlen, dass bei manchen Spezialisten die Überschreitungen massiv sind:

  • Augenärzte: 21 %
  • ⁠Radiologen: 18,6 %
  • Gefässspezialisten: 16,7 %
  • Kardiologen: 10,7 %

An diesen Spezialisten besteht im Übrigen kein Mangel. Im Gegenteil: Das Parlament hat erst kürzlich Massnahmen beschlossen, damit die Kantone Höchstzahlen für diese Fachärzte festlegen müssen. 

Millionen-Sparpotenzial

Was ebenfalls verschwiegen wird: Im Schweizer Gesundheitssystem besteht bei wenigen Facharztgruppen ein enormes Sparpotenzial. Krankenkassen gehen von einem dreistelligen Millionenbereich aus, der auf einen Schlag eingespart werden könnte, wenn man exzessive Abrechnungen konsequent deckelte. Deswegen hat ein Grossteil der politisch Verantwortlichen begriffen: Der Tarif muss so rasch wie möglich angepasst, die hinterlegten Zeiten müssen aktualisiert werden.

Dagegen jedoch wehrt sich die Lobby mit Händen und Füssen. Der Kardiologe Christophe Wyss (51) zum Beispiel, der in der Hirslanden-Gruppe arbeitet, betont gegenüber Blick: «Wir möchten davor warnen, aus einzelnen, aussergewöhnlichen Einkommensbeispielen allgemeine Rückschlüsse auf die Schweizer Kardiologie oder gar einen vermeintlichen Handlungsbedarf hinsichtlich der Lohngerechtigkeit abzuleiten. Die Schweizerische Gesellschaft für Kardiologie würde es begrüssen, wenn die öffentliche Diskussion weniger von Begriffen wie Abzockerei geprägt wäre.» 

Ex-Hausarzt-Präsident: Politik soll hart bleiben

In der Ärzteschaft hält sich das Mitleid mit den Vielverdienern unter den Fachärzten generell in Grenzen. Philippe Luchsinger (68), ehemaliger Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, warnt im Gespräch mit Blick vor einem Einknicken der Politik: «Ein Hinausschieben der Obergrenze würde den Druck zur Anpassung der Tarife sicher deutlich reduzieren. Und damit die Gefahr erhöhen, dass nichts passiert – wie in den letzten 15 Jahren.»

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