Darum gehts
- Schweizer Stauseen alarmierend leer: Füllstand bei 46 Prozent Mitte Juli
- Gletscherforscher: Schneearmer Winter und Hitzesommer als Hauptgründe für Wasserdefizit
- EU-Gasspeicher nur zu 52,5 Prozent gefüllt – mögliche Versorgungsengpässe im Winter
Die Schweizer Stauseen geben derzeit ein trostloses Bild ab: Rund um die Seen zeigen Uferbänder aus Geröll oder Verfärbungen an den Bergflanken, wie hoch das Wasser bei einem vollen See reicht. Die Füllstände in den Schweizer Stauseen sind derzeit mit durchschnittlich 46 Prozent alarmierend gering. Zum Vergleich: Im langjährigen Schnitt waren es zu diesem Zeitpunkt des Jahres rund 63 Prozent. ETH-Professor Matthias Huss (46) nennt den schneearmen Winter und den trockenen Hitzesommer als Gründe. «Die aktuelle Lage ist besorgniserregend», sagt der Gletscherforscher.
Huss sorgt sich um die langfristige Wasserversorgung durch die Gletscher. Doch den Schweizer Haushalten droht bereits im nächsten Winter Ungemach. Denn: Im Winter sind wir auf ausländische Stromimporte angewiesen. In den ausländischen Gasspeichern sieht es jedoch noch düsterer aus als hinter unseren Staumauern. Und: Je weniger Strom die Wasserkraftwerke im Winter produzieren, desto grösser der Importbedarf.
Gewaltige Gletscherschmelze hilft kurzfristig
Besonders tief sind die Pegel wegen der fehlenden Schneeschmelze in den Stauseen in Graubünden und im Tessin. Im Mai war auch in einigen Stauseen der Alpiq im Wallis der tiefste Stand der letzten zehn Jahre erreicht. Die Walliser Stauseen werden stark durch Gletscherwasser gefüllt. Deshalb hat sich der Stand gemäss Alpiq seither verbessert. «Die Gletscher schmelzen beinahe so stark wie im Rekordjahr 2022», so Huss. Was für den nächsten Winter Milderung verschafft, verheisst für die Zukunft nichts Gutes. «Mit jedem Hitzesommer geht künftiges Potenzial für die Stromproduktion verloren.» Die schrumpfenden Gletscher werden irgendwann weniger Schmelzwasser liefern.
Aktuell könnten Stauseen mit Gletscherzufluss bis zum Herbst aber noch deutlich zulegen, so Huss. Die Pegel im Wallis steigen im langjährigen Vergleich von Mitte Juli bis Oktober jeweils deutlich an. In der übrigen Schweiz dürfte das Defizit aber kaum mehr aufgeholt werden. Wie gut die Speicher im Winter gefüllt sein werden, sei abhängig von den Niederschlagsmengen in der Alpenregion in den kommenden Monaten, so die Axpo auf Anfrage.
Absicherungskosten steigen
Die tiefen Wasserstände der Seen erhöhen die Sorge um die verfügbare Wasserkraftproduktion im Winter und treiben die Absicherungskosten in die Höhe, schreiben die Centralschweizerischen Kraftwerke – eine Tochtergesellschaft der Axpo – auf ihrer Website.
Beim importierten Winterstrom spielt die Produktion mit Gas eine zentrale Rolle. Das Problem: Die erneuten US-Angriffe auf den Iran haben den Gaspreis wieder deutlich hochschnellen lassen und gefährden den Schiffsverkehr über die Strasse von Hormus. Damit ist auch der Transport von Flüssiggas ungewiss.
Für Europa und die Schweiz sind das schlechte Nachrichten: Denn die Gasspeicher in der EU sind mit 52,5 Prozent deutlich schlechter gefüllt als in früheren Jahren – in Deutschland liegt der Wert besonders tief. «Man muss davon ausgehen, dass die Speicher bis im Herbst nicht mehr auf ein vernünftiges Level kommen», sagt René Baggenstos (57), Energieexperte bei der Enerprice AG. Geopolitische Unsicherheit und Lieferengpässe schlagen auf die Preise durch: Stromlieferungen für 2027 sind am Terminmarkt im Vergleich zum letzten Sommer derzeit über 20 Prozent teurer.
Haushalte müssen mit höheren Strompreisen rechnen
Die höheren Preise dürften gemäss Baggenstos auch die Schweizer Haushalte treffen. Anfang September gibt die Elcom die neuen Stromtarife fürs nächste Jahr bekannt. «Viele Haushalte müssen mit einem steigenden Strompreis rechnen.»
Die knappen Gasreserven könnten für den europäischen und Schweizer Strommarkt im Winter gar zum Problem werden. «Ein harter Winter könnte zu Versorgungsengpässen führen», sagt Baggenstos. «In diesem Fall ist es realistisch, dass verbrauchsbeschränkende Massnahmen notwendig sein werden.» Baggenstos ist Mitglied der Taskforce Gas Winterversorgung beim Bund.
Experte rechnet bei hartem Winter mit Stromengpässen
Die Massnahmen fangen bei freiwilligen Aufrufen zu einem geringeren Verbrauch an. «Es wäre zudem denkbar, Gas aus den besser gefüllten Speichern in Italien anstelle aus Deutschland zu importieren. Dies ist technisch seit ein paar Jahren möglich», so der Energieexperte. Im Extremfall könnte auch die Kontingentierung des Gasverbrauchs in bestimmten Branchen zum Thema werden.
Bei den grossen Stromkonzernen Alpiq und Axpo geht man derzeit nicht von einer Strommangellage für den kommenden Winter aus. Beide Konzerne beobachten jedoch die Lage bei den Gasspeichern ganz genau. Sollten dort Engpässe entstehen oder geopolitische Risiken zunehmen, könnte dies zu weiterem Preisdruck nach oben führen, so die Alpiq. In diesem Fall wären die Wasserspeicher in den Schweizer Bergen unsere eiserne Reserve, um die es nach aktuellem Stand leider ebenfalls schlecht bestellt ist.