Darum gehts
- George Saravelos war der heimliche Star des WEF mit brisantem Bericht
- Europa hält US-Staatsanleihen im Wert von 8000 Milliarden Dollar
- USA müssen 2026 rund 10 Billionen Dollar Staatsschulden refinanzieren
US-Präsident Donald Trump (79) mag zwar Davos GR gerockt haben. Der heimliche Star des World Economic Forum (WEF) war jedoch ein anderer: George Saravelos, Leiter des globalen Devisenresearch der Deutschen Bank. Kurz vor dem Start des WEF veröffentlichte er einen Bericht, der sich wie ein Lauffeuer in der Finanzwelt verbreitete.
«Europa besitzt Grönland – und es besitzt auch sehr viele US-Staatsanleihen», schrieb der Ökonom darin. Europa sei der grösste Gläubiger der USA. Die Länder des Kontinents hielten US-Anleihen und -Aktien im Wert von rund 8 Billionen Dollar (8000 Milliarden Dollar) – fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen, schrieb er.
«In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell gestört wird, ist nicht klar, warum die Europäer weiterhin bereit sein sollten, diese Rolle zu spielen», so Saravelos weiter. «Die Entwicklungen der letzten Tage könnten zu einer weiteren Neugewichtung zulasten des Dollars führen.»
Hintergrund des Berichts war Donald Trumps Drohung, Grönland zu übernehmen und jene Staaten mit zusätzlichen Strafzöllen zu belegen, die ihn dabei nicht unterstützten. Dieser Tabubruch löste eine Kaskade politischer Reaktionen aus. Die EU-Staaten verständigten sich unter anderem auf eine Aussetzung des Zolldeals.
Genervter Scott Bessent
Doch nichts schien die Entourage von Donald Trump mehr zu nerven als die Aussagen des Devisenanalysten. Finanzminister Scott Bessent (63) sagte am Mittwoch am WEF: «Diese Vorstellung, dass Europäer US-Vermögenswerte verkaufen würden, stammt von einem einzelnen Analysten der Deutschen Bank.» Der CEO der Deutschen Bank habe angerufen und klargestellt, dass sich das Institut dieser Analystenmeinung nicht anschliesse.
Mit Hochspannung wurde am Mittwochnachmittag dann die Rede von Donald Trump erwartet. Zur grossen Überraschung erklärte er in seiner 70-minütigen Ansprache im Davoser Kongresshaus, dass er nun doch keine Gewalt anwenden werde, um die arktische Insel unter US-Kontrolle zu bringen. Auch bei den neuen Strafzöllen ruderte er zurück. Trump verwies auf ein «Framework»-Abkommen, das er mit der Nato ausgearbeitet hatte.
Es ist nicht das erste Mal, dass der US-Präsident plötzlich von Forderungen ablässt. Im vergangenen Frühling drohte er im Rosengarten des Weissen Hauses mit horrenden Strafzöllen gegen fast alle Länder – nur um diese wenig später in einem Schlag wieder auszusetzen. Auch damals reagierten die Märkte heftig auf die Ankündigungen. Die Aktienkurse rasselten in die Tiefe.
Was Trump wirklich verunsicherte und zu einer Spitzkehre veranlasste, waren die Rückschläge bei den Staatsanleihen. In dieser Woche spielten sich erneut ähnliche Szenen ab.
Trumps Angst
Was ist es, das Trump an den Anleihenmärkten so sehr fürchtet? Anleihen – oder Bonds – sind das Rückgrat des globalen Finanzsystems. Das weltweite Volumen dieser handelbaren Schulden beläuft sich auf über 130 Billionen US-Dollar. Die grössten Schuldner sind dabei Staaten – allen voran die USA. Die Bondmärkte sind entscheidend für die Haushaltspolitik einer Regierung. Gegen sie lässt sich keine Politik machen. Selbst der US-Präsident kann das nicht.
Bondmärkte lassen sich mit der Kreditabteilung einer Bank vergleichen: Sie legen Zinssätze fest und heben oder senken den Daumen über die Ausgabenpläne einer Regierung. Die Macht der Bondmärkte haben Politiker schon vor Trump erfahren müssen. James Carville, Bill Clintons politischer Strippenzieher, sagte einst, er wolle als Anleihenmarkt wiedergeboren werden, weil man damit «jeden einschüchtern kann». Der berühmte Spruch «The economy, stupid» stammt ebenfalls von ihm.
Mächtiger als Zentralbanken
Die Bondmärkte sind mächtiger als die Zentralbanken. Diese können zwar die kurzfristigen Zinssätze bestimmen, doch die langfristigen Zinsen werden von den Anleiheinvestoren festgelegt. Das zeigt sich auch in den USA: Obwohl die US-Notenbank Fed die Zinsen in den vergangenen 16 Monaten sieben Mal gesenkt hat, hatte dies kaum Einfluss auf die Hypothekenzinsen. Sehr zum Ärger von Donald Trump, der um die Stimmen der Mittelschicht fürchtet, die sich kein Eigenheim mehr leisten kann.
Die US-Regierung und Donald Trump wissen, dass sie für die Finanzierung ihrer Schulden auf ausländische Investoren angewiesen sind. Genau darauf wies Analyst George Saravelos in seinem Bericht hin. Allein in diesem Jahr müssen die USA etwa ein Drittel ihrer Staatsschulden refinanzieren. Gemäss Schätzungen sind das gegen 10 Billionen Dollar. Das geht nur, wenn die Europäer mitziehen.