Edelweiss-Chef Bernd Bauer
«Für Schweizer sind Ferien heilig»

Windhoek statt Denver, die Lofoten statt Seattle. Edelweiss-Chef Bernd Bauer über die Reisetrends in den Sommerferien, steigende Kerosinpreise und warum bei ihm Rivella an Bord nicht fehlen darf – und weshalb es keine Poké-Bowls gibt.
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Seit 2014 ist Bernd Bauer CEO der Edelweiss. Die Karriere startete der Betriebswirt bei der Crossair. Er wechselte nach dem Grounding zur Swiss.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

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Jessica Pfister
Schweizer Illustrierte

«Reisen beginnt mit Inspiration», sagt Edelweiss-CEO Bernd Bauer im Geschäftszentrum The Circle am Flughafen Zürich. Darum prangt auf der neuen Bürofläche der Airline, die im Spätsommer eröffnet wird, kein Flugzeug, sondern ein Surfer und viel Meer. «Da kriegt man doch gleich Lust auf Ferien», sagt der 61-Jährige.

Herr Bauer, fliegen Sie mit Ihrer Familie in die Sommerferien?
Nein, wir fahren mit dem Auto in die Toskana. Meine Frau kommt aus Italien.

Wohin reisen Ihre Gäste diesen Sommer besonders gern?
In Europa sind es die Balearen, die Kanaren und die griechischen Inseln – da sind wir inzwischen auf fast jeder Insel vertreten, die einen Flughafen hat. In Italien haben wir in Apulien und Sardinien das Angebot ausgebaut. Was auch immer besser läuft, sind nordische Destinationen wie die Lofoten in Norwegen oder Cornwall und Bristol in England. Irland und Schottland sind ebenfalls sehr beliebt.

Und Übersee?
Kanada. Nach Vancouver fliegen wir teilweise täglich. In Mittelamerika sind es die Dominikanische Republik und Mexiko. Und seit dem 1. Juni fliegen wir nach Namibia – wir hatten selten eine Destination, die vor dem Start so gut gebucht wurde. Mitte Juli können wir gar auf drei Flüge pro Woche aufstocken. Die Schweizer reisen nach den Deutschen am häufigsten nach Namibia. Und wegen der hohen Nachfrage haben wir auch die Flüge in die Malediven ausgebaut.

Woher wissen Sie, welche Orte künftig im Trend sind?
Wir haben ein Team, das sich nur mit diesem Thema beschäftigt. Es schaut sich konkrete Zahlen vom Bundesamt an: Wo steigen Schweizer Gäste ein, wo steigen sie um, wo fliegen sie hin? Hinzu kommen die Einreisezahlen der Länder. Daraus entsteht eine Liste mit Favoriten, die wir regelmässig beobachten. Wenn sich ein starker Trend zeigt, können wir reagieren. So ist die Destination Windhoek entstanden.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Die Flüge nach Denver und Seattle haben Sie wegen mangelnder Nachfrage gestrichen. Woran liegts?
Ich denke, es ist die politische Lage. Für mich persönlich sind die USA eines der besten Reiseländer der Welt. Ich war im Frühling mit der Familie eine Nacht in Las Vegas, danach haben wir vier Nationalparks bereist. Fantastisch! Zumal der Dollarkurs für uns momentan sehr gut ist.

Seit dem Iran-Krieg gibt der Kerosinmangel zu reden. Lufthansa-Group-CCO Dieter Vranckx gab Ende Mai Entwarnung für die Sommersaison. Doch die EU-Kommission warnt vor einer möglichen Verschärfung. Was stimmt?
Das, was Dieter Vranckx sagt. Unsere Destinationen sind für diesen Sommer gesichert.

Und danach?
Ich gehe davon aus, dass sich die Lage beruhigt und wir mittel- und langfristig keine Mangellage haben werden. Dennoch: Die Kerosinpreise sind stark gestiegen – zeitweise um 100 Prozent. Wenn man bedenkt, dass der Treibstoff 30 Prozent unserer Gesamtkosten ausmacht, müssen wir natürlich sehr gut wirtschaften. Das bedeutet: Destinationen, die nicht gut laufen, nehmen wir raus, und andere, die stark nachgefragt sind, bauen wir aus oder nehmen neue rein.

Was heisst das für die Passagiere? Werden die Tickets teurer?
Seit Beginn der Iran-Krise haben wir den internationalen Zuschlag je nach Strecke bis dreimal angepasst. Dieser Zuschlag deckt einen kleinen Teil von Kosten ab, die wir nicht direkt beeinflussen können, darunter etwa Kerosin. Auf der Kurzstrecke bewegten sich die Erhöhungen im tiefen zweistelligen, auf der Langstrecke im tiefen dreistelligen Franken-Bereich. Im Moment sind die Kerosinpreise wieder etwas tiefer, aber noch immer etwa 50 Prozent teurer als normal. Wie es weitergeht, hängt davon ab, wie sich die Lage im Iran entwickelt. Die Preisstrukturen insgesamt haben wir nicht angepasst – sie richten sich nach Angebot und Nachfrage. Früh buchen lohnt sich!

Die Swiss muss wegen Pilotenmangel und fehlender Flugzeuge im Sommer über 300 Flüge streichen. Wie sieht die Lage bei Edelweiss aus? Immerhin bauen Sie die Kurzstrecke von 14 auf 18 Maschinen aus.
Wir haben einen sehr stabilen Bestand und ohne grosse Fluktuation – das gilt sowohl für die Kabine wie auch für das Cockpit.

Während Corona wurde bei Ihnen die Pilotenausbildung aber runtergefahren.
Ja, während Corona gab es auch bei uns eine Phase, in der wir einen Stillstand hatten. Zum Glück sind für Schweizer Ferien heilig. Darum ging es ziemlich schnell wieder los. Wir mussten die Mitarbeitenden zwar auch temporär in die Kurzarbeit schicken, aber niemanden entlassen. Das war sicher ein Grund, warum wir 2022 wieder profitabel waren.

Die Edelweiss modernisiert ihre Langstreckenflotte mit dem A350. Wie läufts?
Wie im Lehrbuch (lacht). Im Oktober und November kommen zwei weitere A350 dazu, dann beginnen wir mit dem Kabinenumbau. Weil die Flieger breiter sind, wird der seitliche Sitzabstand auch in der Economy grösser. In der neuen Premium Economy gibt es einen Schalensitz, der beim Zurückklappen nicht mehr dem Sitznachbarn ins Gesicht fällt. In der Businessclass werden die Sitze noch breiter, es gibt mehr Beinfreiheit und grössere Bildschirme. Das absolute Highlight ist die Business-Suite – das sind vier Sitze in der ersten Reihe, die mit Wänden abgeschirmt werden können. Hinzu kommt für alle Passagiere gratis Internet an Bord mit bis zu 1 Gigabyte. Da kann man auch auf eigenen Geräten Lieblingsfilme schauen.

Vom Hauptsitz der Edelweiss im The Circle kann Bernd Bauer aufs Rollfeld schauen. 2025 flog die Edelweiss 3,3 Millionen Reisende zu Destinationen in aller Welt.
Foto: Fabienne Bühler

Sie stehen seit zwölf Jahren an der Spitze von Edelweiss. Was begeistert Sie an Ihrem Job?
Kein Jahr ist gleich wie das andere. Die Ansprüche der Gäste ändern sich ständig, und der Markt wächst. Die Edelweiss ist ein toller Arbeitgeber – auch für mich persönlich.

Als gebürtiger Deutscher prägen Sie eine sehr schweizerische Marke. Was haben Sie über die Schweiz gelernt?
Ich habe 1994 bei der Crossair begonnen und bin inzwischen länger in der Schweiz als in Deutschland. Auch wenn man es nicht hört – seit 2020 habe ich den Schweizer Pass. Im Vergleich zu Deutschland sind die Schweizerinnen und Schweizer viel mehr unterwegs – und können sich das Reisen leisten. Sie sind sehr bedacht auf Qualität, bei der Begrüssung an Bord, der Betreuung im Flugzeug, den Schweizer Produkten wie dem Rivella im Getränkeangebot (schmunzelt). Darum sind wir klassisch schweizerisch unterwegs – trendige Poké-Bowls gibts bei uns nicht.

Gehört zum klassischen Auftritt auch, dass die Flight-Attendants bei Ihnen noch roten Lippenstift tragen – bei Virgin Atlantic muss sich das Flugpersonal nicht mehr schminken, bei Eurowings darf man neu weisse Sneaker tragen.
Der Lippenstift gehört zur Uniform. Ein einheitliches Erscheinungsbild ist wichtig, damit unsere Crews erkannt werden. Vielleicht ist der Stil in ein paar Jahren ein anderer. Unsere roten Jacken haben wir übrigens modernisiert: tailliert statt gerade, dünner Stoff statt wolligem Loden. Die Lackierung des Flugzeugs hat sich ebenfalls weiterentwickelt.

Apropos Entwicklung: Der Iran-Krieg hat das Interesse an nachhaltigen Flugtreibstoffen verstärkt. Wird nachhaltiges Fliegen bald Realität?
Unsere Beimischquoten nehmen zu. Doch bei Biokraftstoffen wie etwa aus nachwachsender Biomasse und Speiseölen stossen wir bald an die Verfügbarkeitsgrenze. Die Zukunft sind synthetische Treibstoffe, die aus Wasserstoff und Kohlendioxid aus der Luft mithilfe von Energie hergestellt werden. Sie stehen noch ganz am Anfang; es braucht grössere Anlagen und erhebliche Investitionen, damit genug Volumen zur Verfügung steht. Wir sind als Gruppe bei einem ETH-Spin-off beteiligt. Mit dem A350 können wir unseren Treibstoffverbrauch bereits um 25 Prozent senken – das ist schon mal ein wichtiger Schritt.

Wäre die Kundschaft bereit, für klimafreundlicheres Fliegen mehr zu bezahlen?
Daran zweifle ich. Wir gehörten zu den Ersten, die eine CO₂-Kompensation angeboten haben. Nur acht Prozent der Passagiere nutzen sie.

Sie haben zwei Kinder. Hören Sie zu Hause nie, dass Fliegen schlecht sei?
Nein, weil meine Kinder das Gesamtbild kennen. Zum einen erweitert Reisen den Horizont und erhöht die Bereitschaft, sich mit anderen Menschen und Kulturen auseinanderzusetzen. Zum anderen gibt es kaum ein Land auf der Welt, das ohne Tourismus leben kann – die Schweiz mit eingeschlossen. Stellen Sie sich die Dominikanische Republik ohne Tourismus vor. Er sorgt für Wertschöpfung und damit für mehr politische Stabilität.

Die Lufthansa-Gruppe muss sparen. Es werden keine neuen Mitarbeiter mehr eingestellt, Geschäftsreisen mit Hotelaufenthalt sind nicht mehr erlaubt. Gilt das auch für Edelweiss?
Ja. Darum verzichten wir auf Projekte wie interne Systementwicklungen, die der Gast nicht merkt, oder verschieben sie. Wir schauen, dass unsere Administrationskosten nicht steigen. Den Kabinenumbau werden wir wie geplant umsetzen – das ist ein wichtiges strategisches Projekt.

Scheinbar werden alle wichtigen Entscheide in Deutschland gefällt. Hat die Edelweiss überhaupt noch Gewicht?
Es gibt keine Entscheide, die wir nicht auch selber so fällen würden. Sind wir mal nicht einverstanden, können wir das diskutieren. Wir haben eine Stimme, die zählt.

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