Digital-Barometer 2026
KI zwischen Boom und Sorgen

Grosse Teile der Bevölkerung sehen bei KI mehr Chancen als Risiken. Der neue Digital-Barometer zeigt eine Schweiz zwischen technologischem Aufbruch, wachsender Verunsicherung und dem Wunsch nach mehr digitaler Souveränität.
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Digitalisierung, wohin man blickt (digital erzeugtes Bild).
Foto: Getty Images

Die Schweiz erlebt gerade ihren grössten KI-Boom. Drei Viertel der Bevölkerung nutzen inzwischen regelmässig Werkzeuge wie ChatGPT, Claude oder Gemini. Fast jede zweite Person glaubt, dass die Chancen von KI in den nächsten fünf Jahren die Risiken überwiegen werden. Viele verbinden mit KI neue Chancen für Wirtschaft und Innovation. Gleichzeitig wächst aber auch die Sorge vor Kontrollverlust, Desinformation und digitaler Überforderung.

Die Bevölkerung blickt heute skeptischer auf die Auswirkungen der Digitalisierung als noch vor wenigen Jahren. 41 Prozent bewerten die Auswirkungen negativ, 34 Prozent positiv. Fast jede vierte Person sagt, sie könne mit dem Tempo nicht mehr Schritt halten. Der Barometer 2026, eine repräsentative Studie von der Stiftung Risiko-Dialog, digitalswitzerland und der Mobiliar, wird jährlich erhoben.

Mehr KI-Nutzer, grössere Unsicherheit im Umgang

Die Schweizer Bevölkerung nutzt KI zunehmend selbstverständlich im Alltag, setzt sich gleichzeitig aber bewusster mit den Risiken auseinander. 80 Prozent der rund 1200 Befragten geben an, sich bewusst zu sein, dass KI gesellschaftliche Debatten und demokratische Prozesse beeinflussen kann. Die Nutzung steigt rasant, doch fehlen vielen Menschen die nötigen Kompetenzen bei der Anwendung.

Die Schweiz nutzt KI immer selbstverständlicher, gleichzeitig wächst die Unsicherheit im Umgang mit der Technologie: Nur etwa die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich sicher im praktischen Umgang mit KI. Besonders gross sind die Unsicherheiten beim Erkennen von KI-gestütztem Betrug oder beim Schutz persönlicher Daten. «Wir befinden uns an einem Wendepunkt, was die Grundstimmung der Bevölkerung betrifft», sagt Daniela Ramp, Projektleiterin bei der Stiftung Risiko-Dialog. «Es ist wichtig, Ängste ernst zu nehmen, Misstrauen zu adressieren und in Bildungsinitiativen zu investieren.»

Fast jede zweite Person erwartet, dass KI Wirtschaft und Arbeitswelt in den nächsten fünf Jahren stark verändern wird. Gleichzeitig glauben nur 27 Prozent, dass dadurch tatsächlich neue berufliche Chancen entstehen werden. Auch beim Thema Kreativität wächst die Skepsis: 74 Prozent befürchten, dass KI das kreative Denken und eigenständige Arbeiten schwächen könnte. Besonders kritisch wird KI dort bewertet, wo direkte menschliche Beziehungen betroffen sind, etwa im Bildungs- oder Gesundheitsbereich.

«Made in Switzerland»-Label für KI

Je stärker globale Techkonzerne den KI-Boom dominieren, desto grösser wird der Wunsch nach lokalen Lösungen. 83 Prozent geben an, digitalen Diensten stärker zu vertrauen, wenn sie ein «Made in Switzerland»-Label tragen. Besonders bei sensiblen Anwendungen wie der E-ID oder dem elektronischen Patientendossier geniesst der Staat als Verantwortungsträger deutlich mehr Vertrauen als private Unternehmen.

«Vertrauen in KI entsteht durch gute Governance, verlässliche Daten, transparente Algorithmen und professionelles Risikomanagement. Die entscheidende Frage lautet: Wie setzen wir KI so ein, dass sie menschliche Fähigkeiten stärkt, Mehrwert liefert und unser Vertrauen verdient?», sagt Mobiliar-CEO Michèle Rodoni.

Auch politisch zeigt die Studie einen klaren Wunsch nach Orientierung. «Dass die Bevölkerung KI kennt und die meisten sie bereits nutzen, ist ein starkes Signal», sagt Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland. «Aber Bewusstsein über Technologie allein reicht nicht. Zu vielen fehlen die konkreten Anwendungskenntnisse.»

Strengere Regeln gegen Desinformation und Hassrede erwünscht

Die Bevölkerung will bei neuen Technologien wie KI aktiv vorangehen, statt abzuwarten. Gleichzeitig ist der Anspruch an klare Leitplanken hoch: Der Schutz persönlicher Daten hat gegenüber digitalem Komfort klar Vorrang, und auch strengere Regeln gegen Desinformation und Hassrede werden mehrheitlich unterstützt, auch wenn das Eingriffe in die Meinungsfreiheit bedeutet.

Insgesamt zeigt die Studie damit eine Schweiz, die die digitale Zukunft nicht nur kritisch begleitet, sondern aktiv mitgestalten will. 59 Prozent der Bevölkerung finden, die Schweiz solle bei neuen Technologien wie KI aktiv vorangehen statt abwarten. Viel zu besprechen für die einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die sich nächste Woche zum Digitalgipfel in Andermatt treffen.

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