Darum gehts
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Der Würfel ist klein, vielleicht drei Zentimeter Kantenlänge, aus Messing, matt, unspektakulär. Enron Shabiu sitzt vor der Poliermaschine und hält ihn an eine rotierende Scheibe: 1500 Umdrehungen pro Minute, etwas Polierpaste, konzentrierter Blick. Die Scheibe summt gleichmässig, die Paste verteilt sich in feinen Spuren. «Ich habe meine Lehre hier vor zwei Wochen angefangen», sagt er, schaut auf und reibt die rechte Hand am grauen Arbeitskittel trocken, «ich werde Polisseur.»
Willkommen im Genfer Centre de Formation von Rolex. Es befindet sich in einem zehn Gehminuten vom grün spiegelnden Hauptsitz entfernten Gebäudekomplex und wirkt – rein äusserlich – nicht wie eine Erweiterung, sondern eher wie ein Gegenstück: gedrungen, veraltet, glanzlos. Drinnen wird, was schief schien, wieder zurechtgerückt: Das Ausbildungszentrum ist auf den Stockwerken 2 und 3 untergebracht – à la Rolex: Blumen am Empfang in der zweiten Etage, weitläufige Flure, gepflegte Teppichböden, verglaste Seminarräume, viel Licht. Es ist der Weiterbildungshub für die über 10’000 Angestellten, die Rolex in der Schweiz beschäftigt, und die erste Station für Neuankömmlinge. Hier werden sie mit den Werten, den Codes und den Uhren von Rolex erst einmal vertraut gemacht. Etage 3 gehört der Lehrlingsausbildung.
Mission Dufour
Dass Rolex, bekannt für ihre Verschlossenheit, eine Tür öffnet, ist bemerkenswert, und dass es diejenige des internen Ausbildungszentrums ist, vielsagend: Während der Dubai Watch Week liess Rolex-CEO Jean-Frédéric Dufour einiges zum Thema Nachwuchs fallen, unter anderem: «Es ist unsere Verantwortung, Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.» Im Centre de Formation bekommen die leeren Worte Substanz: Hier werden von der klassischen Uhrmacherei über Mikromechanik, Werkzeugbau und Konstruktion bis hin zu Logistik und technischen Supportfunktionen 26 Berufe ausgebildet.
Fabien Graber ist der oberste Ausbilder und führt durch Räume und Geschichte. Letztere startet 1984. Rolex beginnt als erster Genfer Arbeitgeber damit, Uhrmacherlehrlinge direkt im Unternehmen auszubilden. 2016, Dufour ist seit einem Jahr CEO, ergeht die Order, die über die ganze Gruppe verteilten Ausbildungsaktivitäten an einem Ort zusammenzuführen. Graber stösst 2017 dazu und hat ein Jahr Zeit, das Zentrum einzurichten. Seine Erzählung von dieser Anfangsphase lässt vermuten, dass es eine aufregende Zeit war und es viel zu lernen gab. Am 18. September 2018 wird das Zentrum eröffnet.
Für jede Fertigkeit ist vorhanden, was eine zeitgemässe Ausbildung braucht: Top-Arbeitsplätze, Werkzeuge, Geräte, Maschinen und vor allem: 80 vollamtliche Ausbilder sowie «Hunderte Mitarbeitende, die sich täglich mit unterschiedlichen Pensen für die jungen Berufsleute engagieren.» Der Ausbildungsauftrag, betont Graber, besteht nicht nur darin, den Lernenden Techniken und Wissen zu vermitteln, sondern auch Haltung. «Wir messen dem Savoir-être die gleiche Bedeutung bei wie dem Savoir-faire», sagt er. «Denn einen Beruf zu lernen, bedeutet auch, zuhören zu lernen, Rückmeldungen anzunehmen, Lösungen zu finden, wenn nötig nochmals von vorn anzufangen – und dabei Selbstvertrauen zu entwickeln.»
Höchste Priorität
Was 2018 nach organisatorischer Neuordnung aussah, ist strategisch. Ohne ausreichendes und fähiges Personal keine Zukunft. Beim Branchenprimus, der gemäss Schätzung von Morgan Stanley und LuxeConsult jährlich über eine Million Uhren herstellt, steigt der Personalbedarf laufend. Gerade entsteht in Bulle FR für über eine Milliarde Franken ein neuer Produktionsstandort, der ab 2029 in Betrieb geht und dereinst mehr als 2000 Arbeitsplätze beherbergen wird – und ein eigenes Ausbildungszentrum. Graber erhielt schon 2022 die Vorgabe, die Zahl der Lehrlinge von damals 200 auf 500 zu erhöhen – «une ambition de Monsieur Dufour». Das Ziel ist schon fast erreicht: Aktuell erlernen 446 Auszubildende bei Rolex einen Beruf.
Wer heute eine 15-Jährige für eine technische Lehre gewinnt, hat morgen noch keine Fachkraft. Je nach Beruf dauert die Ausbildung zwei, drei oder vier Jahre. Erfahrung entsteht erst danach. Zudem bleibt laut Graber nur jeder zweite von Rolex ausgebildete Lehrling nach dem Abschluss im Unternehmen. Die einen verlassen die Krone, weil man ihnen keinen Job anbietet, die anderen, weil sie eigene Pläne haben, mitunter natürlich auch bei der Konkurrenz.
Der Stolz auf das Ausbildungszentrum ist gross und springt einen beim Rundgang geradezu an: Bei der Ausbildungsabteilung Maschinenbau und Polymechanik etwa ist eine Stellwand platziert mit den Worten: «Nos montres sont uniques, la formation de nos apprentie-e-s aussi» – unsere Uhren sind einzigartig, die Ausbildung unserer Lehrlinge auch.
Unser Besuch war angekündigt, und einzelne Lehrlinge haben sich darauf vorbereitet. Graber beginnt die Tour bei den angehenden Rhabilleurs, jenen Uhrmachern, die eine mechanische Uhr als Ganzes beherrschen lernen. Zwei junge Männer im dritten Lehrjahr stehen in schneeweissen Arbeitskitteln bereit. Auf der einen Brust prangt das Rolex-Logo, auf der anderen ist in Dunkelgrün ihr Name eingestickt. «Mein Vater arbeitet bei Rolex, und ich habe beim Schnuppern gemerkt, dass die Uhrmacherei mein Ding ist», erklärt der eine sein Hiersein.
Dann erklärt sein Kollege die Uhren in einer Vitrine: «Das sind Abschlussarbeiten.» Er geht sie der Reihe nach durch – eine Uhr mit Mondphase, eine mit springender Stunde, eine mit retrograder Sekunde, eine mit Gangreserveanzeige. Jeder angehende Uhrmacher arbeitet vom dritten bis ins vierte Lehrjahr an seiner Uhr, fertigt einzelne Teile selbst, angliert und dekoriert das Werk, poliert das Gehäuse, montiert und reguliert. Nach dem Abschluss darf die selbst gebaute Uhr mit nach Hause.
Gleich, aber anders
Ob ihre Kollegen in der Berufsschule neidisch darauf sind, dass sie die Lehre bei Rolex machen können? Die beiden staunen über die Frage, zucken die Schultern – und Graber schaltet sich ein, um den Eindruck, hier werde eine Rolex-eigene Elitelehre betrieben, zu korrigieren: «Der eidgenössische Abschluss ist derselbe wie anderswo.» Rolex erfinde keine eigene Lehre. Die Ausbildungsgänge sind national geregelt, die Abschlüsse dieselben wie bei anderen Betrieben. Aber? «Das Rolex-Programm ist ein ständiges Zusammenspiel von Theorie und Praxis», sagt Graber. «Ausgebildet wird nicht nur hier, sondern möglichst nahe am Geschehen, in den Ateliers, an den Produktionslinien und in den Abteilungen.» Dafür wechseln die Lernenden immer wieder den Einsatzort. Vor den Ferien sei er in Biel in der Produktion gewesen, erzählt einer der jungen Uhrmacher, davor am Hauptsitz und noch davor in einer Boutique. Heisst: Den Unterschied machen die Möglichkeiten, die Rolex Lehrlingen bieten kann – so denn Lehrlinge gefunden werden.
Selbsthilfe
In der Uhrmacherei könne jeweils aus mehreren Hundert Bewerbungen ausgewählt werden, erzählt Graber. In mechanischen und produktionsnahen Berufen dauere es dagegen teils bis weit ins Jahr, bis die Stellen besetzt sind, und erfordere Sonderefforts. Besuche in Schulen etwa, um Jugendliche für Tätigkeiten zu interessieren, von deren Existenz sie bis dahin nichts wussten.
Viele Wege führen zu Rolex - beim einen wars der Vater, bei Hossein Jaffari der Zufall. Der studierter Architekt und nun angehender Konstrukteur, ist im Iran aufgewachsen und lebt seit drei Jahren in der Schweiz. Dass Rolex Lehrlinge ausbildet, habe er zufällig entdeckt, «beim Scrollen im Internet». Es folgten Bewerbung, Tests, Praktikum, mehrere Gespräche. Heute ist er im zweiten Lehrjahr und erklärt technische Zeichnungen auf Französisch.
Qualifiziertes Personal zu finden, ist für Rolex nicht nur in der Schweiz herausfordernd. In den USA eröffneten die Genfer 2001 in Lititz, Pennsylvania, ein Technikum – als Antwort auf den dramatischen Einbruch der Uhrmacherzahl von 32’000 in den 1970er-Jahren auf 6500 in den 1990ern. Es war die erste neue Uhrmacherschule in den USA. Rolex finanzierte Betrieb und Einrichtung, die Ausbildung war schulgeldfrei. Seit 2025 bildet Rolex in Dallas aus: In einem neuen Trainingscenter kann ein 18-monatiges Programm absolviert werden. Werkzeuge, 1800 Dollar im Monat – all inclusive. Pro Jahrgang werden 24 bis 27 Studierende aufgenommen – bei mehreren Hundert Bewerbungen. Das entspricht der Aufnahmequote einer Eliteuniversität. Die Abschlussprüfung findet in Genf statt und endet mit dem Titel «Rolex Certified Watchmaker».
Der Bedarf ist gross: Jedes Jahr müssten laut Rolex für das nordamerikanische Händler- und Servicenetzwerk 30 bis 40 neue Fachkräfte auf den Markt kommen. Die Logik ist in den USA dieselbe wie in Genf: Wenn Fachleute auf dem Arbeitsmarkt fehlen, bildet man sie selbst aus.
Wie Enron Shabiu. Polisseure gehören zu der Berufsgruppe, für die händeringend nach Nachwuchs gesucht wird. Die Aufgabe, eine matte Messingfläche zum Glänzen zu bringen, klingt banal. Sie ist es nicht. Bei zu wenig Druck passiert kaum etwas. Bei zu viel wird die Fläche schief, und die Kanten werden rund. Was später an einer Rolex wie selbstverständlich glänzt – Gehäuse, Bandglieder, Schliesse –, ist hohe Schule und muss geübt werden, immer wieder: Polieren lässt sich erklären, aber nicht allein durch Erklären lernen. «Man muss ein Gefühl entwickeln», sagt der Novize. Und dieses Gefühl kommt nur durch Wiederholung, durch Fehler, durch Korrektur.
Festakt
Im Anschluss an die Tour durchs Centre de Formation wird dieser Gedanke noch einmal spürbar: Im Festsaal des Rolex-Hauptsitzes wird der Lehrabschluss von 89 jungen Frauen und Männern gefeiert – im Beisein von Angehörigen, Graber, Dufour sowie der Präsidentin der Genfer Regierung, Anne Hiltpold, und Guy Parmelin. Der Bundespräsident legt den jungen Berufsleuten einen weissen Rolex-Schal um den Hals wie eine Medaille und gratuliert, Dufour überreicht die Diplome und gratuliert. Die Stimmung ist feierlich, würdig, intern. Rolex sei heute eine weltweite Referenz, sagt der CEO in seiner Ansprache. Und: Eine solche Position zu halten, bedinge, die richtigen Produkte zu entwickeln, innovativ zu bleiben und Qualität sicherzustellen. Aber vor allem brauche es Menschen, die all das möglich machen.
Die Uhrmacher-Macher
Laut Arbeitgeberverband der Schweizer Uhren- und Mikrotechnikindustrie beschäftigte die Branche per Ende September 1685 Lehrlinge. 446 Youngsters werden aktuell bei Rolex in 26 Berufen ausgebildet, 2030 sollen es mindestens 500 sein. Der andere grosse Player in Sachen Berufslehre ist die Swatch Group. In 32 Konzerntöchtern werden jährlich mehr als 500 Lernende in über 50 Berufen geschult. Der Richemont-Konzern mit Marken wie Cartier, Vacheron Constantin und IWC kommt auf knapp 200 Auszubildende in 20 Berufen, Tendenz steigend: Cartier allein steigerte die Zahl der Lernenden von 27 (2023) auf 49 (2025).
Der Nachwuchs ist besonders bei Uhrenherstellern in Familienbesitz ein grosses Thema. Der Genfer Uhren- und Schmuckhersteller Chopard etwa hat Jahr für Jahr 40 Lehrlinge im Haus, und Co-Präsident Karl-Friedrich Scheufele betonte jüngst in BILANZ, er werde künftig noch stärker in die Ausbildung in verschiedenen Handwerksberufen investieren. Patek Philippe konzentriert sich derweil vor allem auf eigene Institute für After-Sales-Uhrmacher (Genf, New York, Shanghai, Singapur) mit kleinen, selektiven Jahrgängen und interner Weiterbildung.