Zum Glück ist Roger Federer nicht abergläubisch. Sonst wäre er vielleicht mit einem mulmigen Gefühl auf den Court Nummer 1 geschritten. Es ist das zweitgrösste, neu mit einer Dachkonstruktion versehene Stadion auf der Wimbledon-Anlage, wo der Schweizer letztes Jahr im Viertelfinal gegen Kevin Anderson nach 2:0-Satzführung und Matchball ins Gras biss.
Federer dazu: «Da du Dich auf beiden Centre Courts nicht einspielen kannst, fühlst du dich wirklich sehr ähnlich, wenn du darauf kommst. Mit dem Dach fühlt sich Court 1 eigentlich noch ähnlicher an wie der Centre Court – mir gefällt es dort. Nur der Weg dahin, ist natürlich anders: Du läufst viel länger durch die Korridore und kommst nicht am berühmten Legenden-Gang vorbei.»
In der Regel wird er an einem Tag, maximum an zwei Tagen während der zweiwöchigen Championships aus seinem Wohnzimmer auf den Show-Court nebenan verwiesen. Heute ist wieder einmal so ein Tag – die später stattfindende Zweitrunden-Affiche Rafael Nadal vs. Nick Kyrgios ist einfach zu gut und muss auf den Centre Court.
Federers Gegner Jay Clarke ist zwar Brite, also ein beliebter Einheimischer hier im Südwesten Londons, den auch die Royalen in der Box gerne sehen. Aber die 166 Plätze Klassenunterschied zum 17 Jahre älteren Superstar Federer sind doch viel zu gross, als dass ein Überraschungs-Coup erwartet werden darf. Schliesslich hat der Rasenkönig an einem Major-Turnier noch nie gegen einen so schlecht klassierten Spieler verloren. Und mit neun Siegen hält er den Rekord gegen Wildcard-Gegner an Grand Slams.
Schneller erster, ausgeglichener zweiter Satz
Macht Federer nun gegen Wilcard Clarke die 10 voll? Alles sieht von Beginn weg danach aus. Sofort gelingt ihm das erste Break zum 2:0. Zwei Breakbälle bei 3:1-Führung wehrt er souverän ab – danach zieht er davon. Das 6:1 steht nach 28 Minuten.
Federer nach dem Spiel: «Ich kann zwar seinen Puls nicht persönlich spüren, aber ich fühlte, dass mein Gegner nervös war. Zumindest deutete ich seine beiden Doppelfehler im ersten Aufschlaggame so. Aber danach hatte er sich bald gefangen. Vielleicht ist Rasen nicht sein liebster Belag, aber mir gefiel, was ich von ihm sah.»
Im zweiten Durchgang findet der Brite, der von seinem Bruder Curtis gecoacht wird und von Englands Held Sir Andy Murray im Vorfeld des Federer-Duells prominente Hilfe erhalten hat, den Tritt tatsächlich etwas besser. Bis ins Tie-Break hält er tapfer mit, lässt die Herzen des Publikums mit tapferem Einsatz höher schlagen.
Roger peitscht indes von der Grundlinie mit derart viel Risiko drauf, dass einige Fehler unvermeidbar sind. Als übe er ein wenig, wie weit er mit der Power gehen kann. Doch in der Kurzentscheidung heisst es wieder volle Konzentration. Der 20-fache Grand-Slam-Sieger sitzt wieder deutlich am Hebel und beendet sie mit seinem siebten Ass.
Weiterer Rekord für Federer
Der Rest ist Formsache. Gleich knüpft Federer mit einem Break an – und zieht im Schnellverfahren zum Sieg davon. Das 6:2 beendet den Match nach etwas mehr als eineinhalb Stunden und besiegelt eine weitere Bestmarke für den Schweizer Rekordmann. Nur Jimmy Connors stand in Wimbledon 17 Mal in der dritten Runde!
Hier trifft der achtfache Champ auf den Franzosen Lucas Pouille (ATP 28), zu dem er meint: «Ich habe schon viel mit ihm trainiert, kenne ihn gut. Und wir haben die Garderoben beieinander, sehen uns hier also ständig. Eine leichte Auslosung ist er in Runde 3 keinesfalls.»