Novak Djokovic verspielte sich schon in der dritten Runde von Indian Wells die Chance, hier zum sechsfachen, alleinigen Rekordsieger aufzusteigen. Roger Federer hat die Chance – packt er sie auch?
Nach der Siegerehrung des packenden Frauenfinals, den die 18-jährige Kanadierin Bianca Andreescu sensationell gegen die zweifache Grand-Slam-Siegerin Angelique Kerber (De) gewinnt, betreten die Finalisten der Männer leicht verspätet den Centre Court.
Das Niveau von Federer (ATP 4) und seinem österreichischen Gegner Dominic Thiem (ATP 5) ist vom ersten Ballwechsel an atemberaubend hoch. Bis zum Treffen gaben beide in ihren fünf Matches – eigentlich nur vier, Federer (w.o. Nadal) wie auch Thiem (w.o. Monfils) profitierten je von der Aufgabe eines Gegners – nur sehr selten ihren Aufschlag ab: Thiem zwei Mal, Federer gar nur einmal.
Spektakel-Tennis für Feinschmecker
Ein Zeichen der Klasse von den beiden, dass sich in diesem Finalmatch diese Statistik relativiert. Zunächst fallen die Breaks wie Orangen von den Bäumen im kalifornischen Tennis-Garten. Der 37-jährige Schweizer legt gleich beim ersten Servicegame seines Gegners vor – 2:0. Der 12 Jahre jüngere Österreicher krallt es sich zurück, lässt Federer aber erneut 5:3 davon ziehen. Dieser verwandelt nach 35 Minuten seinen zweiten Satzball zum 6:3.
Das Tennis ist eine Augenweide. Zwei einhändige Rückhände wie aus dem Bilderbuch, grandiose Athletik auf beiden Seiten, Grundlinien-Power von Thiem, Netzattacken und gefühlvolle Stoppbälle von Federer. Dieser Satz ist so unterhaltsam, dass sogar Rogers vier Zwillingskinder, die sich oben in einer Loge um Mirkas Schoss drängeln, durchhalten und fleissig applaudieren.
Erinnerungen an Del-Potro-Drama werden wach
Danach verziehen sich erst Leo und Lenny, wenig später auch Myla und Charlene ins Innere der Loge. Das bringt Papa offenbar kein Glück, denn im zweiten Durchgang schleichen sich bei ihm plötzlich Fehler ein. Und Thiem ist solid wie ein Fels in der Brandung. Der Ösi breakt zum 3:1 und setzt die Führung nach 73 Minuten zum 6:3 um. Es ist Rogers erster Satzverlust in diesem Turnier. Und für Thiem, der ihn 2016 zweimal schlagen konnte, der erste Satzgewinn nach zwei deutlichen Niederlagen auf Hartbelag.
Erinnerungen an den letztjährigen Final gegen Juan Martin del Potro werden wach. Auch damals gewann der 20-fache Grand-Slam-Sieger den ersten Durchgang und liess sich den Sieg schliesslich in drei Sätzen und nach drei Matchbällen entgleiten…
Der Final ist neu lanciert. Bis zum 4:3 für Federer lassen beide nichts anbrennen. Es folgt ein Schlüsselspiel, in welchem der Baselbieter den ersten Breakball in diesem Entscheidungssatz nicht nutzen kann. Und ein weiteres, wo ihm der Mann aus Wiener Neustadt zwei Stoppbälle cross um die Ohren zaubert, das vor entscheidende Break schafft und nach über zwei Stunden 7:5 gewinnt. Den Grund muss Federer wie schon bei seiner ersten Niederlage in dieser Saison gegen Stefanos Tsitsipas in Melbourne bei der Breakball-Statistik suchen: die liegt bei nur 18 Prozent (2 von 11). Thiems im Vergleich: 75 Prozent (3 von 4).
Vier Final-Niederlagen in fünf Jahren
Dominic Thiem verhindert den 101. Sieg des Rekordchampions, Rogers sechsten in Indian Wells, der ihn hier zum alleinigen Rekordhalter vor Djokovic gemacht hätte. «Ich hatte den Sieg auf dem Racket, schwer zu sagen, was falsch lief. Es lag wohl nur an ein paar kleinen Dingen, die den Unterschied machten», analysiert Roger wenig später und sagt gefasst: «Ich hatte dennoch eine wunderbare Zeit hier mit meiner Familie, vielen Freunden und auch meinen Eltern, denen ich danke, dass sie mich hier besucht haben.»
Trotz der Tatsache, dass er hier nun in den letzten fünf Jahren viermal im Final verloren hat, ist er fest entschlossen, sich nicht zu grämen. Er sei zwar etwas traurig, aber schon zu oft in einer solchen Situation gewesen, um zerstört zu sein. «Dieses Jahr ist die Niederlage eh einfacher wegzustecken als letztes Jahr gegen Del Potro, als alles durch die Matchbälle und unseren Streit mit dem Schiedsrichter noch explosiver war.» Der Dubai-Titel helfe ihm ausserdem darüber hinweg: «Ich will jetzt gar keine negative Energie zulassen. Mit dem 100. Titel hatte ich einen wunderbaren Saisonstart und ich freue mich, dass ich mich körperlich perfekt fühle und jetzt in so guter Form nach Miami reisen kann.»
Statt Federer feiert nun der Freund der französischen Tennisspielerin Kiki Mladenovic bei seiner ersten Finalteilnahme den 12. ATP-Titel – seinen ersten auf Masters-1000-Stufe. Und tauscht im Ranking mit seinem Finalgegner die Plätze. Ab morgen ist Thiem die 4, Federer nur noch die Nummer 5. Überheblich wird der Champion dennoch nicht: «Roger, du hast so viele Titel mehr als ich! Ich bin nur dankbar, dass ich von dir, der grossen Legende, so viel lernen durfte.»