Darum gehts
- Schweizer Gold-Serie vor Olympia-Riesenslalom in Bormio gefährdet, sagen Experten
- Marco Odermatt favorisiert, trotz höchster Belastung und starker internationaler Konkurrenz
- Thomas Tumler könnte überraschen, er gewann 2025 Silber auf ähnlichem Gelände
Die Schweizer Gold-Serie wackelt vor dem Olympia-Riesenslalom! Das glaubt zumindest der Österreicher Hans Knauss (55), seines Zeichens Riesenslalom Vize-Weltmeister von 2003. «In den Speed-Disziplinen auf der technisch selektiven Stelvio war von Anfang an absehbar, dass es Schweizer Festspiele geben würde. Doch in diesem Olympia-Riesenslalom sehe ich auch zahlreiche Nichtschweizer, die gewinnen können. Ich wäre nicht überrascht, wenn am Samstag einer eine Medaille gewinnen würde, der im Weltcup noch gar nie auf dem Stockerl war.»
Selbstverständlich werden bei diesen Spielen auch die technischen Alpin-Disziplinen auf der Pista Stelvio zu Bormio ausgetragen. Aber im Gegensatz zur Abfahrt- und dem Super-G beinhaltet die Riesen-Strecke, die knapp oberhalb des San Pietro-Sprungs beginnt, nur ein kurzes Steilstück. «Nach dem San Pietro geht es ewig ziemlich flach dahin bis ins Ziel. Und deshalb gibt es in diesem Rennen viel mehr Sieganwärter als auf einem selektiven Riesen-Hang wie in Adelboden, Val-d’Isère, oder Alta Badia», glaubt Knauss.
Maier sagt: «Es wird auf Kraft und Ausdauer ankommen»
Es ist ein ganz grosser Landsmann von Knauss, der der letzte Riesenslalom-Sieger auf der Stelvio ist - Hermann Maier hat hier 2005 die WM-Goldmedaille eingefahren. Auch der «Herminator» glaubt, dass bei diesem Olympia-Riesen die geniale Technik eine nicht ganz so grosse Rolle spielen wird, als anderswo. «Es wird bei diesem langen Riesentorlauf – speziell bei den Athleten, die die Speed-Bewerbe bestritten haben – ganz besonders auf die Kraft- und Ausdauerwerte ankommen», betont der Doppel-Olympiasieger von 1998.
«Wenn das einer meistern kann, dann ist es Marco!»
Titelverteidiger Marco Odermatt (28) hat auch in diesem Winter von sämtlichen Alpinen das happigste Pensum in den Beinen. Deshalb stellt sich die Frage, ob der vierfache Gesamtweltcupsieger nach Rang 4 in der Olympia-Abfahrt, Bronze im Super-G und Silber in der Team-Kombination noch genügend Reserven für diesen speziellen Riesenslalom hat? Justin Murisier (34), der im letzten Winter beim Abfahrts-Klassiker in Beaver Creek triumphierte, gehört zu den engsten Vertrauten des Nidwaldners.
Der Walliser zweifelt nicht im Geringsten am Stehvermögen seines Kumpels: «Wenn einer ein derartiges Mammutprogramm meistern kann, dann ist es Marco. Seine Kraft- und Ausdauerwerte sind überragend. Zudem beherrscht er es wie nur ganz wenige, das Tempo vom Steilen ins Flache mitzunehmen. Und genau das wird bei diesem Riesenslalom entscheidend sein.»
Das könnte unser Vorteil sein
Der Schweizer Riesenslalom-Trainer Helmut Krug (63) hat sich in der Saisonvorbereitung in Chile wegen des Olympia-Riesenslaloms eine Piste ausgesucht, «die im Vergleich zu einem Weltcup-Hang einem Kinderhügel gleichkommen ist. Im Hinblick auf den Riesen in Bormio war das für uns das ideale Trainingsgelände.» Was ein weiterer Vorteil für Odermatt und Co. sein dürfte: Krug wurde als Kurssetzer für den zweiten Durchgang ausgelost. «Odermatt ist mein Top-Favorit, Lucas Braathen und Marco Schwarz sind auf diesem Gelände ebenfalls ganz heiss», prognostiziert Murisier.
Zu einfach für Meillard?
Doch was ist mit Slalom-Weltmeister Loïc Meillard, der Ende Januar den letzten Weltcup-Riesenslalom in Schladming gewonnen hat? «Eine derart vereiste Piste wie in Schladming wird Loïc hier ganz sicher nicht vorfinden», hält Fischer-Rennchef Siegi Voglreiter fest. Und deshalb befürchtet Justin Murisier, «dass die Bedingungen in Bormio für den genialen Techniker Meillard zu einfach sein könnten.»
Aber welche Aussenseiter werden vor dem vorletzten Männer-Alpinrennen bei diesen Olympischen Spielen von den Experten als Medaillenanwärter gehandelt? «Ich traue dem Belgier Sam Maes oder dem Deutschen Fabian Gratz hier viel zu», verrät Hans Knauss. Justin Murisier traut einem Teamkollegen einiges zu: «Thomas Tumler besitzt die Qualitäten, um auf dieser Piste besonders schnell zu sein.»
Zur Erinnerung: Vor zwölf Monaten hat der Bündner Tumler bei der WM in Saalbach (Ö) auf einem Gelände, das auch nicht wirklich steil war, mit 35 Jahren Riesen-Silber gewonnen. Ob er dieses Kunststück bei Olympia nun wiederholt?
