Swiss-Ski denkt an unkonventionellen Plan B
Schweizer Speed-Dominanz kann zu einem echten Problem werden

Wird die extreme Stärke des Schweizer Männer-Abfahrtsteams langfristig zum Problem für Swiss Ski? Ein Blick nach Österreich könnte als warnendes Beispiel dienen. Bei Swiss Ski wird deshalb sogar eine besondere Massnahme erwogen.
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Superstar Marco Odermatt ...
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Marcel W. PerrenSki-Reporter

Es sind äusserst beeindruckende Fakten. Fünf von sechs Abfahrten wurden im laufenden Weltcup-Winter von einem Schweizer gewonnen (dreimal Odermatt, zweimal von Allmen). Die drei Olympia-Goldmedaillen von Franjo von Allmen (24) in der Abfahrt, im Super-G und in der Team-Kombination belegen zudem die Schweizer Dominanz im alpinen Speed-Bereich. Ebenso wie der Fakt, dass seit dem 28. Dezember 2023 bei jeder Abfahrt mindestens ein Eidgenosse den Sprung auf das Podest geschafft hat. Zum Vergleich: Die einst übermächtigen Österreicher haben in dieser Zeitspanne lediglich drei Podiumsplätze eingefahren.

Das sah Ende der 90er-Jahre noch ganz anders aus. Im Dezember 1998 fuhr das Speed-Team des ÖSV beim Weltcup-Super-G am Patscherkofel sogar einen Neunfachsieg (!) ein. Der heutige ORF-Experte Hans Knauss (55) belegte damals hinter Hermann Maier, Christian Mayer, Fritz Strobl, Stephan Eberharter und Rainer Salzgeber den sechsten Rang. «Letztendlich war es aber genau diese gigantische Dominanz unseres Teams, welche sich negativ auf unseren Nachwuchs ausgewirkt hat», erinnert sich Knauss.

Der Olympia-Zweite im Super-G von 1998 führt seine Erklärung aus: «Der ÖSV hat damals zwei Rennfahrer-Generationen verloren, weil die von unseren Erfolgen regelrecht erstickt wurden. Weil die Plätze im Weltcup zum grossen Teil vergeben waren, mussten viele Talente zu lange im Europacup darben, wo sie sich technisch nicht weiterentwickelt haben, weil die Pisten in der zweiten Liga vielfach zu einfach sind.»

Talenten droht die Sackgasse Europacup

Knauss macht deutlich, «dass die Schweiz jetzt genau das gleiche Luxusproblem hat. Und das kann längerfristig zu einem echten Problem werden.» Diese These wird durch die Betrachtung des aktuellen Weltcuprankings in der Abfahrt untermauert: Neun Schweizer fungieren unter den Top-30. Cheftrainer Tom Stauffer kann aber nur acht Fixplätze vergeben. Einen zusätzlichen Weltcup-Startplatz bekommt ein Rennfahrer nur dann, wenn er sich einen Top-3-Rang in der Disziplinen-Wertung im Europacup erkämpft.

Auch im Abfahrtsranking des Europacups ist die Schweizer Dichte extrem hoch: sieben Skigenossen sind in den Top-16 klassiert. Der Schwyzer Sandro Manser, der Zürcher Oberländer Alessio Miggiano und der Waadtländer Gael Zulauf belegen die Ränge 2 bis 4 und dürfen deshalb auf einen Fixplatz für die nächste Weltcupsaison hoffen. Die restlichen Schweizer Speed-Talente, die in jeder anderen Ski-Nation eine gute Weltcup-Perspektive hätten, müssen sich auf einen weiteren Winter in der Zweitklassigkeit einstellen. «Vielleicht hat ja einer dieser Burschen eine österreichische Grossmutter und könnte deshalb unseren Pass beantragen. Wir könnten solche Talente gut gebrauchen», meint Knauss augenzwinkernd.

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Swiss-Ski-Chefs streben Transfers zum Skicross an

Wahrscheinlicher als ein Nationenwechsel ist, dass das eine oder andere Abfahrtstalent die Sportart wechselt. Und zwar vom Alpin zum Skicross! «Ich habe mich vor ein paar Wochen mit Walter Reusser darüber unterhalten», bestätigt Männer-Cheftrainer Tom Stauffer. «Früher war es so, dass viele Alpine, die im Regionalen Leistungszentrum aussortiert wurden, zu den Skicrossern gewechselt sind, wo das Niveau nicht ganz so hoch ist. Aber jetzt haben wir im Swiss-Ski-Kader Alpine, die trotz ihres sehr guten Niveaus aufgrund der enormen Dichte in unserer Mannschaft und der Startplatzbeschränkung nur geringe Chancen auf einen Weltcupeinsatz haben. Deshalb würde ein Transfer zum Ski-Cross für einige Athleten Sinn machen», führt Stauffer aus.

Walter Reusser, der sich bei Swiss Ski den CEO-Posten mit Diego Züger teilt, hält fest, «dass wir im Frühling einigen Alpinen Schnupperkurse bei den Skicrossern anbieten werden.» Seit rund zwanzig Jahren ist Skicross im Freestyle angesiedelt. Es gibt aber immer mehr Funktionäre, die dafür plädieren, dass Skicross unter das Alpindach verschoben wird. Was für den Spartenwechsel des einen oder andern Talents aus der zweiten Reihe durchaus zuträglich sein könnte.

Grosse Gold-Party für von Allmen in Boltigen
2:51
Empfang im Video:Grosse Gold-Party für von Allmen in Boltigen
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