Der abgefahrenste Auftritt
Sportlich betrachtet ist der Saisonauftakt für den hochgehandelten Norweger Atle Lie McGrath «abverreckt». Nachdem der amtierende Slalom-Weltcupsieger im ersten Durchgang auf Platz 5 gelegen hatte, schied er im Finallauf aus. Dafür darf sich der Jugendfreund von Triumphator Pinheiro Braathen über den haushohen Sieg in der Kategorie «abgefahrenster Look» freuen! Während er die eine Seite seiner Gesichtshälfte glatt rasiert hat, ist die andere Hälfte mit Bartstoppeln bedeckt. Hintergrund: Italiens Hochsprung-Olympiasieger Gianmarco Tamberi, der schon länger mit halb rasiertem Bart für Furore sorgt, hat McGrath auf Instagram eine Videobotschaft geschickt. «Ich will dich mit diesem Video daran erinnern, was du zu tun hast…» McGrath stellte in Sölden aber auch sein Gesangstalent unter Beweis. Für die ARD absolvierte er eine Karaoke-Autofahrt mit Felix Neureuther und seinem Landsmann Henrik Kristoffersen. Dabei verblüffte der Wikinger vor allem mit seiner interpretation der «W Nuss vo Bümpliz» von Patent Ochsner.
Ski-Sensation Aicher: «Warum kann ich nicht alles haben?»
Mit erst 22 Jahren ist Emma Aicher schon ein Dino im Ski-Weltcup. Die Deutsche gehört zu einer aussterbenden Spezies: Sie fährt alle vier Disziplinen. Mit Rang drei im Riesenslalom von Sölden schafft sie zudem ein Kunststück. Damit hat sie nun in der Abfahrt, im Super-G, im Riesenslalom und im Slalom Podestplätze gesammelt. «Ich hätte nie gedacht, dass ich hier auf dem Podium lande», sagt sie. Für viele Experten ist Aicher eine Topfavoritin auf den Gesamtweltcup. Andere warnen vor dem Mammutprogramm, das zur Gefahr werden könnte. Die gebürtige Schwedin, die einige Jahre in Engelberg OW lebte, winkt ab: «Mir macht es einfach Spass, alles zu fahren. Warum kann ich also nicht alles haben?»
Odermatt ohne Verschnaufpause
Eigentlich hätte Marco Odermatt nach dem ersten Riesenslalom im WM-Winter Grund zum Feiern gehabt – der Nidwaldner erkämpfte trotz des harzig verlaufenen Herbst-Trainings (kleine Muskelverletzung) mit dem dritten Rang seinen 103. Podestplatz im Weltcup. Doch Odermatt hat schlicht keine Zeit, um die Korken knallen zu lassen. Unmittelbar nach der Siegerehrung fuhr der fünffache Gesamtweltcupsieger mit seinem Athletik-Trainer Alejo Hervas nach Zermatt. Auf dem Matterhorn-Gletscher wird Odermatt in dieser Woche Abfahrt- und Super-G trainieren.
Holdener holt Schwung
Camille Rast (27) ist mit Rang sechs die beste Schweizerin in Sölden. Grund zur Verzweiflung hat sie nicht, ganz zufrieden ist sie aber auch nicht. Wendy Holdener (33) freut sich dagegen über Rang 20. Dafür gibt es drei Gründe: Der Riesenslalom war zuletzt ihre Sorgendisziplin, nach den Trainings hatte sie kein gutes Gefühl – und im Rennen zeigte sie Mut und Angriffslust. «Für mich ist das ein positiver Start. Ich bin auf dem richtigen Weg, das gibt Motivation», sagt sie. Seit 2019 war Holdener in Sölden nicht mehr so gut klassiert.
Der revolutionäre Sölden-Plan
Das Weltcup-Opening in Sölden dürfte in Zukunft über zwei Wochen gestreckt werden. Gemäss Blick-Informationen plädieren hohe FIS-Vertreter sowie Jack Falkner, Geschäftsführer der Söldner Bergbahnen dafür, an einem Wochenende das Männer-Rennen und am anderen den Frauen-Wettkampf durchzuführen. «Damit könnte nicht nur die Zeit bis zu den Mitte November terminierten Weltcup-Slaloms in Levi verringert werden. Im Fall von schlechtem Wetter hätte man auf diese Weise auch mehr Verschiebungsmöglichkeiten», erklärt ein Sölden-Insider.
FIS braucht Geld: Kommt ein Grand Slam der Abfahrer?
Die Blutung ist gestoppt, der Patient aber noch lange nicht geheilt. Laut dem neuen Präsidenten Alexander Ospelt leidet der Weltskiverband FIS weiterhin unter den Fehlern der Vergangenheit. «Würden wir so weitermachen, würde das strukturelle Defizit 20 Millionen Franken betragen», sagt der Liechtensteiner. Die FIS hat bereits viel gespart, braucht aber neue Einnahmequellen. «Eine davon könnte eine neue Speedserie sein», sagt Ospelt. Diese könnte an einen finanzstarken Sponsor verkauft werden. Das wäre ein Mehrwert, ohne dass die Athleten zusätzlich belastet würden. Die Idee: vier Abfahrten, ein Gesamtsieger. Bormio, Wengen, Kitzbühel und Garmisch? Noch ist alles offen. Bei den Frauen stellt sich zudem die Frage, welche Rennen neben Cortina d’Ampezzo als Speed-Klassiker infrage kämen.
Österreicherin watscht eigenen Verband ab
Nur eine Österreicherin schafft es in die Punkteränge: Franziska Gritsch (29) rettet mit Rang neun immerhin die Ehre der Gastgeberinnen. Für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) ist das Resultat eine Demütigung. Denn Gritsch fährt seit drei Jahren in einem Privatteam. Ihr Freund Florian Stengg ist zugleich ihr Servicemann und Trainer. War sie beim Verband nur noch geduldet statt willkommen? Präsidentin Roswitha Stadlober gibt sich versöhnlich: «Ich wünsche ihr weiterhin alles Gute. Die Türen sind ja immer offen.» Eine engere Zusammenarbeit mit dem ÖSV sei möglich. «Ich bin guter Dinge, dass das hoffentlich auch einmal wieder im Team passieren wird.»
Der sensationelle Riesen-Exot
Wer ist das denn? Diese Frage stellte sich auf dem Rettenbach-Ferner ein Grossteil der 14'500 Zuschauer, als mit der Startnummer 46 ein Brite namens Freddy Carrick-Smith auf den zwölften Rang carvte. Antwort: Freddy ist der 19-jährige Sohn der Schottin Emma Carrick-Anderson, die um die Jahrtausendwende als Slalom-Spezialistin sieben Top-30-Ergebnisse im Weltcup einfuhr. Dass Freddy enormes Potenzial besitzt, demonstrierte er bereits im letzten Winter, als er im Training auf der Reiteralm den achtfachen Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher regelrecht deklassierte. Nun lieferte Carrick-Smith 58 Jahre nach dem neunten Rang von Jeremy Palmer-Tomkinson in Méribel das zweitbeste Riesenslalom-Ergebnis in der britischen Ski-Geschichte ab. Allzu viel hat Freddy mit Grossbritannien aber nicht mehr zu tun: Der Hauptwohnsitz der Carricks liegt in Frankreich, das Winterdomizil im Salzburgerland. Auch Sponsoren hat nicht der britische Ski-Verband, sondern Mama Emma aufgetrieben. Bis im letzten Winter präparierte sie auch die Ski von Freddy und dessen Zwillingsbruder Zak.
1008 Tage später: Vlhova schreibt eigenes Märchen
Fast drei Jahre lang bestritt Petra Vlhova (31) kein Rennen. In Sölden kehrte die Slowakin zurück und fuhr auf Rang 23. Die Leidenszeit nach ihrer Knieverletzung ist damit nicht vergessen. «Dass ich beide Läufe gesund ins Ziel gebracht habe, ist für mich ein Meilenstein. Allerdings fehlt mir noch die letzte Sicherheit auf den Ski.»
Das geglückte Comeback
Im letzten Frühling erklärte der Waadtländer Slalom-Spezialist Marc Rochat seinen Rücktritt. In Sölden gab der 33-Jährige, der bei der WM 2025 gemeinsam mit Stefan Rogentin Bronze in der Team-Kombi gewann, nun sein Comeback im Ski-Zirkus. Und zwar als Co-Kommentator für das Westschweizer Fernsehen RTS. Das Resümee von Hauptkommentator John Nicolet: «Beim Kommentieren vom Frauenrennen am Samstag war Marc gut, beim Herren-Riesen sehr gut!» Mit besonders viel Herzblut kommentierte Rochat den ersten Sölden-Podestplatz des zweitplatzierten Loic Meillard, mit dem er sich bis im letzten Winter regelmässig das Zimmer geteilt hat.
Eine Appenzellerin und der Ketchup-Effekt
27 Rennen musste Stefanie Grob (22) warten, ehe sie im vergangenen Winter erstmals Weltcuppunkte holte. Bei der mehrfachen Juniorenweltmeisterin war der Knoten geplatzt. In Sölden fährt sie auf Rang 25 und sammelt damit zum siebten Mal in Folge Weltcuppunkte. «So macht es Spass. Das motiviert mich natürlich sehr für alles, was noch kommt», sagt sie. Für Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor ist klar: «Es gibt einen Ketchup-Effekt. Stefanie glaubt an sich, die Bewegungen stimmen.»