Darum gehts
«Come fa il lupo?» – Wie macht der Wolf? Marc Rochat (33) geht in seinem Wohnzimmer in Pully VD in die Hocke und schaut seinen Sohn an. Der kleine Lupo, 1, schiebt die Lippen nach vorne und antwortet mit einem kleinen Heulen. Seine Eltern lachen. Der Name Lupo bedeutet auf Italienisch Wolf.
Rochat hebt seinen Sohn hoch und drückt ihn an sich. Es sind Szenen wie diese, die heute den Alltag des ehemaligen Skifahrers prägen. Noch vor wenigen Monaten sah sein Leben ganz anders aus. Trainingslager, Materialtests, Weltcuprennen. Und dann kam dieser Apriltag. An den Schweizer Meisterschaften in St. Moritz verkündete der Slalomspezialist seinen Rücktritt.
Die Nachricht kam für viele unerwartet. Nicht einmal Swiss-Ski war eingeweiht. Nur seine Frau Caroline (34) wusste, dass er mit dem Gedanken spielte. «Ich habe ihr gesagt, dass ich vielleicht zurücktrete, vielleicht aber auch nicht.» Der Entscheid fiel erst kurz vor der Bekanntgabe. «Ich höre immer auf mein Bauchgefühl. Und mein Bauchgefühl hat mir dann gesagt, dass jetzt der richtige Moment sei.»
Lange Leidensgeschichte
Dabei stand mit der Heim-WM 2027 in Crans-Montana noch ein grosses Ziel vor ihm. Ausgerechnet Crans-Montana. Jener Ort, an dem er als Zweijähriger seine ersten Schwünge in den Schnee zog. «Die Energie, die ich für eine weitere Saison hätte investieren müssen, war einfach zu gross.» Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen. «Es tat weh. Lange dachte ich, aufhören bedeutet aufgeben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Nicht einmal mir selbst.»
Auch sein Körper spielte bei dieser Entscheidung eine zentrale Rolle. Bereits als Jugendlicher kämpfte Rochat mit schweren Knieproblemen. Insgesamt sechs Operationen musste er über sich ergehen lassen. Ärzte und Familienmitglieder rieten ihm öfter, seine Karrierepläne zu begraben. Er machte weiter.
«Ich wollte einfach meinen Weg gehen», sagt er. «Darauf bin ich heute besonders stolz. Viele hätten aufgehört. Ich nicht. Und hatte eine wunderbare Karriere.» Die Verletzungen begleiten ihn bis zum Karriereende. «Seit acht Jahren hatte ich keinen einzigen Tag auf oder neben den Skiern ohne Schmerzen. Manchmal konnte ich am Morgen nicht einmal meine Socken anziehen. Zwei Stunden später musste ich auf die Ski.» Warum er trotzdem weitermachte? «Weil es eine Ehre war. Solange du fahren kannst, musst du es versuchen. Nicht viele Menschen dürfen so etwas erleben.»
WM-Bronze als Highlight
Belohnt wurde seine Hartnäckigkeit im Februar 2025. An der WM in Saalbach gewann Rochat mit Stefan Rogentin Bronze in der Team-Kombination. Es ist Teil des historischen Schweizer Dreifachsiegs. Noch heute beginnt er zu strahlen, wenn er davon erzählt. «Das war die Kirsche auf der Torte! Vor der WM hatte ich eine schwierige Saison. Und dann erleben wir als Team so etwas. Diese Woche hat meiner Karriere einen Sinn gegeben.» Dass er nie auf einem Weltcup-Podest stand, beschäftigt ihn dagegen kaum.
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Elf Top-10-Klassierungen, zweimal Platz vier, aber nie die ganz grosse Einzelmedaille. «Natürlich willst du immer mehr. Aber ich würde nichts ändern. Die Verletzungen, die Niederlagen – daraus habe ich am meisten gelernt.» Geformt hat ihn der Spitzensport allerdings nicht nur körperlich. Wer jahrelang Rennen fährt, lernt früh, sich nichts anmerken zu lassen. «Im Skisport lernst du, deine Emotionen für dich zu behalten», sagt Rochat und lehnt sich zurück. «Du lernst, nicht zu weinen. Nicht zu sagen, dass du Angst hast.» Niemand will Schwäche zeigen. Niemand will dem anderen einen Vorteil verschaffen. «Es ist wie ein Rucksack, den du immer mitträgst.» Dass dieser Rucksack heute leichter geworden ist, hat viel mit seiner Frau zu tun.
Ein präsenter Vater
Caroline und Marc sind seit acht Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich über gemeinsame Freunde. Dass ihr Gegenüber Skiprofi war, wusste sie damals zwar. Was das Leben an der Seite eines Spitzensportlers tatsächlich bedeutet, dagegen nicht. «Zum Glück», sagt Rochat lachend. «Ich wollte kein Groupie heiraten!»
Während er um die Welt reist, baut sie sich ihr eigenes Leben auf. Heute arbeitet sie im Marketing und als Rechtsmanagerin für eine Techfirma. «Du bist oft allein», sagt sie. «Daran musst du dich gewöhnen.» Vor der Geburt von Lupo sei das einfacher gewesen. Umso mehr habe sie es geschätzt, wie präsent ihr Mann war, wenn er zu Hause war. «Auch zwischen den Rennen, wenn er eigentlich Erholung gebraucht hätte, stand er nachts für Lupo auf. Er hat sich nie beschwert.» Rochat hört zu und lächelt. Was er seinem Sohn weitergeben möchte? «Dass er emotional frei sein darf.» Der Satz kommt schnell. «Ich möchte, dass er sagen kann, wenn er traurig ist. Dass er nichts in sich hineinfressen muss.» Er selbst habe das spät gelernt. «Meine Frau hat mir das beigebracht.» Er lächelt. Caroline auch.
Noch muss Rochat nicht sofort arbeiten. Er hat den Luxus, sich Zeit zu lassen, um herauszufinden, was als Nächstes kommt. «Wenn du Spitzensportler warst, kannst du nicht einfach wieder normal arbeiten. Ich will eine neue Leidenschaft finden. Die suche ich gerade.»
Gleichzeitig schreibt er an seiner Bachelorarbeit in Wirtschaft und Management, die er nun abschliessen will. Eine Idee steht aber bereits konkret im Raum: Anfang Juni reiste er in die Mongolei. Mit einem Freund will er dort eine Winterstiefelmarke aufbauen – ein erstes Projekt ausserhalb der Skiwelt, noch offen, noch im Entstehen. Vielleicht ist das der Punkt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren weiss Marc Rochat nicht genau, wohin der Weg führt. Und genau das gefällt ihm.