Überraschende Schweizer Reaktion auf Brasil-Show in Sölden
«Der Sieg von Braathen tut uns sogar gut»

Riesen-Olympiasieger Lucas Pinheiro Braathen verhindert beim Auftakt in den WM-Winter einen Schweizer Doppelsieg um eine halbe Sekunde. Walter Reusser, Co-CEO von Swiss-Ski, spricht danach bemerkenswerte Worte aus.
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Swiss Ski-Boss Walter Reusser wartet nach dem Sölden-Riesenslalom mit einer überraschenden Reaktion auf.
Foto: Sven Thomann
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Marcel W. PerrenReporter Sport

Es ist ein brisantes Gespräch, welches bei Halbzeit des verkürzten Sölden-Riesenslaloms (zu starker Wind im obersten Abschnitt) im Gletscher-Restaurant zwischen dem einstigen Adelboden- und Kitzbühel-Champion Hans Knauss (55) sowie Deutschlands Ski-Papst Felix Neureuther (42,13 Weltcupsiege) zu hören ist. «Mit Pinheiro Braathen liegt der Mann in Führung, der als Einziger wie ein richtiger Rennfahrer zu Werke gegangen ist. Seine Verfolger sind in meinen Augen etwas zu verhalten gefahren», behauptet Knauss.

Mit den Verfolgern spricht der Österreicher Loïc Meillard, Stefan Brennsteiner und den auf dem vierten Platz positionierten Titelverteidiger Marco Odermatt (fast sechs Zehntel Rückstand) an. «Ich habe den Marco hier in Sölden den Steilhang noch nie so sauber fahren gesehen. Er ist tatsächlich nicht das volle Risiko eingegangen», pflichtet Neureuther bei.

Dass der fünffache Gesamtweltcupsieger mit einer kontrollierten Fahrweise in sein 200. Weltcuprennen gestartet ist, ist aufgrund eines etwas harzig verlaufenden Herbsts absolut verständlich.

Odermatt hat wegen einer Ende August erlittenen Muskelverletzung rund zehn Schneetage in Südamerika verloren. Bis am 6. Oktober hatte er ein einziges, richtig gutes Riesenslalom-Training in den Beinen. «Deshalb war mir bei der Anreise nach Sölden klar, dass ich diesen Riesenslalom nicht so dominieren kann, wie ich das vor ein paar Jahren getan habe.» Und Odermatt stimmt auch der Einschätzung der Experten zu: «Den Steilhang bin ich im ersten Durchgang zu sauber gefahren.»

Starke Reaktion von Odermatt

Im Finallauf erleben die 14'500 Zuschauer auf dem Rettenbach-Ferner aber schon fast wieder den alten Marco Odermatt. Er fährt sechs Hundertstel schneller als Braathen, seinem Teamkollegen Loïc Meillard knöpft er fast drei Zehntel ab. «Als ich mir im Startgelände auf dem iPad ein paar Fahrten angeschaut habe, ist mir bewusst geworden, dass der Level in den Top 30 unglaublich hoch ist, jeder hat voll angedrückt. Da war mir klar, dass ich auch richtig Gas geben muss, damit ich in der Rangliste nicht durchgereicht werde.»

Obwohl das der erfolgreichste Athlet in der Swiss-Ski-Geschichte nahezu perfekt umgesetzt hat, gewinnt in der Endabrechnung der in Norwegen gross gewordene Brasilianer Braathen seinen vierten Riesen in Serie. Odermatt wird hinter Meillard Dritter und verbucht damit seinen 103. Weltcup-Podestplatz. «Es ist ein dritter Rang, über den ich mich herzhaft freue. Speziell die Tatsache, dass ich im Finallauf zurück in den Angriffsmodus gefunden habe.»

«So wird auch Braathen zu knacken sein»

Auch Co-CEO von Swiss-Ski, Walter Reusser, ist gar nicht unglücklich über die Tatsache, dass es diesmal nicht ganz zu einem Schweizer Sieg gereicht hat. Im Gegenteil! «Der Sieg von Braathen tut uns sogar richtig gut.»

Warum das? «In den letzten Jahren war nahezu ausnahmslos Odermatt in der Rolle des Gejagten. Aber jetzt können wir die Jagd auf Pinheiro aufnehmen. Das bringt neue Motivation in unser Team. Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden werden, um Pinheiro zu knacken», so Reusser.

Odermatt scheint das Rezept schon jetzt zu kennen: «Vor ein paar Jahren hat es mir im Riesenslalom manchmal zum Sieg gereicht, wenn ich normal Ski gefahren bin. Eine normale Leistung wird jetzt nicht mehr ausreichen, um diesen Braathen schlagen zu können. Aber mit zwei Top-Läufen voll am Limit kann man ihn knacken.»

Die Analyse des Sölden-Rennens ist heikel

Felix Neureuther glaubt zudem, dass Odermatt bei seinem achten Weltcup-Einsatz in Sölden nicht vom Wettergott begünstigt wurde. «Im letzten Abschnitt hatte Marco Gegenwind. Mit grosser Sicherheit hat ihm diese Böe mehr als ein Hundertstel gekostet, was ihm letztendlich auf den zweiten Rang von Meillard gefehlt hat.»

Aus diesem Grund will Walter Reusser mit den Schweizern nicht zu hart ins Gericht gehen. Während Lenz Hächler zum zweiten Mal in die Weltcup-Punkte gefahren ist (Rang 25), blieben Thomas Tumler (Rang 23), Fadri Janutin und Luca Aerni (beide haben die Quali für den zweiten Lauf verpasst) unter den Erwartungen. Reusser: «Der Wind hat in diesem Rennen viel stärker gedreht, als viele glauben mögen. Ich habe einige Athleten gesehen, welche die Schlüsselstellen ganz ordentlich gemeistert und dennoch viel Zeit verloren haben. Somit ist die Analyse dieses Wettkampfes eine äusserst heikle Angelegenheit.»

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