Die Stille im Dorf Saules im neuenburgischen Val-de-Ruz passt so gar nicht zum Rummel, der Robin Cuche im letzten Winter umgeben hat. Als wir kurz vor dem Mittag zu Hause beim vierfachen Paralympics-Medaillengewinner vorfahren, prüfen wir deshalb nochmals die Adresse, um sicherzugehen, dass wir wirklich richtig sind. Kaum stehen wir vor dem Haus im kleinen Weiler, wird klar: Der Empfang könnte herzlicher nicht sein. Noch bevor wir klingeln, bittet uns Robins Mutter Sandra, 56, durch den Garten in die sonnendurchflutete Stube. Hier wartet der Rest der Familie bereits mit Jasskarten in der Hand: Vater Alain Cuche (57) Bruder Rémi (26) und Robin (28) der Paralympics-Held von Cortina.
Erfolg trotz Handicap
Vier Monate sind seit Robins Karrierehighlight vergangen. Dass er heute als Doppel-Paralympics-Sieger am Tisch sitzt, grenzt an ein Wunder. Robin kam zwei Monate zu früh zur Welt. Seine rechte Körperhälfte ist deshalb teilweise gelähmt. «Die Ärzte sagten meinen Eltern, dass ich wahrscheinlich nie Ski fahren könne», erzählt er.
Doch Robin widerlegte alle Prognosen. Mit dreieinhalb Jahren stellten ihn seine Eltern zum ersten Mal auf die Bretter. «Du hast nie gesagt: ‹Ich kann das nicht.› Du hast es einfach probiert», so Vater Alain stolz, während er Teller und Besteck für das Mittagessen richtet. Mit 15 Jahren wurde Robin dann erstmals für die Paralympics aufgeboten.
Eine skiverrückte Familie
Obwohl auch Robins jüngerer Bruder Rémi noch im Elternhaus wohnt, sind gemeinsame Essen mit der ganzen Familie mittlerweile selten. Als B-Kader-Fahrer von Swiss-Ski ist Rémi im Winter normalerweise genauso viel unterwegs wie sein grosser Bruder – sofern es sein Körper zulässt. Vor über zwei Jahren riss ihm nämlich im Training auf der legendären Streif in Kitzbühel das Kreuzband. Weil die Heilung seither nicht wie gewünscht verläuft, konnte Rémi in der letzten Saison keine Rennen bestreiten. Dafür unterstützte er in Cortina Bruder Robin – und erlebte mit den Eltern die Goldfahrten mit. Seitdem nennt er seinen Bruder «Robinator».
Cuche – schon in der Vergangenheit sorgte dieser Name im Skizirkus für Schlagzeilen: Robins Onkel Didier prägte als «König von Kitzbühel» während Jahren den Abfahrtssport. In dessen Karriere war auch Robins Vater Alain – der Bruder von Didier – als Manager involviert.
Robins zweite grosse Leidenschaft
Während seine Ski über die Sommermonate im Wachskeller ausharren, arbeitet Robin als kaufmännischer Angestellter auf einem malerischen Golfplatz oberhalb des Neuenburgersees. Den Job hat er über seine Mutter gefunden. Sie sah auf Facebook, dass der Golfklub jemanden suchte. Dreisprachig, sportbegeistert, im Sommer verfügbar: Die Stelle passte wie massgeschneidert.
Und nicht nur das! Robin ist sofort vom Golfvirus infiziert. Wann immer er Zeit hat, steht er selbst auf dem Platz. Das geht so weit, dass er bei seinem Roadtrip von Golfplatz zu Golfplatz reist. Mit Schläger und Rennvelo tourte er eine Woche im Minivan durch die Schweiz, bevor das harte Konditionstraining für den nächsten Winter wieder beginnt.
Medaillen bekommen Ehrenplatz
Wer sich bei Robin zu Hause umschaut, merkt schnell, dass der Skisport trotz Golf- und Veloschuhen in der Garderobe aber noch immer die unangefochtene Nummer eins bleibt. Auf dem Sofa, von dem aus die Cuches regelmässig mit Manchester United mitfiebern, liegen jede Menge Paralympics-Decken und -Maskottchen. «Das muss man nutzen», erklärt Robin schmunzelnd. «Im Weltcup darf man normalerweise nichts mitnehmen – nicht einmal die Startnummern. Bei Olympia darf man fast alles behalten.»
Die wertvollsten Andenken – zwei goldene, eine silberne und eine bronzene Medaille – haben bisher keinen festen Ehrenplatz gefunden. «Momentan brauche ich sie noch oft für Termine. Im Mai war ich sogar im Bundeshaus zu Gast!»
Sobald es die Zeit zulasse, will er das Edelmetall aber würdig präsentieren: «Ein Freund von mir ist Schreiner. Ich möchte mit ihm zusammen ein besonderes Möbel bauen.»
Die Zukunft im Visier
Wie lange wird der Neffe von Didier Cuche seine Karriere fortsetzen? «Nächste Saison möchte ich in Frankreich Weltmeister werden. Wie es danach aussieht, steht noch in den Sternen», sagt Robin. Vieles hänge von den Finanzen ab, da Sponsoren im Para-Sport schwer zu finden sind. Aber auch die Gesundheit spiele eine Rolle. Er ist Schmerzen im Knie zwar gewohnt, aber: «Mit 50 im Rollstuhl sitzen will ich definitiv nicht», sagt er klar.
An Zielen mangelt es dem umtriebigen Neuenburger jedenfalls nicht. Sollte Golf paralympisch werden – was Robin für Brisbane 2032 erhofft –, könnte er sich eine Teilnahme bei den Sommerspielen durchaus vorstellen. So ruhig wie in Saules wird es um Robin Cuche so schnell also nicht werden.