Draussen vor dem Atomic-Werk in Altenmarkt (Ö) scheint die Sonne, 19 Grad. Von Schnee keine Spur, auch nicht in den Bergen rundherum. Egal. In zwei Wochen beginnt der Ski-Weltcup. Und drinnen steht die beste Skifahrerin der Geschichte auf der Bühne: Mikaela Shiffrin (31, USA).
«Ich dachte, die Leute würden sagen: Du bist verrückt! Aber das Gegenteil ist der Fall. Sie sagen: Cool, dass du es machst!» Was Shiffrin meint, ist seit Dienstag bekannt. Die Slalom-Gigantin (73 Weltcupsiege, vier WM-Titel, zwei Olympiasiege in dieser Disziplin) verkündete, ihren Fokus zu verschieben. In der kommenden Saison will sie vor allem Riesenslalom und Super-G fahren. Die ersten beiden Slaloms in Levi (Fi) und Gurgl (Ö) lässt sie aus, danach entscheidet sie von Rennen zu Rennen.
Ein Hammer – mit Konsequenzen.
110 Weltcupsiege hat sie – wie viele kommen dazu?
Einige Slalom-Fahrerinnen dürfen plötzlich von der kleinen Kristallkugel träumen. Auch die Schweizerinnen Wendy Holdener (33) und Camille Rast (27), die zur Weltspitze gehören. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass Rast die Situation ausnutzt», sagt Ski-Legende Marc Girardelli (63).
Shiffrin selbst muss sich auf weniger Siege einstellen – 110 hat sie bereits. «Davon gehe ich aus. Aber das ist für mich nicht entscheidend», sagt sie. Wichtiger sei die Neugier: «Ich möchte herausfinden, was ich im Riesenslalom und Super-G schaffen kann.»
Grosse Kristallkugel hat in diesem Winter keine Priorität
Shiffrin nennt den kommenden Winter deshalb «die Saison der Erkundung». Mit 31 Jahren erfindet sich Shiffrin neu. Sie setzt damit nicht nur die Slalom-Kugel aufs Spiel, sondern auch den möglichen siebten Gesamtweltcupsieg. Damit würde sie Annemarie Moser-Pröll (73, Ö) überholen.
Hat die grosse Kristallkugel keine Priorität? «Eher weniger. Ich akzeptiere, dass ich sie vielleicht nicht wieder gewinne.» Ganz abschreiben sollte man Shiffrin trotzdem nicht. «Wenn ich einen grossartigen Job mache, sich alles gut anfühlt und die Resultate da sind, können wir Mitte Saison nochmals darüber nachdenken.»
Noten? «Physisch eine Acht, technisch eine Sechs»
Auch abseits der Piste verändert sich einiges. Shiffrin hat einen neuen Servicemann und Physiotherapeuten. Mutter Eileen wird weniger häufig mitreisen. «Ich freue mich auf die neue Herausforderung», sagt sie.
Körperlich fühlt sie sich gut. Auf einer Skala von null bis zehn gibt sie sich eine Acht. «Bei mir ist null tot und zehn Superwoman.» Alle lachen. Die Vorbereitung in Chile lief wegen Schneestürmen nicht optimal, fährt sie fort. «Technisch gebe ich mir derzeit darum eine Sechs – mit Potenzial.»
Rücktritt? Er dürfte nicht so bald erfolgen
Blick fragt, ob ihre neue Strategie mit Olympia 2030 zusammenhängt. Sie meint: «Ich gebe mir die Möglichkeit, das noch ein paar Jahre zu machen. Ob es bis 2030 ist, kann ich nicht sagen. Speed ist gefährlich. Aber der Slalom ist am anspruchsvollsten für die Art von kleinen Verletzungen, die ich habe.»
Mit Shiffrin ist also weiter zu rechnen. Wohl noch lange. Denn wer ihre Klasse kennt, weiss: Sie kann nicht nur im Slalom allen davonfahren.