Darum gehts
Wer Marco Odermatts spanischen Athletiktrainer Alejo Hervas auf die Kleinstadt Tarifa anspricht, erhält eine knackige Antwort: «In Tarifa leben viele Menschen, die total crazy sind.» Seit dem 16. Mai lebt auch der Walliser Slalomkünstler Daniel Yule in diesem angeblich so verrückten Ort im südlichsten Zipfel Europas.
Ziemlich crazy ist die Art und Weise, wie Yule von der Schweiz nach Andalusien gekommen ist. Der 33-Jährige hat die rund 2000 Kilometer nicht mit dem Flugzeug, sondern mit einem Volvo Baujahr 2003 zurückgelegt. Das ist auch deshalb aussergewöhnlich, weil Swiss-Ski-Athleten normalerweise mit Autos vom offiziellen Fahrzeugpartner Audi unterwegs sind.
«Auch ich hatte bis im Frühling einen Audi. Aber nachdem ich von der Nationalmannschaft in den A-Kader abgestiegen bin, hatte ich kein Anrecht mehr auf mein bisheriges Elektromodell. Letztendlich habe ich mir in einer Garage in Wetzikon einen Wagen gekauft, wie ich ihn bereits mit 18 unmittelbar nach meiner Autoprüfung hatte – einen Volvo V40.»
Dass der Oldtimer noch bestens in Schuss ist, belegt die Tatsache, dass die Fahrt in den Süden ohne die kleinste Panne verlaufen ist. Die Rückfahrt ist erst in der zweiten Julihälfte geplant. Bis dahin will Yule am östlichen Ende der Costa de la Luz die Basis für einen erfolgreichen WM-Winter legen.
Schwerstarbeit unter der Palme
Die jüngste Weltcupsaison ist für den Westschweizer mit britischen Wurzeln nicht nach Wunsch verlaufen. In den Top 15 klassiert hat er sich lediglich in Gurgl (11.) und Kitzbühel (12.). Das ist auch ein Grund, weshalb der siebenfache Weltcupsieger für die Vorbereitung auf den kommenden Winter eine Luftveränderung benötigt hat. Er hat sich in Tarifa ein schmuckes Appartement gemietet.
Obwohl das Meer nur einen Steinwurf entfernt und Marokko sichtbar ist, kommt in der «Casa Yule» nicht wirklich Urlaubsstimmung auf. Um 7.15 Uhr ist Tagwache, danach absolviert der an Weltcupsiegen gemessen erfolgreichste Slalomfahrer der Weltcupgeschichte einen Strandlauf. Von 10 bis 12 Uhr steht das Krafttraining auf dem Programm. Yule stemmt unter einer Palme Gewichte.
«Eine 20-Kilo-Scheibe wiegt zwar auch hier 20 Kilo, und das Training bleibt generell dasselbe, wie ich es in den letzten Jahren zu Hause absolviert habe. Aber meinem Kopf tut es sehr gut, dass ich an einem anderen Ort, in einer anderen Stimmung trainieren kann», erläutert Yule, der an diesem Vormittag kumuliert rund fünf Tonnen meistert.
Nach dieser «Heavy-Metal-Session» bereitet er in seiner kleinen Küche das Mittagessen zu. Während im heissen Wasser die Rigatoni garen, erhitzt der «Alpin-Bocuse» in der Bratpfanne Chorizo-Würfel. Yule macht deutlich, dass er auf der Weltcuptour in kulinarischer Hinsicht nicht verwöhnt wird: «In vielen Team-Hospitalitys schmeckt das Essen leider Gottes richtig schlecht.»
Das Spassige mit dem Nützlichen verbinden
Einem Genuss kommt für den zweifachen Kitzbühel-Sieger dafür das Programm an diesem Nachmittag gleich: Der Wind ist mittlerweile stark genug für eine Einheit mit dem Surfbrett und dem Lenkdrachen. Diese Kombination nennt sich Kitesurfen.
«Ich liebe diese Sportart – in den letzten Jahren hatte ich aber ständig das Gefühl, dass ich zu wenig zum Kitesurfen komme. Auch deshalb habe ich mich für einen Sommer am Meer entschieden.» Am Strand wird klar, dass es in Tarifa tatsächlich besonders viele positiv verrückte Zeitgenossen gibt. Einige Kitesurfer springen hier über 20 Meter hoch. Yule schafft es immerhin auf 4,5 Meter. Nach zwei Stunden packt er Board und Schirm mit einem breiten Smile zusammen. «Kitesurfen macht nicht nur enorm viel Spass, es ist gleichzeitig ein ideales Rumpftraining. Es ist fantastisch, wenn man das Spassige mit dem Nützlichen verbinden kann.»
Spanische Zungenschnalzer
Den Feierabend geniesst Yule in der malerischen Altstadt. Im berühmtesten Tapaslokal der Region bestellt der Chuenisbärgli-Triumphator von 2021 spanisch parlierend Tunatatar, confierte Auberginen, Schinkenkroketten und ein Lendenstück vom Ibérico-Schwein. «Um eine feine Mahlzeit zu bestellen, reichen meine Spanischkenntnisse zwar aus, ein richtig gutes Gespräch kann ich derzeit mit den Einheimischen aber noch nicht führen. Das soll sich in den nächsten Monaten ändern», verrät Yule, der in der ersten Augustwoche auf den Gletscher zurückkehren will. Bis dahin wünschen wir Señor Yule muchos buenos dias.