Avanciert ein Bündner zur Riesen-Sensation im kommenden Alpin-Winter? Olympiasieger Beat Feuz (39) liefert zumindest ein Indiz dafür: «Als ich vor ein paar Wochen bei meinem langjährigen Skiausrüster Head zu Besuch war, ist Co-Rennleiter Stefan Kappaurer gerade vom Trainingscamp in Chile zurückgekehrt. Er hat geschwärmt von den Leistungen, welche Fadri Janutin in Südamerika abgeliefert hat!» Diese Aussage gewinnt an Wert, wenn man in Betracht zieht, dass der aus Landquart stammende Janutin nicht von Head, sondern von Fischer ausgerüstet wird. Lob gibt es auch von Cheftrainer Tom Stauffer: «Fadri hat in der Saisonvorbereitung definitiv einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.»
Wenn ein paar Hundertstel zum grossen Problem werden
Es ist aber auch nicht zum ersten Mal, dass der gelernte Dachdecker als potenzieller Überflieger angepriesen wird. Im März 2021 glänzte Janutin bei der Junioren-WM mit Slalom-Silber, knapp zwölf Monate später sicherte er sich in Garmisch mit dem 17. Slalom-Rang die ersten Weltcuppunkte. Der ganz grosse Sprung ist danach aber ausgeblieben, der 14. Riesenslalom-Rang von Aspen 2024 entspricht bis heute der besten Rangierung des Technikspezialisten. «Ich bin nicht der Typ, der nach Ausreden sucht, aber ein paarmal hatte ich richtig Pech», macht Janutin deutlich und liefert zwei Beispiele: «Im März 2022 habe ich im Europacup als Vierter den dritten Rang in der Slalom-Gesamtwertung, der mir einen Fixplatz im Weltcup eingebracht hätte, um 12 Punkte verpasst. Und im Riesenslalom ist es ungefähr zehnmal vorgekommen, dass ich bei Weltcup-Einsätzen den zweiten Durchgang um weniger als zwei Zehntel verpasst habe.»
Der radikale Schnitt
Weil die gewünschten Ergebnisse auch zu Beginn des letzten Winters ausgeblieben waren, war für Janutin klar, dass er etwas tun musste. «Zuerst habe ich über einen Test von einer anderen Skimarke nachgedacht. Mir wurde aber schnell klar, dass Fischer genau der richtige Ausrüster für mich ist. Letztendlich habe ich mich für das vorläufige Ende meiner Slalom-Laufbahn entschieden, um mich voll auf den Riesenslalom konzentrieren zu können.» Seit Janutin diesen Entschluss gefasst hat, gehts aufwärts: Mit zwei Riesenslalom-Siegen und zwei weiteren Podestplätzen im Europacup hat er sich den angestrebten Weltcup-Fixplatz gesichert. Jetzt gehört er zur Trainingsgruppe von Superstar Marco Odermatt. «Selbstverständlich kann ich vom Ausnahmeathleten Odi im täglichen Training enorm viel profitieren. Aber nicht nur von ihm, das ganze Team ist top! In Chile bin ich mir vorgekommen wie ein Staubsauger, weil ich jede Information aufsaugen, verarbeiten und auf der Piste umsetzen wollte», erzählt Janutin grinsend.
Die Geschichte mit der Olga
Dass Janutin ein aussergewöhnlicher Typ ist, wird auch durch seine grosse Liebe Olga deutlich, für die er zuletzt viel Zeit auf dem Schrottplatz verbracht hat. Wie bitte? Auf den Namen Olga hat er den VW Golf getauft, den er vor Jahren auf einer Internetplattform ersteigert hatte. Um für seinen in die Jahre gekommenen Liebling die Zulassung für den Strassenverkehr zu erhalten, musste Fadri aber ein paar Tausender mehr ausgeben – Olga musste komplett restauriert werden. «Und weil viele Ersatzteile nicht auf dem herkömmlichen Markt erhältlich sind, musste ich mir einige Lichter, Abdichtungen, Türleisten, Felgen oder den Auspuff bei Händlern auf dem Schrottplatz besorgen.» Dank eines Inputs der Churer Abfahrts-Legende Dani Mahrer hat Janutin für die Erhaltung seiner Olga den perfekten Partner gefunden. «Dani hat mich mit Jörg Clavuot von der Churer Rossboden-Garage verknüpft. Jörg ist ein absoluter Spezialist für die Restauration von Oldtimern. Er hat aus Olga wieder ein echtes Prachtstück gemacht. Einzig den Auspuff muss ich noch einmal austauschen, weil er zu stark klappert.» Deshalb wird Janutin am Freitag nicht mit Olga, sondern mit dem Dienstwagen von Swiss-Ski zum Weltcup-Auftakt nach Sölden reisen.