Darum gehts
Hat sich der Rest der Ski-Welt gegen die Schweiz verschworen? Diese Frage stellt sich am Montagabend in Hafjell. Warum?
Herren-Cheftrainer Tom Stauffer will beim finalen Riesenslalom Gino Caviezel als Vorfahrer aufstellen. Der Bündner, der im vergangenen Winter beim Bormio-Super-G Totalschaden im rechten Knie erlitten hat, hat in den letzten Tagen unweit von Hafjell in Norwegen trainiert. Deshalb hätte es Caviezel sicher gutgetan, wenn er am Ende dieses Winters noch einmal zwei Läufe auf einer Weltcuppiste hätte absolvieren können. Doch der Schweizer Vorfahrer-Antrag wird abgelehnt.
Die offizielle Begründung der FIS-Rennleitung: «Mehrere Nationen haben ihr Veto eingelegt.» Bei Swiss-Ski glaubt man zu wissen, dass sich vor allem die sportliche Leitung des Brasil-Norwegers Pinheiro Braathen (25) gegen den Vorfahrer Caviezel gewehrt hat, weil dieser ja seinem Kumpel Marco Odermatt entscheidende Informationen über die Piste hätte durchgeben können.
Österreichs Slalom-Altmeister Thomas Sykora (57, 9 Weltcupsiege) hält dagegen: «Wenn ich Teamleiter der Brasilianer wäre, hätte ich kein Veto gegen den Vorfahrer Caviezel eingelegt, weil der Gino nach seiner schweren Verletzung noch nicht so fahren kann, wie Odermatt. Deshalb hätten dem Marco die Informationen vom Gino nicht so viel geholfen.»
Das Endergebnis spricht dennoch für die Brasilianer: Während Marco Odermatt mit der Startnummer 1 nach rund dreissig Sekunden ausscheidet, fährt Braathen vor dem Walliser Loïc Meillard und seinem Jugendfreund Atle Lie McGrath den dritten Riesen-Sieg in Folge ein. Somit sichert sich der Olympiasieger auch die kleine Riesenslalom-Kugel.
Der Trost von Mama und Papa
Odermatt, der in den vier vergangenen Saisons ausnahmslos die Riesen-Gesamtwertung für sich entschieden hat, wird nach diesem bitteren Ausfall von seiner Mama Priska und Papa Walti getröstet. «Ich habe Marco gesagt, dass er mich auch in diesem Rennen enorm stolz gemacht hat. Obwohl er vor dem Start 48 Punkte Vorsprung auf Braathen hatte, hat er nicht versucht, den Vorsprung zu verwalten. Er hat volles Rohr angegriffen. Das hat mir enorm imponiert», sagt Walti Odermatt zu Blick.
Imposant ist auch die Art und Weise, wie der fünffache Gesamtweltcupsieger auf diese Niederlage reagiert. «Ich habe noch selten einen Athleten interviewt, der nach einem vergleichbaren Rückschlag so sportlich reagiert hat, wie das Odermatt nach diesem Rennen getan hat», betont ORF-Starmoderator Rainer Pariasek (61).
Im Gespräch mit Blick sagt Odermatt, «dass alles halb so wild ist. Nachdem ich in Kranjska Gora mit Startnummer 1 zu wenig angegriffen habe, wollte ich es diesmal besser machen. Ich bin nicht schlecht gestartet, ich hatte ein gutes Gefühl. Aber sehr wahrscheinlich bin ich dann ausgeschieden, weil ich eine Spur zu aggressiv unterwegs war.»
Knapp zwei Stunden nach seinem zweiten Ausfall dieser Saison wird deutlich, wie schnell Odermatt tatsächlich Enttäuschungen verarbeiten kann. Der Ausnahme-Athlet sitzt einen Steinwurf vom Zielraum entfernt mit seinen super Kumpels Justin Murisier und Gino Caviezel im Restaurant Lodget, lacht und witzelt.
Die grosse Zukunftsfrage
Eine ernsthafte Frage stellt sich zum Abschluss dieser insgesamt höchst erfolgreichen Saison: Wie lange will Odermatt das Mammutprogramm mit drei Disziplinen noch voll durchziehen? Experten munkeln schon länger, dass der Mann mit 54 Weltcupsiegen den Riesenslalom irgendwann fallenlassen wird, um sich voll auf die Speed-Disziplinen zu konzentrieren.
Odermatt macht aber klar, dass er auch im Hinblick auf den nächsten Winter mit dem Riesenslalom plant. Technik-Experte Thomas Sykora glaubt, «dass Odermatt den Riesenslalom im nächsten Winter bis zu den Rennen kurz vor Weihnachten in Gröden dominieren wird. Aber dann kommen die Speed-Klassiker, die auch einem Top-Athleten wie Marco viel Substanz rauben werden. Dann wird es auch für ihn schwer werden, um im Riesenslalom mit den besten Spezialisten mithalten zu können.»