Kunz muss alles selber zahlen
Von Allmens Kumpel ist grösstes Opfer der Swiss-Ski-Selektion

Nur wenige Wochen nach der Olympia-Gala seines Kumpels Franjo von Allmen hatte Delio Kunz unglaublich viel Pech. Der Berner kämpft trotz eines Mini-Budgets weiter.
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Delio Kunz und Olympiaheld Franjo von Allmen sind im Berner Oberland unweit voneinander aufgewachsen. In der Industriezone von Oey-Diemtigen haben die beiden ihren Kraftraum.
Foto: Sven Thomann
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Marcel W. PerrenReporter Sport

Letztendlich sind es 5 lumpige Hundertstel, die in der sportlichen Laufbahn von Delio Kunz einen gravierenden Schaden angerichtet haben. Aber der Reihe nach. Bis im September 2022 wurde der gelernte Sanitärinstallateur im Berner Oberland in einem Atemzug mit Franjo von Allmen genannt. Der Wirtesohn aus Oey-Diemtigen zählte zu diesem Zeitpunkt wie sein Kumpel aus Boltigen zu den hoffnungsvollen Talenten im Swiss-Ski-Kader. Doch dann begann im Hause Kunz eine dramatische Leidensgeschichte.

Während sein jüngerer Bruder Florian an Hodenkrebs erkrankte, wachte Delio eines Morgens mit einem steinharten Arm auf. «Der Arm ist zwar mit der Zeit wieder ein bisschen geschmeidiger geworden, dafür wurde ich auf einmal von Atembeschwerden geplagt. Das ging so weit, dass ich beim normalen Treppensteigen einen Puls von 180 hatte.»

Comeback nach einer bösen Erkrankung

Als er sich vom Arzt untersuchen liess, wurde eine Thrombose diagnostiziert. «Danach hatte ich auch noch eine Lungenembolie, zudem hat sich mein Blinddarm entzündet. Nach der Operation habe ich 20 Kilo weniger auf die Waage gebracht und fühlte mich wie ein Schluck Tee.» Es dauerte rund 14 Monate, ehe der Diemtigtaler an den Rennstart zurückkehren konnte. Beeindruckend: Im Februar 2024 war er schon wieder derart konkurrenzfähig, dass er beim Europacup-Riesenslalom auf dem österreichischen Pass Thurn auf den 10. Rang fuhr.

Dennoch wurde er ein paar Monate später aus dem Swiss-Ski-Kader gestrichen. Kunz entschied sich trotz des neuerlichen Rückschlags, seine Ski-Karriere auf eigene Rechnung fortzusetzen, was fast 40'000 Franken pro Saison kostet. Um einen finanziellen Zustupf zu erhalten, hat sich Kunz einen Sommer-Job auf dem Bau ergattert. Im Januar 2026 schien sich der enorme Aufwand erstmals bezahlt zu machen, als der kaderlose Stöckli-Pilot von Swiss-Ski für die Europacup-Speedrennen in Verbier nominiert wurde. Die eindrücklichen Resultate: Im Super-G raste er mit der Startnummer 71 auf den 12. Rang, in der Abfahrt fuhr er dieselbe Klassierung mit der 52 heraus.

Zwei Punkte fehlen

Ende Februar setzte der mittlerweile 27-Jährige im Europacup im norwegischen Opdal schon fast in sensationeller Manier einen obendrauf – Kunz gelang im Super-G als Zweiter der Sprung aufs Podest! Die Ausgangslage vor dem letzten Rennen war klar: Mit einem Top-10-Rang im finalen Super-G in Saalbach hätte Delio eine Top-15-Klassierung in der Super-G-Gesamtwertung auf sicher gehabt. Und somit hätte er die Selektionskriterien für die Rückkehr ins Swiss-Ski-Kader erfüllt. Aber Kunz verpasste in diesem für ihn so kapitalen Rennen als Elfter den 10. Platz um 5 Hundertstel. Somit fehlten ihm als 16. in der Gesamtwertung zwei Punkte zur diskussionslosen Selektion.

Weil er nur vier von acht Europacup-Super-G bestreiten konnte, gingen im Ski-Zirkus damals einige Leute davon aus, dass die sportliche Leitung von Swiss-Ski in diesem Fall ein Auge zudrücken und Kunz trotz allem im B-Kader aufnehmen würde. «Auch ich hatte eine kleine Hoffnung. Aber ich war mir zu 70 Prozent sicher, dass man sich bei der Kader-Selektion gegen mich entscheidet», gesteht Kunz.

Als er den entscheidenden Anruf von Cheftrainer Tom Stauffer erhielt, weilte Delio Kunz mit seinem vom Krebs genesenen Bruder Florian und dem grossen Olympiahelden Franjo von Allmen in den Bike-Ferien. «Tom hat mir mitgeteilt, dass man mich nicht selektionieren würde. Im selben Atemzug hat er mir aber versichert, dass er mir entgegenkommen werde. Nun darf ich sagen, dass Tom Wort gehalten hat, indem ich zuletzt mehrmals mit seiner Europacup-Mannschaft mittrainieren durfte.»

Übernachtung in der Jugendherberge

Aber auch wenn er sich im Gletscher-Training einem Swiss-Ski-Team anhängen darf, muss Kunz Unterkunft, Verpflegung und Transportkosten selber bezahlen. «Um Kosten zu sparen, habe ich in Zermatt auch schon mit zehn asiatischen Touristen in der Jugendherberge übernachtet.»

Dass Delio Kunz mit seiner freundlichen, unkomplizierten Art oft das Optimum aus seiner schwierigen Situation macht, belegt folgende Episode: «Als ich kürzlich mit dem Regionalverband trainiert habe, sind 16 Athleten durch denselben Kurs auf einer sehr weichen Piste gefahren. Irgendwann habe ich bemerkt, dass neben uns die Schwedinnen Sara Hector und Ann Swenn Larsson zu zweit trainieren. Als ich daraufhin zum schwedischen Coach gegangen bin und ihm meine Situation erläutert habe, hat er mich mit seinen Frauen trainieren lassen. Zum Dank habe ich ihm beim Abräumen geholfen.»

Rein sportlich betrachtet schaut Kunz dem kommenden Winter optimistisch entgegen: «Ich konnte mein Sommer- und Herbsttraining ziemlich genau so durchziehen, wie ich mir das vorgestellt habe. Zwei Tage pro Woche habe ich auf dem Bau gearbeitet. Aber ein finanzielles Polster habe ich mir nicht aneignen können, Geld ist bei mir wirklich Mangelware.»

Ans Aufgeben denkt der grosse Kämpfer aber noch lange nicht: «Es ist nicht zuletzt der Werdegang meines Kumpels Franjo von Allmen, der mir gezeigt hat, wie schnell es in diesem Sport aufwärtsgehen kann. Das motiviert mich, weiterzukämpfen.»

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