Darum gehts
Camille Rast (26) überquert als letzte Fahrerin die rote Ziellinie im Skistadion von Kranjska Gora (SLO). Die Anzeigetafel leuchtet grün auf – Bestzeit! Die Schweizerin reisst die Arme in die Höhe, schreit ihre Freude heraus und blickt zu ihren Eltern, die auf der Tribüne sitzen. Wow! 24 Stunden nach ihrem Triumph im Riesenslalom hat die amtierende Slalom-Weltmeisterin in ihrer Paradedisziplin nachgedoppelt. Es ist ihr vierter Sieg in einem Weltcuprennen.
Ski fahren im Wohnzimmer
Hat Camille Rast als Kind davon geträumt, dereinst in die Ski-Elite aufzusteigen? «Nein, als kleines Mädchen habe ich mir meine Skikarriere nicht richtig vorstellen können. Ich wuchs polysportiv auf und probierte nebst dem Skifahren viele andere Sachen aus», sagt die Head-Pilotin. So ging sie drei Jahre in die Zirkusschule, betrieb Leichtathletik, Schwimmen und Fussball, lernte Reiten und bestritt einige Rennen der Enduro-Mountainbike-World-Series.
Das Skifahren hat Camille Rast jedoch nie mehr losgelassen. Auf ihrer Website erzählt sie eine herzige Anekdote, die sich im März 2000 in einem Kinderschneeland, also dort, wo die Kleinsten ihre ersten Fahrversuche machen und mit dem Zauberteppich wieder nach oben fahren, ereignet hat. Sinngemäss sagt sie: «Ich verliess meinen Bob und rannte zu den ersten Paar Ski, die ich finden konnte. Ich sagte meinen Eltern klipp und klar: ‹Ich will Ski fahren!›»
Ein paar Stunden später, nachdem sie ihre ersten Schwünge gemacht hatte, hätte sie ihre gemieteten Ski nicht mehr hergeben wollen. «Nach dem Mittagsschlaf stieg ich sofort wieder auf die Ski. So fuhr ich eine Woche lang jeweils am Nachmittag noch auf dem Teppich im Wohnzimmer Ski! Heute liebe ich es immer noch, Ski zu fahren, und ich habe das Glück, dass ich das Wohnzimmer durch schöne Berge ersetzen kann.»
Sie schreibt Ski-Geschichte
Camille Rast ist die erst sechste Schweizerin, die auf höchster Stufe in beiden technischen Disziplinen ein Rennen gewonnen hat. «Camille Rast ist eine coole Socke!», entfährt es Sonja Nef (53) zu Hause vor dem Fernseher. Die Appenzeller Skilegende war die letzte Athletin vor Rast, die das gleiche Kunststück vollbracht hat – vor 25 Jahren.
In Kranjska Gora durchlebte Camille Rast ein Wechselbad der Gefühle. Sie fuhr wie alle Schweizerinnen mit Trauerflor am Arm. Nach den beiden Siegen gedachte sie der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana und deren Angehörigen. Noch im Zielraum formte die Unterwalliserin, die in Vétroz VS nahe der Unglücksstelle als Einzelkind aufgewachsen ist, mit ihren Handschuhen ein Herz. Im Interview mit SRF sagte sie: «Es war nicht einfach. Der Sport bringt so viele Emotionen. Ich hoffe, dass ich diesen Familien zumindest ein kleines Lachen bescheren konnte.»
Lob von Shiffrin
Rast befindet sich in der Form ihres Lebens. Von Weltcup-Favoritin Mikaela Shiffrin (30, USA) erhält sie in Slowenien den Ritterschlag. «Es ist unglaublich, was Camille momentan abliefert!», lobt die Gewinnerin von 106 Weltcuprennen ihre Schweizer Konkurrentin. Camille Rast, die grosse Kämpferin mit bemerkenswertem Durchhaltewillen, ist zurück. Sie liess sich von Rückschlägen in der Vergangenheit – Pfeiffersches Drüsenfieber, Depression, Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie sowie Hüftprobleme nach einem Sturz Mitte Februar 2025 – nicht unterkriegen.
Bald reist Camille Rast mitten in die Dolomiten nach Cortina d’Ampezzo (I), wo die Olympischen Winterspiele stattfinden. Trotz ihrer Erfolge verspürt sie keinen Druck. «Die Olympiarennen sind in meinem Weltcup-Kalender einfach weitere Wettkämpfe. Wenn es passt, ist es super, wenn nicht, ist es nicht so schlimm. Meine Saison ist mit so vielen Podestplätzen und dem Doppelsieg schon jetzt grossartig verlaufen.»