Darum gehts
- Camille Rast startet in Sölden, obwohl ihr linkes Bein nach dem Sturz zeitweise noch schmerzt
- Nach WM-Gold und Olympia-Silber will Rast nach Rang 3 im Gesamtweltcup um die Kristallkugel kämpfen
- Rast sieht Shiffrin trotz Verzicht auf Levi und Gurgl weiter als Favoritin auf Slalom-Kristall
Es ist kühl vor der «Giggi Tenne». Camille Rast (27) gibt TV-Interviews – geduldig, auf Deutsch, Französisch und Italienisch. Drei Grad zeigt das Thermometer. Dann darf sie endlich ins gemütliche Wirtshaus am Eingang von Sölden (Ö). «Schön warm hier», sagt sie, reibt die Hände und setzt sich an einen grossen Holztisch. Acht Deutschschweizer Print-Journalisten sitzen ihr gegenüber. So viele sind es bei einem Weltcuprennen im Ausland selten. Aber eben: Es ist Saisonauftakt. Und Rast ist inzwischen die beste Schweizer Skifahrerin – und eine der besten der Welt.
«Ich bin noch nicht bei 100 Prozent», sagt sie. Ihr linkes Bein schmerzt gelegentlich noch immer. Dabei sind seit ihrem Sturz in Sestriere (I), als sie kurz vor dem Ziel auf die Hüfte knallte, bereits 20 Monate vergangen. Die gute Laune hat sie trotzdem nicht verloren. «Wir haben das Problem unter Kontrolle», sagt Rast. Sie meint damit auch ihren Konditionstrainer Florian Lorimier. Der frühere Fitnesscoach von Speed-Gigant Didier Cuche (52) bringt sie trotz der Verletzung auf ein immer höheres Niveau. Lorimier ist ebenfalls in der «Giggi Tenne», hält sich aber im Hintergrund. Rast: «Er hat so viel Erfahrung. Es ist super, dass ich auf ihn zählen kann.»
«Mikaela bleibt die Top-Favoritin»
Ihre Karriere gleicht einer Achterbahn. Kreuzbandriss, Depression, Hüftverletzung – Rast musste schwere Rückschläge verkraften. Doch seit zwei Jahren zeigt ihre Kurve fast nur noch nach oben. Im November 2024 fuhr sie erstmals aufs Weltcup-Podest, kurz darauf feierte sie ihren ersten Sieg. Es folgten WM-Gold 2025 und Olympia-Silber 2026, beide im Slalom. «Vor zehn Jahren war ich erstmals in Sölden. Damals war ich 17. Es ist so viel passiert. Ich wurde im Eiltempo erwachsen. Für uns Skifahrerinnen ist ein Jahr fast wie drei Jahre im normalen Leben.»
Nun steht ein Winter mit der Heim-WM in Crans-Montana VS bevor. Doch zuerst zählt der Weltcup. Auch dort gehört Rast zur Spitze: Vergangenen Winter wurde sie Zweite in der Slalom- und Riesenslalomwertung sowie Dritte im Gesamtweltcup. Geht da noch mehr? Zumal Mikaela Shiffrin (31, USA) angekündigt hat, ihren Fokus künftig auf Riesenslalom und Super-G zu setzen. Der Slalom ist die Paradedisziplin der Amerikanerin – und auch jene von Rast. Doch die Schweizerin sieht Shiffrin weiterhin als Massstab: «Mikaela hat nur gesagt, dass sie auf zwei Slaloms verzichtet – in Levi und Gurgl. Für mich bleibt sie die Top-Favoritin auf die Slalom-Kristallkugel.»
WM-Gold, Olympia-Silber – nur die Kugel fehlt
In Sölden war Rast bisher nie besser als Zwölfte (2024). Das beunruhigt sie nicht. Im Riesenslalom soll sie erneut einen Schritt nach vorn gemacht haben. Was wäre ihr lieber: eine Weltcup-Kristallkugel oder WM-Gold im Wallis, ihrem Heimatkanton? Diese Frage stellte Blick ihr bereits im Sommer. Rast antwortete: «Beides!» Und schmunzelte. Dann meinte sie: «Weltmeisterin bin ich schon. Und eine Olympiamedaille habe ich. Also würde ich die Kristallkugel nehmen. Obwohl die WM daheim etwas ganz Spezielles ist. Aber mit der Kugel hätte ich irgendwie alles geschafft.»
Bis dahin ist es ein weiter Weg. Rast weiss, wie schnell sich im Skisport alles ändern kann. Deshalb blickt sie nicht zu weit voraus. «Ich freue mich jetzt einfach auf das Rennen in Sölden», sagt sie – und geht hinaus in die Kälte.