Ein Grossteil der 905 Einwohner des malerischen Küstendörflis El Palmar de Vejer können mit den Namen Pinheiro Braathen, von Allmen, Gut-Behrami, Shiffrin oder eben Odermatt nicht viel anfangen, weil es im spanischen TV keine Übertragungen von alpinen Weltcuprennen zu sehen gibt. Aber knapp 300 Meter vom Strand entfernt steht das Bungalow eines waschechten Andalusiers, der einen erheblichen Anteil an den gigantischen Erfolgen des Swiss-Ski-Teams hat. Die Rede ist von Alejo Hervas.
Nachdem Hervas in jungen Jahren selber FIS-Rennen bestritten hatte, lancierte er seine Karriere als Athletik-Trainer. In der Schweiz hat er Lara Gut-Behrami zu einer Weltklasse-Athletin gemacht, seit dem Sommer 2024 schleift der 49-Jährige die Riesenslalom-Gruppe von Superstar Marco Odermatt, Riesenslalom-Vizeweltmeister Thomas Tumler (36), den Weltklasse-Athleten Gino Caviezel (33) und Justin Murisier sowie Europacup-Gesamtsieger Lenz Hächler (23).
Dieses Quintett hat Hervas wie im Vorjahr zum Ausdauertraining in Andalusien eingeladen. Damit seine Schützlinge im heimelig holzigen, aber nicht sehr grossen Sommerhaus genug Platz haben, übernachtet Alejo Hervas zusammen mit Physiotherapeut Iker Cucò Peña und Koch Jose Santiago im VW-Bus. Um 6.45 Uhr ist Tagwache.
Odermatt überzeugt auch auf dem Rennrad
Nach dem Aufwärmprogramm am Strand bereiten sich die Riesen-Cracks im Vorgarten auf eine happige Rad-Etappe von El Palmar in die Motorsport-Hochburg Jerez vor.
Vor der Abfahrt stimmt Hobby-DJ Murisier seine Kollegen mit der Iron-Maiden-Hymne «Fear of the Dark» auf den rund 145 Kilometer langen Parcours ein. «Das wird sicher ein anstrengender Tag, aber zum Glück haben wir ja einen Doktor dabei, der uns in allen Lebenslagen helfen kann», macht Murisier eine süffisante Anspielung auf seinen Kumpel Odermatt, der kürzlich von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne den Ehrendoktortitel erhalten hat.
Dass der fünffache Gesamtweltcupsieger trotz dieser akademischen Auszeichnung ein harter Arbeiter geblieben ist, zeigt sich aber auf dem Weg von El Palmar nach Jerez, wo der Nidwaldner enorm viel Führungsarbeit verrichtet. «Die ganze Equipe hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert, aber Marco ist nach wie vor die absolute Lokomotive. Total beeindruckend, was er leistet», schwärmt Hervas.
Vizeweltmeister leidet am Berg
Auch nach rund 80 Kilometern wirkt der Ausnahmeathlet immer noch frisch. Die Fahrt, durch das südspanische Hinterland, die manch einer als Tortur bezeichnet, scheint Odermatt Spass zu machen. «Natürlich gibt es Sportarten, die mehr Action beinhalten, aber ein Murks sind solche Touren auf dem Rennrad nicht für mich. Ich finde es cool, wenn man auf diese Weise durch Orte fahren kann, die man noch nie gesehen hat. Und obwohl hier die Sonne konstant scheint, sind die Temperaturen sehr angenehm.»
Das Thermometer zeigt knapp 25 Grad an. Bei diesen Bedingungen fühlt sich auch der Bündner Caviezel sehr wohl, der rund eineinhalb Jahre nach seinem grausamen Super-G-Crash in Bormio (Totalschaden im rechten Knie) immer besser in Fahrt kommt. «Mein Knie ist zwar noch nicht bei 100 Prozent angelangt, joggen kann ich noch nicht. Aber auf dem Rad funktionierts erstaunlich gut. Ich kann das Tempo gut halten, ohne negative Reaktion vom Knie.»
In einer sehr starken körperlichen Verfassung präsentiert sich der Zuger Youngster Hächler, der sich mit dem Gesamtsieg im Europacup den Fixplatz für den kommenden Weltcupwinter gesichert hat. Lenz verrichtet auf der «Swiss-Ski-Vuelta» ähnlich viel Führungsarbeit wie Odermatt. Der Samnauner Tumler bringt im Vergleich zum Vorjahr gut zehn Kilo mehr auf die Waage. «In den Anstiegen kommen mir die zusätzlichen Kilos ganz sicher nicht zugute», stöhnt der 88 Kilo-Mann, der im Februar beim Olympia-Riesenslalom als Vierter die Bronzemedaille lediglich um 28 Hundertstel verpasst hat.
GPS-Panne und Hinterrad-Defekt
Doch nach dem steilsten Anstieg in Richtung Jerez ist Tumler richtig gut gelaunt. «Ich fühle mich ausgezeichnet und weiss, dass ich das höhere Gewicht im Winter auf der Skipiste gut gebrauchen kann. Speziell auf der WM-Piste in Crans-Montana, die ähnlich wie in Bormio einige flache Passagen beinhaltet.» Doch auf einmal kommen Tumler und seine Teamkollegen zum Stillstand. Die Routenplanung des Kondi-Coaches hat die pedalenden Ski-Stars in eine Sackgasse geführt. «Alejo ist ein genialer Trainer, aber das GPS hatte er noch nie im Griff», murmelt der Unterwalliser Murisier.
Weil Lenz Hächler im Umgang mit dem GPS versierter ist als sein Übungsleiter, sind die Schweizer zügig zurück auf der richtigen Route. Aber dann beklagt Marco Odermatt wenige Kilometer vor dem Kulminationspunkt in Jerez einen Defekt am Hinterreifen. Wie löst der 54-fache Weltcupsieger, der gemäss seinem Vater Walti zwei linke Hände hat, dieses Problem? Schliesslich ist es Physiotherapeut und Hobby-Mechaniker Iker, der Odermatts Reifenpanne schnell behebt. Nach knapp fünf Stunden erreichen Murisier, Caviezel, Odermatt, Hächler und Tumler geschlossen ihr Etappenziel.
«Stella hat nicht so viel Freude an meiner Ernennung zum Doktor»
Nach der Zielankunft in Hervas Vorgarten springen die fünf Ski-Freunde in den Swimmingpool. Danach serviert der begnadete Teamkoch Juan eine Paella vom Allerfeinsten. Beim Mittagessen wird auch über die Ticketpreise für die kommende Ski-WM in Crans-Montana diskutiert. In den letzten Wochen wurden immer mehr Stimmen laut, dass die Zuschauer für einen Tribünenplatz zu viel Geld bezahlen müssten.
Der regierende Super-G-Weltmeister Odermatt hält dagegen: «Wenn sich der Skirennsport mit Sportarten wie Tennis, MotoGP oder der Formel 1 vergleichen will, kann man das Tribünen-Ticket für die WM-Abfahrt nicht für 50 Stutz verkaufen. Wenn du beim Tennis Grand-Slam-Turnier in Wimbledon ein Billet für ein Drittrundenspiel kaufen willst, bist du schnell im vierstelligen Bereich. Deshalb finde ich es legitim, wenn ein Tribünenplatz für die WM-Abfahrt in Crans-Montana 170 Franken kostet.»
Angetrieben vom Gedanken an den Saisonhöhepunkt im Unterwallis absolviert die Riesen-Truppe zum Ende dieses Trainingstags noch eine ordentliche Krafteinheit. Bevor Gewichte gestemmt werden, wird Odermatt auf die Bedeutung seines Ehrendoktortitels angesprochen.
«Das ist unbestritten eine schöne Auszeichnung, eine grosse Ehre. Aber es ist nicht so, dass mir dieser Titel im Alltag viel bringt», antwortet der 28-Jährige und verrät, dass seine Freundin Stella, die Medizin studiert, «nicht so viel Freude an meiner Ernennung zum Doktor gehabt hat. Ich kann auch sehr gut verstehen, dass es sämtliche Studenten, die während Jahren hart dafür arbeiten, nicht so lässig finden, wenn ich den Doktor geschenkt bekomme. Aber ich kann allen versichern, dass ich diesen Titel nicht gross beanspruchen werde.»
Macht Tumler bis 40 weiter?
Dass Teamsenior Thomas Tumler auch mit bald 37 Lenzen auf dem Buckel hervorragend mit den jüngeren Kollegen mithalten kann, zeigt sich am Ende dieses Tages im Krafttraining. Und deshalb ist das Karriereende des leidenschaftlichen Bayern-München-Fans nicht absehbar. «Ich bin gesund, motiviert und habe grosse Freude am Sport. Darum erkenne ich derzeit keinen Grund, warum ich nach dem kommenden WM-Winter aufhören sollte. Vielleicht mache ich sogar bis zu den Olympischen Spielen 2030 weiter.»
Tumler hat im Trainingscamp in Spanien wie seine Riesen-Kumpels in konditioneller Hinsicht eine gute Basis für eine erfolgreiche Zukunft gelegt – 530 Kilometer hat unser Riesenslalom-Team in fünf Tagen zurückgelegt. Dies mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 km/h. Das Skitraining werden Odermatt und Co. in der ersten Augustwoche in Zermatt in Angriff nehmen.