Darum gehts
Franjo von Allmen (24) verwandelt das Obersimmental mit seinem Abfahrts-Olympiasieg in eine Partyhochburg. In der Lothar Bar in Zweisimmen BE, rund zehn Autominuten von seinem Heimatdörfchen Boltigen entfernt, trifft sich sein Fanklub, um das Rennen gemeinsam zu verfolgen – und im Anschluss eine Mega-Party zu schmeissen. Derweil haben die Anhänger von Marco Odermatt (28) die Eventlocation Moderne Bar & Karussell in Luzern eingenommen, erleben dort aber eine Enttäuschung, weil Odermatt am Podest vorbeischrammt und undankbarer Vierter wird. Das Stimmungs-Protokoll des ersten grossen Olympiatages:
11.30 Uhr: Pünktlich zum Rennstart füllt sich die Lothar Bar. Grill und Bierverkauf laufen schon jetzt auf Hochtouren in der urchigen Hütte, die einst aus Sturmholz von Orkan Lothar, der 1999 auch übers Obersimmental fegte, gebaut wurde. Und auch in Luzern steigt die Spannung. Ein Fan aus Buochs, dem Heimatort von Odermatt, verrät: «Ich bin schon etwas nervöser als noch vor zwei Wochen bei der schwierigen Abfahrt in Kitzbühel. Mal schauen, was das bedeutet.»
11.46 Uhr: Alexis Monney, der erste Schweizer Trumpf, übernimmt die Führung. Erster kleiner Jubel. Doch in Luzern gilt nun der volle Fokus der Fahrt von Odermatt. «Hopp Marco», rufen seine Fans. Jede Zwischenzeit, die er als Schnellster passiert, ist unüberhörbar. Als der Nidwaldner dann das Ziel hauchdünn als Führender erreicht, wird laut gejohlt. Alles ist jetzt möglich! Und trotzdem: Alle wissen, dass noch einige Favoriten oben an der «Pista Stelvio» stehen.
11.51 Uhr: Jetzt ist von Allmen im Ziel – und es leuchtet tatsächlich die Eins auf. In der Lothar Bar brechen alle Dämme. Jung und Alt liegt sich in den Armen. Ekstase pur in Zweisimmen!
11.52 Uhr: In Luzern sagt Odermatt-Unterstützer Beat: «Als Fan von Marco hatte ich im ersten Moment logischerweise keine grosse Freude. Aber wenn einer mit sieben Zehntel Vorsprung ins Ziel kommt, dann hat er einfach etwas besser gemacht als ‹Odi› und dann muss man das auch anerkennen. Nichtsdestotrotz: Marco wird zurückschlagen.»
12.03 Uhr: Dominik Paris rast dem Ziel pfeilschnell entgegen. Als er das Ziel erreicht, schmerzt der Blick auf die Resultattafel aus Sicht der Odermatt-Fans. Der Routinier aus dem Südtirol verdrängt den Innerschweizer vom Podest und wird Dritter. Entsprechend ruhig bleibt es in Luzern. In Zweisimmen geht ein Raunen durchs Lokal.
12.12 Uhr: Von Allmen tritt als immer noch Führender vors SRF-Mikrofon. Sofort wirds still in der Bar. Alle lauschen ihrem Helden, der sagt: «Es hat alles gepasst, aber jetzt bin ich nervös.» In Luzern herrschen derweil gemischte Gefühle. Alle Fans im Raum mögen von Allmen den Sieg zwar gönnen, doch so langsam ist in der Moderne Bar die Luft draussen.
12.45 Uhr: Noch sind nicht alle Fahrer unten, der Olympiasieg ist von Allmen also theoretisch noch zu nehmen. Trotzdem werden in Zweisimmen schon die ersten blauen Franatiker-Shots, die nach von Allmens Geheimrezept hergestellt werden, im grossen Stil auf einem Ski serviert. Proooost! Fanklub-Mitglied Mario kündigt nach einem zweiten Shot an: «Das werden nicht unsere Letzten gewesen sein!»
13.12 Uhr: Mit der Zielüberquerung des Iren Cormac Comerford wird es offiziell: Von Allmen holt Olympia-Gold! Hans, auch er ein Fanklub-Mitglied, meint erleichtert: «Dieses Rennen war der Wahnsinn. So intensiv! Ich hatte den Puls auf 200 und bin voll mitgegangen. Und jetzt gehen wir natürlich ‹z’Bodä›, wie Franjo sagen würde.» Und Philipp sagt: «Grandios! Franjo fuhr wie auf Schienen den Berg runter.»
13.20 Uhr: In Luzern bleibt eine solche Party aus, doch die Köpfe lässt man hier trotzdem nicht hängen. Während der Fanklub von Odermatt noch eine Runde ausgibt, verfolgen die rund 50 übrig gebliebenen Fans die Siegerehrung auf der Grossleinwand und klatschen artig. Sie verhalten sich sportlich, so wie man es von Odermatt selbst kennt.
13.25 Uhr: Von Allmen erscheint auf dem TV-Bildschirm mit seiner Medaille – und strahlt über beide Ohren. Lautes Jubelgeschrei in und vor der Bar, die direkt am Skihang in Zweisimmen steht. Die Fete hat richtig Fahrt aufgenommen. Simon Haldi, Co-Chef der Bar, sagt lachend: «Unsere Bratwürste sind schon weg. Und auch der Alkohol fliesst – wir haben bereits Nachschub angefordert.» Ausserdem haben die Veranstalter bereits bei der Gemeinde vorgesorgt: «Die Bewilligung für eine Freinacht haben wir. Jetzt lassen wir das Leben einfach mal laufen.»
13.30 Uhr: Jennifer von Allmen, die Cousine von Franjo, macht eine kurze Schichtpause. Sie arbeitet schon die dritte Saison in der Lothar Bar hinter dem Tresen. Auch sie wird emotional, wenn sie über Goldjunge Franjo spricht: «Dieser Mensch ist einfach unglaublich. Er war schon immer ein Stehaufmännchen.» Sie stelle sich nun auf eine Freinacht ein, sagt sie lachend: «Wir werden bestimmt nicht zu wenig zu tun haben. Die letztjährige Weltmeister-Party wird ganz sicher getoppt.» Jennifer hält in Zweisimmen die Stellung. Der Rest der Familie von Allmen weilt im 230 Kilometer Luftlinie entfernten Bormio, um vor Ort zu feiern.
13.50 Uhr: Ein Lieferant bringt einige Harasse Bier und meint scherzend: «Ich habe beim Zmittag Messer und Gabel liegengelassen und bin sofort losgesprungen, als ich hörte, dass es noch mehr Bier braucht.» Allerspätestens da wird klar: In Zweisimmen und Boltigen herrscht an diesem Samstag Ausnahmezustand. Auch weiter unten im Ort, in der Brasserie Zur Stimme, ist von Allmens Husarenstück Thema Nummer eins.
14.00 Uhr: In Luzern machen sich nun auch die letzten Fans auf den Weg nach Hause. Unter ihnen ist auch Odermatts Götti Paul. Dieser ahnt bereits, was sich jetzt in Odermatts Kopf abspielen müsste. Er vermutet: «Es wurmt ihn bestimmt sehr, doch Marco hat schon oft bewiesen, dass er die mentale Stärke hat, um solche Sachen schnell wegzustecken. Vielleicht spornt ihn das derart an, dass er in den nächsten Rennen noch die letzten Prozente herausholen kann.»
14.15 Uhr: In Zweisimmen läuft jetzt laute Partymusik – und die Franatiker-Shot fliessen in Strömen. Ein Fan hofft, dass die Party niemals endet. Und auch Bar-Co-Chef Haldi glaubt, dass das Fest tagelang andauern könnte: «Als Franjo im Vorjahr Weltmeister wurde, hatten wir drei Tage am Stück offen.» Na dann, Prost!
