In der Schweiz wurde schon vieles erfunden. Das World Wide Web ist am Cern in Genf entwickelt worden. Und hat die Welt verändert. Die Erfindung des Taschenmessers, des Klettverschlusses, der Milchschokolade, der Aluminiumfolie oder der Nespresso-Maschine war weniger spektakulär.
Erfunden worden ist in der Schweiz auch der Schwingsport. Die ersten Hinweise darauf, dass sich die von der Feldarbeit gestählten und muskelbepackten Bauern an den Hosen packen und im Zweikampf messen, gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Das erste Unspunnenfest in Interlaken findet 1805 statt. Und gilt als Geburtsstunde des heutigen Nationalsports, der in den letzten 20 Jahren diesen märchenhaften Aufschwung erlebt hat.
Mit Zwilchhosen im Sägemehl geschwungen wird nur in der Schweiz. Und ab und zu in Schweizer Kolonien in den USA, Kanada oder Südafrika. Der Schwingerkönig kann sich, ohne rot zu werden, auch Weltmeister nennen. Aber verwandte Kampfsportarten gibt es in vielen Ländern, die Ölringer in der Türkei sind nur ein Beispiel.
Auch im Alpenraum gibt es verwandte Wettkämpfe. In Tirol, in Salzburg, in Südtirol und in Teilen von Bayern wird nicht geschwungen. Dort heisst der dem Schwingen angelehnte Sport Ranggeln. Statt Zwilchhosen tragen die Kämpfer einen Rangglergurt. Die Unterlage ist nicht Sägemehl, sondern gerangelt wird auf einer Wiese. Ziel ist der Plattler, der dem schwingerischen Plattwurf gleichkommt.
Es gibt beim Ranggeln den Hüftwurf, den Schulterwurf, das Beinstellen und den Fussfeger. Der Ausheber nennt sich bei uns Kurz. Und was die sich bedrohlich anhörenden Schwünge Innensichel und Aussensichel bedeuten, kann man sich gut vorstellen.
Ein Gang dauert sechs Minuten. Und verloren hat man, wie im Schwingen, wenn man mit beiden Schulterblättern im Gras liegt.
Der aktuell beste Ranggler heisst Stefan Gastl. Der Tiroler ist zwei Meter gross und 115 Kilo schwer. Er hat in den letzten beiden Jahren die Jahreswertung gewonnen. Der 21-jährige Zimmermann aus der Wildschönau ist in die rangglerischen Fussstapfen seines Vaters getreten. Er trainiert viermal in der Woche und ist von Ende April bis Anfang Oktober jedes Wochenende im Einsatz.
Auch die österreichische Form des Schwingens hat ihren Ursprung im bäuerlichen Umfeld. Lebendpreise gibt es nicht, aber Glocken und geschnitzte Truhen kann man auch beim Ranggeln gewinnen. Und wie beim Schwingen profitiert auch das Ranggeln von einer neu entdeckten Heimatverbundenheit. «Ich war mit meinen Kollegen im letzten Jahr als Zuschauer beim Eidgenössischen Schwingfest in Mollis. Solche Dimensionen hat das Ranggeln bei uns nicht», sagt Gastl. «Aber in letzter Zeit gibt es viele Junge, die diesen traditionellen Sport wieder entdecken.»
Wenn am 6. September in Saalbach der Alpenländerkönig erkoren wird, dürften auch 2000 Zuschauer anwesend sein. Dann möchte Stefan Gastl auch die höchsten Weihen eines Rangglers erreichen.
Den prestigeträchtigen Titel des «Gauder Hogmoar» hat er sich im Mai im Zillertal bereits gesichert.