Herr Graber, ich möchte mit einem Zitat beginnen: «Willy ist ein Publikumsliebling. Er ist allen körperlich unterlegen und kann trotzdem an der Spitze mithalten. Das gefällt mir.» Wer hat das 2013 über Sie gesagt?
Willy Graber: Keine Ahnung, da müssen Sie mir helfen.
Es war der damalige Bundespräsident Ueli Maurer. Wie wurde aus Ihnen ein Publikumsliebling?
Das müssten Sie eigentlich das Publikum fragen. Ich war halt wegen meiner Grösse und meines Gewichts den meisten Gegnern körperlich unterlegen. Doch das habe ich mit meiner Risikobereitschaft wettgemacht, und oft, wenn ich schon am Boden lag, schaffte ich es doch noch, mich zu befreien. Diese Art des Schwingens hat offenbar den Zuschauern gefallen.
Waren Sie schon immer klein?
Als ich aus der Schule kam, war ich nur 1,72 Meter gross. Später wuchs ich dann noch auf 1,80 Meter. In der Zeit als Jungschwinger hiess es immer, ich sei Klein Willy und aus mir werde nie etwas.
Hat Sie das getroffen?
Nein, das hat mich eher angespornt. Ich wusste immer, dass ich meinen Weg machen werde.
Der Berner gewann während seiner Karriere 110 Kränze, davon 5 eidgenössische. 2021 trat er zurück. Er lebt mit seiner Frau und den vier Kindern (3 Töchter, 1 Sohn) in Bolligen BE. Auf dem Hof Geristein gibts Kühe, Rösser, Schafe und Ziegen.
Der Berner gewann während seiner Karriere 110 Kränze, davon 5 eidgenössische. 2021 trat er zurück. Er lebt mit seiner Frau und den vier Kindern (3 Töchter, 1 Sohn) in Bolligen BE. Auf dem Hof Geristein gibts Kühe, Rösser, Schafe und Ziegen.
Wenn wir ganz vorne beginnen: Wie wuchsen Sie auf?
Hier auf dem Geristein. Ich war der Mittlere von fünf Buben, und wir wuchsen in einfachen Verhältnissen auf. Vieles, was meine Schulkollegen hatten, gab es bei uns nicht, zum Beispiel einen Fernseher oder ein eigenes Zimmer.
Hat Sie das gestört?
Nein, wir waren zu viert im Zimmer. Das war doch viel lustiger, als wenn ich ein eigenes Zimmer gehabt hätte.
Konnte sich die Familie Ferien leisten?
Sehr selten, wenn, dann mal bei Verwandten im Berner Seeland oder im Emmental. Erst mit 24 Jahren bin ich das erste Mal in meinem Leben geflogen, nach Australien. Ich wusste bis 24 gar nicht, dass das Meer salzig ist …
Als Sie vierjährig waren, hätte Ihr Leben bereits vorbei sein können.
Vieles davon weiss ich nur noch aus Erzählungen. Mein Vater wollte mit mir irgendwo hinfahren. Ich rannte deshalb zum Auto, was er nicht sah. Beim Rückwärtsfahren fuhr er mir mit dem Landrover über den Kopf. Er glaubte zuerst, es sei ein Stein gewesen. Ich stand damals offenbar so unter Schock, dass ich zuerst noch einen Apfel essen wollte, obwohl ich schwer verletzt war.
Im Spital wurde ein Schädelbruch diagnostiziert.
Ich lag damals drei Monate lang im Spital, doch ich hatte unglaublich viel Glück, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen habe. Ich war und bin bis heute meinem Vater nicht böse. Das war ein Unfall, der einfach passieren kann. Doch damals hiess es sogar, man hätte meinen Vater verhaftet, wenn ich gestorben wäre. Zum Glück kann ich mich an den Unfall selbst nicht mehr erinnern.
Welchen Berufswunsch hatte der kleine Willy?
Pfarrer oder Dachdecker. Ich fands immer schön, wenn wir sonntags unser weisses Hemdchen anzogen und in die Kirche gingen. Und ausserdem gefiel mir der Arbeitsplatz auf der hohen Kanzel. Doch später merkte ich, dass ich als Dachdecker noch höher aufsteigen kann (lacht).
Gingen Sie gerne zur Schule?
Nein, und ich war auch nicht sehr gut. Nach vier Jahren in der Primarschule kam ich deshalb in eine Kleinklasse. Doch als ich später meine Lehre als Dachdecker machte, habe ich allen bewiesen, dass ich es schon kann, wenn ich es selbst unbedingt will.
Wie kamen Sie zum Schwingen?
Die Brüder meiner Mutter und einige Cousins haben geschwungen. Wenn wir uns zu Hause mal wieder gerauft hatten, hiess es: «Geht doch in den Schwingkeller nach Münsingen und tobt euch dort aus.» Und auch auf dem Hof haben wir geschwungen. Wir hatten hier einen richtigen Sagmehlplatz. Oft kamen auch noch die Nachbarsbuben vorbei, und wir schwangen mit Gummistiefeln an den Füssen. Und wenn wir an ein Jungschwingerfest gingen, brachte uns manchmal die Mutter in der Heckschaufel des Traktors zum Schwingplatz.
Ihre Karriere startete rasant. Beim Eidgenössischen 2007 in Aarau lagen Sie nach dem ersten Tag völlig überraschend in Führung.
Ich war damals ein No-Name und erst 23 Jahre alt. Nach dem ersten Tag wurde ich von Fans und Journalisten belagert. Eine Situation, die für mich völlig neu war. Als ich mitten in der Nacht auf Sonntag aufwachte, war ich bachnass. Vielleicht war der innerliche Druck damals doch zu gross. Ich verlor dann am Sonntag den ersten Gang gegen Nöldi Forrer. Am Ende holte ich mir aber trotzdem noch meinen ersten eidgenössischen Kranz.
Apropos Nöldi Forrer: Beim Unspunnenschwinget 2011 sagte er Ihnen: «Gang doch go pure, du Chrüpeli!»
Es gab eine Vorgeschichte. Beim ESAF 2010 in Frauenfeld trug er eine Karbonschiene, die klar verboten war. Ich hatte mir in der den Finger eingeklemmt. Deshalb ging ich danach zum Technischen Leiter, um mich zu beschweren. Doch die hatten nicht die Eier, den König auszuschliessen, was gemäss Reglement aber hätte passieren müssen. Das war dann wohl die Retourkutsche von ihm.
Sind Sie heute noch sauer auf ihn?
Ich würde mit ihm auch heute noch nicht ein Bier trinken oder einen Jass machen. Ich bin froh, dass er kein Berner ist und er deshalb weit weg von mir ist …
Sie haben während Ihrer Schwingkarriere immer zu 100 Prozent als Dachdecker gearbeitet, 2012 auch noch den Hof Ihrer Eltern übernommen und eine Familie mit vier Kindern gegründet. Wie war es möglich, das alles unter einen Hut zu bringen?
Dank einer super Frau. Doch rückblickend betrachtet weiss ich manchmal auch nicht, wie ich das alles geschafft habe. Natürlich war ich im Winter wegen des Aufbautrainings oft nicht zu Hause, und auch an den Sonntagen war ich meist unterwegs. Meine beiden älteren Töchter habe ich deshalb nicht gross aufwachsen gesehen. Das bedauere ich schon ein bisschen.
Doch 2015 sorgten diese beiden älteren Töchter für einen Hühnerhautmoment.
Das stimmt. In Zollbrück gewann ich damals meinen 100. Kranz, den sie mir auf den Kopf setzen durften. Das war schon ein sehr emotionaler Moment.
Sie haben zwar insgesamt 110 Kränze gewonnen, aber nie ein grosses Fest. Wäre mehr möglich gewesen?
Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Vielleicht hätte man aber mit Nahrungsergänzungsmitteln und häufigeren Erholungsphasen noch mehr rausholen können.
Der Durchschnitts-Schwingerkönig der letzten Jahrzehnte war 120 Kilo schwer, Sie aber nur 96. Waren Sie einfach zu leicht?
Das glaube ich nicht. Wäre ich 20 Kilo schwerer gewesen, hätte mir die Geschwindigkeit gefehlt. Durch meine Wendigkeit hatte ich auch Vorteile. Es gab viele Schwinger, die deshalb nicht gerne gegen mich antraten.
Haben Sie mal versucht, mehr Masse anzuhäufen?
Ja, aber das war chancenlos. Ich habe in meinem Beruf als Dachdecker so viel Energie verbraucht, dass ich nicht Gewicht zulegen konnte. Das ist mir erst nach meiner Karriere gelungen, denn momentan bin ich etwa 102 Kilo schwer (lacht).
Sie haben mal gesagt: «Schwingen sollte grundsätzlich ein Hobby bleiben.»
Das sehe ich noch heute so. Ich hatte nie einen Manager und habe immer zu 100 Prozent gearbeitet. Als Sponsor hatte ich nur die Metzgerei Spahni, die mich seit Beginn meiner Karriere unterstützt hat. Ich hätte gar keine Zeit gehabt, auch noch Sponsorentermine wahrzunehmen.
Heute ist im Schwingsport viel mehr Geld drin. Finden Sie das gut?
Es geht. Ich finde es schon gut, dass die Schwinger für ihren grossen Aufwand, den sie betreiben, etwas bekommen. Es darf aber nicht sein, dass die besten 20 davon sehr gut leben können und der Rest nichts bekommt. Es ist ein heikles Thema.
Offiziell sind die Schwinger heute noch immer Amateure. Und inoffiziell?
Naja, viele studieren heutzutage. Da ist es natürlich einfacher, das Studium und den Sport unter einen Hut zu bringen.
Sie waren nicht nur Schwinger, sondern auch Ringer. Wie kam es dazu?
Nach dem Eidgenössischen in Frauenfeld rief mich die Ringerriege Hergiswil an und fragte mich, ob ich nicht ringen wolle. Ich wusste gar nicht, was das genau ist. Doch nach meinem zweiten Probetraining lösten die einfach eine Lizenz für mich, und schon war ich Nati-A-Ringer. Ich kann mich vor allem noch an einen Kampf erinnern, gegen einen Ungarn. Ich habe den richtig schön «abebrienzeret», was die natürlich nicht kannten.
Wie sieht Ihr heutiges Leben aus?
Ich bin Dachdecker, Bauer, Familienvater und Technischer Leiter im Schwingklub Worblental.
Was fasziniert Sie an Ihrem Dachdecker-Beruf?
Wenn du durch ein Dorf fährst und du siehst all die Dächer, die du gemacht hast, ist das schon ein schönes Gefühl, das dich auch ein bisschen stolz macht.