Déjà-vu für König Wicki
Gestellter Schlussgang reicht Reichmuth zum Brünig-Sieg

Die Innerschweizer feiern den ersten Sieg bei einem Bergfest in diesem Jahr. Dafür zuständig ist nicht König Joel Wicki. Stattdessen wiederholt sich für ihn die Geschichte.
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Pirmin Reichmuth lässt sich als Sieger schultern.
Foto: keystone-sda.ch

Der Schlussgang

Schon vor dem Schlussgang steht fest: Ein Innerschweizer triumphiert auf dem Brünig. Pirmin Reichmuth (28) schreitet im Wissen zur Tat, dass ihm auch ein Gestellter gegen Joel Wicki (27) reicht. Entsprechend kontrolliert und ohne das Risiko zu suchen, geht er zu Werke. Die Folge: ein ereignisarmes Duell. Der einzige Aufreger ereignet sich rund zwei Minuten vor Schluss, als Wicki seinen Gegner mit einem Angriff zu Fall bringt. Doch Reichmuth dreht sich aus und verhindert die Niederlage. Wenig später darf er sich über seinen zweiten Brünig-Sieg nach 2019 freuen. Er war damit auch der letzte Innerschweizer Sieger bei diesem Fest. Und verhindert, dass sein Teilverband in diesem Jahr ohne Bergfestsieg da steht.

Die Siegerstimme

Pirmin Reichmuth gegenüber SRF: «Es ist blöd, wenn man weiss, dass man im Schlussgang stellen kann. Ich hatte einen sehr guten Tag und wollte das nicht verlöffeln. Gegen Schluss habe ich das berücksichtigt. Ich wollte den Sieg unbedingt und bin sehr dankbar für das. Der zweite Brünig-Sieg bedeutet mir viel. Es ist unglaublich, wie viele negative Reaktionen ich in den letzten Wochen hatte. Die Leute haben mich gefragt, ob ichs nicht mehr kann und was los sei. Es tut gut. Ich glaube, heute wollte ich von allen den Sieg am meisten, war brutal fokussiert. Egal was in dieser Saison noch kommt, sie war nicht für nichts. Wenn du der einzige ohne Festsieg bist … bin ich froh, dass ich das jetzt habe.»

Die Schlussrangliste

Foto: RMS

Der fehlende Triumph

Alle grossen Feste in seinem Teilverband hat Joel Wicki gewonnen. Je viermal das Luzerner Kantonale und den Stoos-Schwinget, dreimal das Innerschweizer, je zweimal das Ob- und Nidwaldner sowie das Urner Kantonale und den Rigi-Schwinget und einmal das Schwyzer Kantonale. Nur eines fehlt ihm noch im Palmarès: der Brünig. 2019 reichte ein gestellter Schlussgang gegen Pirmin Reichmuth nicht, ebenso 2018 gegen Kilian Wenger. In diesem Jahr kommts zur Neuauflage gegen Reichmuth und erneut braucht Wicki den Sieg. Und wieder klappts nicht. Der König erlebt ein bitteres Déjà-vu. Gestellter Schlussgang und er muss Reichmuth gratulieren.

Das Südwestschweizer Warten

Auf dem Brünig jubeln oft Berner oder Innerschweizer und damit Vertreter der beiden gastgebenden Verbände. Letztes Jahr gewann mit Samuel Giger (26) erstmals seit 17 Jahren ein Nordostschweizer. Noch länger ist es her, seit letztmals ein Südwestschweizer gewinnen konnte. 1989 teilte Rolf Wehren (57) mit Harry Knüsel (63) den Festsieg. Den letzten Schlussgang-Teilnehmer stellten die diesjährigen Gäste 1999 mit Hans-Peter Pellet (53). Nach der jüngsten Ausgabe geht das Warten bis mindestens zur nächsten Teilnahme der Südwestschweizer weiter.

Die Neuauflage

Auf den Tag genau 23 Monate mussten die Schwing-Fans warten, ehe Joel Wicki und Matthias Aeschbacher (32) wieder zusammen greifen. Am 28. August 2022 holte sich Wicki gegen den Berner den Königstitel. Das lange Warten wird auf dem Brünig nicht mit einer attraktiven Revanche des Berners belohnt. Im Gegenteil. Das Ganze verkommt zu einem Quickie. Nach zwei Sekunden hat Wicki den Berner schon auf dem Rücken.

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Blitzstart vom König:Wicki braucht zwei Sekunden für Sieg gegen Aeschbacher

Die Nummer 100

Meilenstein für Bernhard Kämpf (36). Er gewinnt auf dem Brünig den 100. Kranz seiner Karriere. Dabei missglückt ihm der Start am Morgen, er unterliegt im 1. Gang Lario Kramer. Darauf lässt er einen Gestellten gegen Jonas Burch sowie Siege gegen Silvan Zbinden, Ueli Rohrer, Janis Wieland und Josef Lustenberger folgen. Das reicht am Ende für Platz 3 und damit Eichenlaub.

Die komplette Sammlung

Erstmals seit 2019 kann Lario Kramer (26) auf dem Brünig ins Sägemehl steigen. Das grosse Ziel des Fribourgers: den 57. Kranz seiner Karriere gewinnen. Denn damit würde er seine Sammlung komplettieren und hätte fortan von jedem Berg- und Teilverbandsfest mindestens einmal Eichenlaub zu Hause. Mit der Niederlage im 3. Gang gegen Lukas Bissig erleidet das Vorhaben einen kleinen Rückschlag, am Ende aber klappts. Nicht nur vom Brünig hat Kramer nun einen Kranz daheim, sondern auch vom Nordwestschweizer, Nordostschweizer, Innerschweizer, Bernisch-Kantonalen, Rigi und Weissenstein. Hinzu kommen zwei vom Stoos, je drei von der Schwägalp und dem Schwarzsee sowie sieben vom Südwestschweizer. Ausserdem ist Kramer zweifacher Eidgenosse (2019 und 2022).

Die Überraschungen

Trifft ein Eidgenosse auf einen Nicht-Eidgenossen, ist die Favoritenrolle klar verteilt. Setzt sich der Eidgenosse nicht durch, ist es in den meisten Fällen eine Überraschung. So eine erlebt etwa Joel Wicki. Der König kommt im 2. Gang gegen Jan Wittwer (26) nicht über einen Gestellten hinaus. Gleich zweimal eine überraschende Niederlage gibts für Christian Schuler (36). Der Routinier unterliegt vor dem Mittagessen Adrian Klossner (31) und danach Kevin Steudler (22). Und Klossner ist nach der Mittagspause erneut für eine Überraschung zuständig, er bodigt auch Noe van Messel (22).

Gutgelaunte Zaungäste

2023 gewann Samuel Giger als erster Nordostschweizer seit 17 Jahren auf dem Brünig. Zur Titelverteidigung kann er nicht antreten, da in diesem Jahr die Südwestschweizer als Gäste eingeladen wurden. Den Brünigschwinget lässt sich Giger dennoch nicht entgehen. Trotz Regens sitzt er zu Beginn des Festes gutgelaunt auf der Tribüne – gemeinsam mit seiner Frau Michelle und deren Bruder Kilian von Weissenfluh. «Die Gefühlslage ist anders, man ist nicht gleich kribbelig und nicht so nervös», sagt Giger gegenüber SRF zu seiner ungewohnte Rolle. Gleichzeitig freut er sich, dass er für einmal auf der Tribüne sitzend zuschauen kann. Von Weissenfluh hätte als Berner antreten dürfen, ein Bandscheibenvorfall verhindert das. Wann er wieder ins Sägemehl zurückkehren wird, ist offen, wie von Weissenfluh gegenüber SRF sagt. «Ich probiere einiges aus, damit ich nicht operieren muss.». Denn das sei für ihn der letzte Ausweg.

Neben den beiden Schwingern sind weitere bekannte Persönlichkeiten unter den Zuschauern. Etwa Ex-SVP-Präsident Toni Brunner oder Ski-Superstar Marco Odermatt.

Die Bedingungen

Kaum schreiten die ersten Schwinger zur Tat, öffnet Petrus seine Schleusen. Heftiger Regen setzt ein, die Zuschauer ziehen sich hastig ihre Pelerinen über. Als der Regen nachlässt, zieht dichter Nebel auf. Wer die prächtige Aussicht geniessen möchte, wird enttäuscht. Er sieht nur eine weisse Wand. Teilweise wird auch der Blick auf den Schwingplatz etwas getrübt. Am Nachmittag verzieht sich der Nebel dann, es hellt auf und bleibt trocken. Die Sonne zeigt sich allerdings nicht.

So gehts weiter

Die Schwing-Fans müssen keine Woche aufs nächste Fest warten. Bereits am Donnerstag steigt das Oberaargauische in Burgdorf. Und zwei Tage später geht an gleicher Stätte das Emmentalische über die Bühne.

Der Fest-Ticker zum Nachlesen

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