Darum gehts
Michael Moser löst Fabian Staudenmann als Berner Nummer eins ab.
Matthias Sempach: «Das glaube ich nicht. Staudenmann legte in den letzten Jahren eine brutale Konstanz an den Tag und wird auch in diesem Jahr wieder stark sein. Für mich ist er im Vergleich mit Moser aktuell noch etwas kompletter – was auch auf seine grössere Erfahrung zurückzuführen ist. Eine Machtablösung schliesse ich deshalb aus. Aber Staudenmann ist nicht mehr allein an der Spitze. Moser hat zu ihm aufgeschlossen. Es ist beeindruckend, wie Moser im Alter von 20 Jahren technisch bereits hervorragend schwingt. Die beiden werden das Berner Team gemeinsam als Leader anführen.»
Die Nordwestschweizer gewinnen dank Sinisha Lüscher erstmals seit 2014 wieder ein Bergfest.
«Das traue ich ihm absolut zu. Technisch ist er ein exzellenter Schwinger. Zudem imponiert mir sein Körper. Als 20-Jähriger ist Lüscher in diesem Bereich bereits sehr weit. Manchmal ist er für meinen Geschmack noch etwas zu defensiv. Jemand mit seinen Fähigkeiten dürfte angriffiger zu Werke gehen. Allgemein freue ich mich sehr über die Entwicklung in der Nordwestschweiz. Mit Lüscher und Marius Frank haben sie zwei Talente, die ihren Zenit noch lange nicht erreicht haben. Solchen Nachwuchs wünschte ich mir für jeden Teilverband.»
Orliks Königstitel macht Giger noch gefährlicher – weil sich die Aufmerksamkeit verteilt und die stärksten Gegner Orlik zugeteilt werden.
«Orliks Titel ist für Giger auf jeden Fall eine riesige Motivation. Ich bin mir sicher, dass er in den nächsten Jahren, genau wie ESAF-Schlussgänger Werner Schlegel, zeigen will, dass er das ebenfalls kann. Giger ist eine derartige Ausnahmeerscheinung, dass er immer im Fokus stehen wird. Er und Schlegel werden für mich in diesem Jahr zu den fünf besten Schwingern zählen.»
Die Innerschweizer gewinnen auf dem Brünig gegen die Berner und Nordostschweizer keinen Kranz.
«Das glaube ich nicht. Aber natürlich tun ihnen die Rücktritte von König Joel Wicki und Pirmin Reichmuth richtig weh. Es werden schwierige Jahre auf die Innerschweizer zukommen. Sie brauchen nun Geduld. Positiv stimmt mich jedoch, dass im Verband gut gearbeitet wird. Und trotz den bitteren Abgängen haben sie noch immer starke Schwinger in ihren Reihen. Einige davon werden auf den Bergen über sich hinauswachsen. Ich denke da zum Beispiel an Lukas Bissig, der mir im letzten Jahr sehr gut gefallen hat.»
Fabio Hiltbrunner krönt seine Comebacksaison mit dem Sieg am Kilchberger.
«Ich traue ihm unheimlich viel zu. Als ich Hiltbrunner im Frühling einen Schwingkurs gab, merkte ich, dass sein Sieg am Jubiläumsfest keine Überraschung war. Es ist beeindruckend, welche Kraft dieser Junge hat. So etwas habe ich noch selten gesehen. Das Wichtigste ist jetzt aber, dass er gesund bleibt. Schafft er das über diese Saison hinweg, dann gehört er beim Kilchberger sicher zum erweiterten Favoritenkreis. Für den Sieg müsste dann aber schon sehr viel zusammenstimmen.»
Das Berner Kantonale im Wankdorf als Vorbild: Schwingfeste werden in Zukunft immer mehr in Fussball- oder Eishockeystadien ausgetragen.
«Dieser Trend wird sich fortsetzen. Es ist sinnvoll, bestehende Infrastrukturen zu nutzen und damit Kosten einzusparen. Ich begrüsse das auch, möchte aber nicht auf Schwingfeste in der Natur verzichten. Das zeichnet unseren Sport schliesslich auch aus. Diese Atmosphäre ist einzigartig. Dass sich ein grosses Schwingfest in der Natur auch gewinnbringend organisieren lässt, hat das ESAF in Mollis bewiesen. Ich habe selbst mehrfach in Eishockeystadien gekämpft. Das gefiel mir ebenfalls sehr gut. Ein positiver Aspekt ist hier sicher auch, dass man wetterunabhängig ist.»
König Orlik gewinnt weder ein Teilverbands- noch ein Bergfest und auch nicht das Kilchberger – er hat alles erreicht und ist satt.
«Das glaube ich nicht. Ich habe selten einen Athleten erlebt, der so zielorientiert arbeitet wie Orlik. Er lebt für diesen Sport wie nur ganz wenige. Ich habe selbst bei seinem Athletiktrainer Robin Städler trainiert. Der wird Orlik erneut bis ans Äusserste fordern. Neben den harten Trainings ist gerade als Schwingerkönig die Regeneration entscheidend. Das Amt bringt zwar schöne, aber auch energiezehrende Verpflichtungen mit sich. Das habe ich selbst erlebt. Nur wenn die Batterien voll sind, kann Orlik erfolgreich sein.»