Darum gehts
Tränen nach Staudenmann-Sieg
Als der Schlussgang zwischen Fabian Staudenmann und Werner Schlegel gestellt endet, brechen im Wankdorf alle Dämme. 27'000 Zuschauer jubeln und Medienchef Reto Zbinden hat Tränen in den Augen. «Ich habe Fabian noch selten so geladen und fokussiert erlebt. Er wollte diesen Sieg unbedingt. Deshalb gönne ich ihn ihm von ganzem Herzen.»
Dieser Triumph bedeutet Staudenmann besonders viel. Der Kilchberger-Sieger ist bekennender YB-Fan und verfolgt regelmässig die Heimspiele im Wankdorf. Nun durfte er ausgerechnet in seinem Lieblingsstadion selbst einen grossen Sieg feiern. «Ich habe mir diesen Tag dick im Kalender angestrichen. Umso schöner ist es heute aufgegangen», sagt er danach.
Die unglaublichen Parallelen
Beim Innerschweizer Schwing- und Älplerfest ISAF gibts mit Marc Lustenberger und Samuel Schwyzer zwei Sieger. Dass die beiden am gleichen Tag Grund zum Jubeln haben, ist für sie nichts Neues. 2021 holen sie am Schwyzer Kantonalen jeweils den ersten Kranz ihrer Karriere – Schwyzer wird Dritter, Lustenberger Sechster. Ein Jahr später steigen sie am gleichen Tag zu Teilverbandskranzern auf. Das ISAF 2022 beendet Schwyzer als Achter einen Rang hinter Lustenberger. Nun dreht er beim jeweiligen Premierensieg bei einem Teilverbandsfest den Spiess um und klassiert sich auf Rang 1a. Ob die beiden nun auch gemeinsam feiern werden? Das ist nicht unwahrscheinlich.
Das Hitze-Problem
Noch immer ist der Zuger Noe van Messel (24) wegen seiner Knieverletzung gezwungen, bei Schwingfesten neben dem Sägemehlring zu stehen. Dabei macht ihm ausgerechnet die Zuschauerrolle zu schaffen.
Wegen der erneut heissen Temperaturen am ISAF sagt van Messel im Gespräch mit Blick nicht ganz unironisch: «Ich finde das anstrengender als selber zu schwingen. Es ist fast nicht auszuhalten, so lange an der bratenden Sonne zu verweilen.» Als Schwinger sei das ganz anders, stellt er klar. «Man kann sich zwischen den Gängen in der Garderobe im Schatten ausruhen, geht erst kurz vor dem Gang hinaus und verschwindet danach wieder.» Spätestens nach diesem Wochenende dürfte der Zuger also zusätzliche Motivation für seine Rückkehr gesammelt haben.
Dank Traktor-Pulling zum Königs-Killer
Vor dem Berner Kantonalen kannten David Lüthi wohl nur eingefleischte Schwingfans. Seit Sonntag ist das anders. Der Münsinger sorgte mit seinem Sieg gegen Schwingerkönig Armon Orlik für eine der grössten Überraschungen des Tages. «Es war unbeschreiblich. Alle Kollegen kamen auf mich zu und gratulierten», erzählt er.
Nach dem Exploit wollte das Publikum sogar eine Welle starten. Lüthi winkte jedoch ab. «Mein Ziel war der Kranz. Den hatte ich in diesem Moment noch nicht auf sicher. Deshalb wollte ich mich noch nicht feiern lassen.» Erst später, mit dem ersten Teilverbandskranz auf dem Kopf, holte er die Welle nach. Dass Lüthi ausgerechnet an diesem Tag ein solches Fest zeigen würde, hatte sich allerdings nicht abgezeichnet. Der Sohn von Eidgenosse Walter Lüthi war Anfang Woche noch krank und konnte sich alles andere als optimal vorbereiten.
Umso überraschender, wie er den Freitagabend verbrachte. Wie Blick erfahren hat, besuchte der Berner ein Traktor-Pulling. «Das sind Fehlinformationen», sagt er zunächst lachend und gibt dann doch zu: «Es stimmt. Die Woche war nicht einfach. Gerade deshalb wollte ich am Freitagabend mit meinen Kollegen zusammen sein und den Kopf etwas lüften. Das hat mir extrem gutgetan und mir zusätzliche Motivation gegeben.» Den grössten Schub erhielt Lüthi dann aber im Sägemehl – mit seinem sensationellen Sieg gegen König Orlik.
Schurtenberger als Zaungast
Unschönes Bild am Innerschweizer Schwing- und Älplerfest: Gleich zweimal landet die Rega neben dem Festgelände am Zugersee. Wen die Retter abtransportieren müssen – ob Schwinger oder Zuschauer – dürfen die Verantwortlichen allerdings nicht bekannt geben. Einer, der dieses Mal glücklicherweise ganz bestimmt nicht im Helikopter sitzt, ist Sven Schurtenberger (34). Der Luzerner musste vor drei Wochen am Stoos-Schwinget selbst mit dem Helikopter ausgeflogen werden. In Arth war der Eidgenosse deshalb nur als Zuschauer vor Ort.
Während seine Kollegen nach dem ersten Gang möglichst schnell den Brunnen zur Abkühlung ansteuern, führt sein Weg deshalb zum nächsten Kaffeestand. «Schurti» nimmt diese neue Rolle jedoch sichtlich gelassen. Im Gespräch mit Blick sagt er schmunzelnd: «Ich bin nicht böse, dass ich heute nicht schwingen muss.»
YB-Spieler in Zwilchhosen
Für einmal ist im Wankdorf Tradition statt Fussball Trumpf. Das Heimstadion der Young Boys wird zur Schwing-Arena. Das verleitet die Social-Media-Verantwortlichen der Berner zu einer KI-Spielerei. Kurzerhand verwandeln sie YB-Spieler wie Samuel Essende, Cédric Zesiger oder Stefan Bukinac in Schwinger. Die KI nimmts dabei nicht so genau, die Zwilchhosen sind etwas gar elastisch und auch die Körperhaltungen passen nicht hundertprozentig. Amüsant sind die Bilder dennoch. In den Kommentaren sorgen sie jedenfalls für gute Laune.
Schlegels Finger-Geste
Dominant. Dominanter. Werner Schlegel. Der Toggenburger lieferte im Wankdorf eine Vorstellung ab, die ihresgleichen sucht. Der ESAF-Schlussgänger bezwang einen Topgegner nach dem anderen. Adrian Walther, Michael Moser, Matthieu Burger oder Fabian Aebersold – sie alle mussten sich dem Nordostschweizer beugen.
Auffällig war auch Schlegels Jubel. Nach seinen Siegen zeigte er jeweils mit dem Finger in Richtung seiner Betreuer und Tribüne. Viele fragten sich, wem die Geste galt. Gegenüber Blick löst Schlegel das Rätsel auf: «Ich habe auf Damian Ott gezeigt. Er sass auf der Tribüne und hat mich heute unterstützt. Das schätzte ich sehr.»
Ott und Schlegel verbindet seit Jahren eine enge Freundschaft. Die beiden trainieren regelmässig gemeinsam und pushen sich gegenseitig. Neben Ott fieberte im Wankdorf auch Schlegels Freundin mit und erlebte eine Gala ihres Partners, die einzig wegen des gestellten Schlussgangs nicht mit dem Festsieg belohnt wurde.
Der prächtige Ultimo
In 61 Tagen steigt das Saison-Highlight, der Kilchberger Schwinget. Seit Samstag ist klar, wie der Siegermuni heisst. Das viereinhalbjährige und 1200 Kilogramm schwere Prachtstier trägt den Namen Ultimo. Gezüchtet von Ex-Schwinger Paul Korrodi hat Ultimo zwei bekannte Taufpaten. Den Organisatoren des Kilchberger Schwinget ist es gelungen, für dieses Amt die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli und den vierfachen Eishockey-Vizeweltmeister Leonardo Genoni zu gewinnen. Stolz posieren sie nach der Taufe neben dem Muni.
(Noch) nicht ganz 100
Zunächst sieht es nicht so aus, als würde Domenic Schneider mit einem Kranz vom Innerschweizer Schwing- und Älplerfest heimreisen. Nach vier Gängen hat der Thurgauer nur einen Sieg und drei Gestellte auf dem Notenblatt. Eine Enttäuschung droht. Weil Schneider aber mit zwei Plattwürfen zu einem starken Schlussspurt ansetzt, reichts am Ende doch noch haarscharf. Mit 56,25 gehört er zum Quartett, das sich mit der tiefsten Punktzahl noch Eichenlaub sichert. Für Schneider ist es Kranz Nummer 99 – noch einer fehlt, um einem exklusiven Kreis anzugehören: dem 100er-Klub. Dieser hat bisher 34 Mitglieder. Unangefochtener Spitzenreiter ist König Nöldi Forrer (151 Kränze) vor Hans-Peter Pellet (136 Kränze) und König Christian Stucki (134 Kränze). Schon nächsten Samstag auf dem Weissenstein hat Schneider die Chance, die 100 vollzumachen – und mit Christian Bieri, Karl Oberholzer, Toni Rettich und Josef Sutter gleichzuziehen.
Das Orlik-Debakel
König Armon Orlik zieht am Berner Kantonalen einen rabenschwarzen Tag ein. Sowohl gegen den Eidgenosse Michael Moser als auch die beiden Gauverbandskranzer David Lüthi und David Scheuner zieht er den Kürzeren und landet platt auf dem Rücken. Drei Niederlagen an einem Fest? Das hat Orlik schon lange nicht mehr erlebt. So ist er etwa in den letzten beiden Jahren zusammen nur zweimal bezwungen worden oder hat 2023 nur vier Niederlagen kassiert. Dreimal an einem Fest das Sägemehl vom Rücken putzen lassen musste er sich letztmals vor zwölf Jahren. 2014 hat er auf der Schwägalp gegen Mario Thürig, Martin Zimmermann und Christian Schuler verloren. Gemäss der Plattform zwilch.ch, die Orliks Resultate bei Regional- und Kranzfesten seit 2011 aufführt, ist es insgesamt das achte Mal, dass der Bündner drei Gänge am gleichen Fest verliert. Die unschöne Premiere erlebte Orlik 2011 beim Haldiberg-Schwinget. Daneben passierte es 2012 an zwei (Abendschwinget Fankhaus und Bündner-Glarner) und 2013 an drei Festen (ESAF, Nordostschweizer und Schwägalp).
Der teure Blickfang
Die Brunnen gehören zu den Schwingfesten wie das Sägemehl. Derjenige am Berner Kantonalen ist mit seinen 8,5 Metern Länge und den beiden kunstvoll geschnitzten Bären ein besonderer Blickfang. Damit er auch nach dem Fest jemandem Freude bereiten kann, wurde er versteigert. Und das gemeinsam mit dem Charity-Verein Bärähärz im Zeichen für mehr Inklusion. «Der Erlös fliesst in der nächsten Schwingsaison in konkrete Massnahmen, die Schwingfeste zugänglicher machen und mehr Teilhabe ermöglichen», schreiben die Organisatoren. Und der neue Besitzer greift dafür tief in die Taschen. Für 26'000 Franken wird der Brunnen ersteigert. Zum Vergleich: Derjenige des Nordostschweizer Schwingfestes in der Vorwoche hat einen Erlös von etwas mehr als 13'000 Franken eingebracht.
Die Kilchberg-Champions
Samuel Giger, Damian Ott und Fabian Staudenmann sind alle drei am Sonntag im Wankdorf-Stadion. Allerdings steigt nur einer in die Zwilchhosen. Eine Schulterverletzung hindert Giger an der geplanten Teilnahme während das Fest bei Ott gar nicht erst in der Agenda stand. Trotzdem sind sie vor Ort – als Zuschauer und Fan ihrer Nordostschweizer Kollegen. Und können so hautnah miterleben, wie Fabian Staudenmann nach dem Seeländischen sein zweites Fest in diesem Jahr gewinnt. Auf dem Weg dorthin gewinnt er fünfmal – unter anderem gegen die Eidgenossen Sinisha Lüscher und Bernhard Kämpf. Einzig im Schlussgang muss er seinen Gegner Werner Schlegel stehen lassen – im Wissen, dass ihm das zum souveränen Festsieg reicht.