Darum gehts
Ein geschenkter Brünig-Sieg?
Der Schlussgang auf dem Brünig liefert Gesprächsstoff. Weil die Kampfrichter differenzierten, erhielt Fabian Staudenmann die Note 9,00, Armon Orlik dagegen nur eine 8,75. Dadurch zog der Berner nach Punkten mit dem König gleich und durfte sich zusammen mit ihm sowie Werner Schlegel und Matthieu Burger als Festsieger feiern lassen. Nicht alle können diesen Entscheid nachvollziehen. «Das war ein Geschenk», monieren gewisse Schwing-Kenner. Tatsächlich stellt sich die Frage: Hat Staudenmann im Schlussgang wirklich deutlich mehr für den Kampf gemacht?
Der zweifache Schwägalp-Sieger Stefan Burkhalter bejaht diese Frage. «Für mich war die Differenzierung in Ordnung. Das kann man so sehen.» Staudenmann selbst hat sich mit der Möglichkeit, den Brünig auf diese Art und Weise zu gewinnen, gar nie beschäftigt. «Es wäre utopisch, in einen Schlussgang zu gehen und zu denken: Ich stelle gegen Armon und hoffe, dass die Kampfrichter differenzieren.»
Sein einziges Ziel sei gewesen, den Kampf zu gewinnen. Als das nicht gelang, hoffte er auf die bessere Note. «Ich war mir aber nicht sicher, ob ich die bekomme», sagt Staudenmann. Als der Festsieg Tatsache war, fiel eine grosse Last von ihm ab. «Hier zu gewinnen, ist etwas ganz Spezielles.»
Zwei Jahre nach seinem kritischen Brief gelang ihm beim Bergklassiker der Premieren-Triumph. Ob seit seinen Verbesserungsvorschlägen gewisse Dinge besser sind, konnte und wollte er nicht beurteilen. «Ich war heute nicht als Ordnungspolizei hier. Mein Ziel war es, sechs möglichst gute Gänge zu zeigen. Vielleicht ergibt sich später einmal die Gelegenheit, über gewisse Dinge zu sprechen. Heute hatte das aber sicher keine Priorität.»
Zuerst verärgert, dann überglücklich
Domenic Schneider erlebte auf dem Brünig einen Tag mit allen Emotionen. Nach dem Startsieg gegen Matthias Aeschbacher geriet der Nordostschweizer mit der Niederlage gegen Michael Ledermann und dem Gestellten gegen David Aebersold unter Druck. Vor dem letzten Gang gegen Lukas Renfer stand plötzlich sogar der Kranz auf dem Spiel.
Dort kam es zu einer kuriosen Szene. Schneider hatte seinen Gegner bereits am Boden, schaute kurz zu den Kampfrichtern und liess ihn wieder aufstehen. «Ich wollte unbedingt die Note 10,00 machen, weil ich dachte, nur so gewinne ich den Kranz. Deshalb liess ich ihn wieder aufstehen», erklärt Schneider. Als ihm die Zeit davonzulaufen drohte, entschied er sich doch für den Sieg am Boden. Danach begann das grosse Zittern. «Ich war sehr nervös und hoffte einfach, dass es irgendwie reicht.» Am Ende durfte Schneider doch noch jubeln.
Für richtig viel Ärger sorgte dafür der fünfte Gang gegen David Aebersold. Weil der Berner mehrfach vor dem «Guet» des Kampfrichters losliess, wurde er zuerst verwarnt und später mit einem Viertelpunkt bestraft. Aebersold erhielt für den Gestellten die Note 8,50 – gleich viel wie bei einer Niederlage. «Das war sehr mühsam. Vor dem ‹Guet› loszulassen, gehört sich nicht. Das kann einmal passieren, aber es geschah mehrmals. Das ist nicht Schwinger-Art», kritisiert Schneider.
Burger bricht ein Tabu
Eigentlich wollte Matthieu Burger nach dem sechsten Gang bereits unter die Dusche. Doch Werner Schlegel hielt den Seeländer zurück. «Er meinte, ich müsse noch warten. Wir könnten ja gemeinsam Festsieger werden», erzählt Burger. Tatsächlich trat genau dieses Szenario ein. Da Fabian Staudenmann und Armon Orlik im Schlussgang stellten, durfte auch Burger jubeln. «Während des Kampfes war ich brutal nervös», gibt er zu. Danach war die Freude umso grösser.
Burger war derart euphorisiert, dass er sogar mit seinen Prinzipien brach. «Heute gibt es das erste Bier der Saison.» Mit seinen Walliser Kollegen hatte er bereits angestossen. «Es gab schon einen Schluck Wein.» Alkohol ist während der Saison für ihn eigentlich tabu. «Heute mache ich eine Ausnahme.» Burger wäre beinahe sogar alleiniger Festsieger geworden. Im sechsten Gang gegen Luc Bissig verzichtete er bewusst auf das letzte Risiko und gewann am Boden. Mit der Maximalnote wäre er alleine an der Ranglistenspitze gestanden. «Daran habe ich keine Sekunde gedacht. Ich wollte einfach unbedingt den Kranz.»
Das historische Duo
Als zweiter Schwinger nach dem Schwyzer Martin Grab (47) gewinnt Fabian Staudenmann (26) jedes der sechs Bergfeste mindestens einmal. Eine historische Leistung. Den ersten Bergfestsieg feiert Staudenmann 2023 am Schwarzsee mit 23 Jahren, gut drei Jahre später hat der Berner dieses beeindruckende Palmarès voll. Und Grab? Er hat 2000 wenige Tage nach seinem 21. Geburtstag auf dem Stoos nicht nur den ersten Sieg bei einem Bergfest, sondern überhaupt bei einem Kranzfest gefeiert. Bis er seine Sammlung voll hatte, dauerte es bis ins Jahr 2012. Bei ihm ist der Schwarzsee das Fest, das er als letztes auch noch gewinnen konnte.
Nach Staudenmanns historischem Triumph gratulierte ihm Grab noch im Sägemehlring. «Er meinte, er sei froh, dass er nicht mehr alleine sei», erzählt Staudenmann mit einem Lächeln. Zwei Wochen zuvor hatten sich die beiden am Freitag vor dem Weissenstein-Schwinget getroffen. Damals erhielten alle ehemaligen Bergfestsieger eine Gondel als Erinnerung.
Grab sprach den Berner auf dessen Chance an, auf dem Brünig Geschichte zu schreiben. «Ich ging damals nicht gross darauf ein», sagt Staudenmann. «Ich wollte mir wohl nicht zu viel Druck machen.» Dieser ist nun weg. Seit Sonntag teilen sich die beiden einen Platz in den Geschichtsbüchern des Schwingsports.
Die Südwestschweizer Bilanz
17 Kränze wurden am Südwestschweizer Schwingfest verteilt. Den Festsieg konnten die Gastgeber zwar nicht in den eigenen Reihen behalten, dafür sicherten sie sich immerhin zehn Auszeichnungen. Mit Laurent Tornare (18), Loïc Pasquier (25) und Luc Varone (29) gewann zudem gleich ein Trio erstmals einen Teilverbandskranz und trägt künftig zwei Sternchen hinter dem Namen.
Sportlich prägten allerdings die Gäste das Geschehen. Schon vor dem Mittag mussten sie gegeneinander antreten. Am Ende gingen 7 der 17 Kränze an Schwinger aus anderen Teilverbänden. Bemerkenswert: Von den acht Gästen verpasste einzig This Kolb den Kranz.
Im Vergleich zu den anderen Teilverbänden stehen die Südwestschweizer deshalb schlecht da. An drei der vier anderen Teilverbandsfeste, die bisher stattfanden – Nordostschweizer (22 von 24 Kränzen), Innerschweizer (29 von 31) und Berner Kantonales (22 von 24) –, konnten jeweils nur zwei Gäste einen Kranz gewinnen.
Die Kilchberg-Champions
Fabian Staudenmann zeigt die stärkste Saison der drei Kilchberg-Champions. Auf dem Brünig feiert er den vierten Kranzfestsieg in diesem Jahr. Viermal verlässt er das Sägemehl als Sieger, die beiden Gestellten holt er gegen König Armon Orlik. Daneben ist an diesem Wochenende auch Damian Ott im Einsatz. Ihm misslingt der Start ins Südwestschweizer, gegen Romain Collaud kassiert er seine vierte Saisonniederlage. Danach ist Ott aber nicht mehr zu bezwingen, reiht fünf Siege aneinander und beendet das Fest auf dem 3. Rang. Samuel Giger hätte eigentlich auch auf dem Brünig in die Zwilchhosen steigen wollen. Seine Anfang Juni zugezogene Schulterverletzung hat dies nicht zugelassen. Möglich ist, dass er in zwei Wochen beim Schaffhauser Kantonalen sein Comeback gibt.