Dafür spart er jetzt schon
Schwinger Sinisha Lüscher hat einen grossen Traum

Die Erfolge des Sohnes machen inzwischen auch Mutter Petra bekannt. Sinisha Lüscher gehört zu den stärksten Schwingern. Zu Hause in Muhen AG kommt er zur Ruhe und verrät seine Ziele und Wünsche für die Zukunft.
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Schwinger Sinisha Lüscher gewinnt reihenweise Kränze. Beim Saisonhighlight gehört er zu den Mitfavoriten.
Nicola Abt (Text), Kurt Reichenbach (Fotos)
Schweizer Illustrierte

Sinisha Lüscher (20) greift nach der Dame seiner Mutter, legt sie neben das Schachbrett und grinst. Ein paar Züge später schaut er Petra Lüscher siegessicher an. «Willst du aufgeben oder spielen wir bis zum Ende?», fragt der Spitzenschwinger. Seine Mutter bewegt den Läufer. «Schach», antwortet sie. Lüscher nickt, verschiebt seinen König und geht zum Gegenangriff über. Kurz darauf gibt Petra auf. «Gratuliere», sagt sie zu ihrem Sohn.

Für den Hausfrieden ist dieser Ausgang nicht der schlechteste. Schliesslich kann Sinisha Lüscher nicht besonders gut verlieren. Auch nicht beim Schach, das er gerne beim Käffele mit Kollegen spielt. Dabei hätte seine Mutter eigentlich einen Erfahrungsvorteil. Vier Jahre gehörte sie einem Schachklub an. «Sinisha spielt aber so komisch, dass alles anders kommt», sagt sie lachend.

Sein Ehrgeiz zeigt sich auch am Schachbrett: Sinisha Lüscher lässt seiner Mutter keine Chance.
Foto: Kurt Reichenbach

Vater und Mutter in einem

Dass ihr Sohn auch im Sägemehl ziemlich oft gewinnt, ist in der gemeinsamen Wohnung in Muhen AG nicht zu übersehen. Selbst der Esstisch und die Stühle, an denen die beiden sitzen, stammen von Schwingfesten. Auf dem Boden stehen mächtige Treicheln, auf einem Regal kleinere Glocken und zahlreiche Kränze. Nur Kühe oder Rinder sucht man vergebens. Dabei gewinnt Lüscher mittlerweile auch solche Lebendpreise immer häufiger. Nach Hause nimmt er die Tiere allerdings nicht. Stattdessen lässt er sich den Gegenwert auszahlen.

Das Preisgeld und die Sponsoreneinnahmen investiert Lüscher vor allem in seine sportliche Entwicklung. Als Bankkaufmann arbeitet er nur noch 30 Prozent – so hat er mehr Zeit fürs Training. Was daneben übrig bleibt, legt er für einen grossen Wunsch zur Seite: «Ich will meinem Mami einmal ein Haus bauen.»

Zeit zu zweit: Petra (l.) und Sinisha Lüscher treffen sich zu einer Partie Schach. Im Alltag sehen sich Mutter und Sohn nur sehr selten.
Foto: Kurt Reichenbach

Es wäre seine Art, etwas zurückzugeben. «Sie ist das beste Mami der Welt. Sie unterstützt mich immer und überall», sagt Lüscher. Seine Mutter besucht jedes Schwingfest ihres Sohnes – obwohl sie, wie er lachend erzählt, bis heute nicht jeden Schwung und jede Regel kennt.

Viel wichtiger ist für ihn ohnehin etwas anderes: «Sie hat mir beigebracht, nie aufzugeben und immer an mich zu glauben.» Lüscher wuchs ohne Vater auf. Seine Eltern trennten sich wenige Monate nach seiner Geburt, zum ghanaischen Vater hat er heute keinen Kontakt mehr. Petra Lüscher zog ihn und seinen fünf Jahre älteren Bruder Noah alleine auf. «Sie war immer für uns da. Deshalb ist sie für mich Vater und Mutter zugleich.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Petra Lüscher arbeitet heute als Pöstlerin. Auf ihrer Zustelltour merkt sie, dass ihr Sohn längst kein unbekannter Schwinger mehr ist. «Die Leute erkennen mich. Sie wollen mit mir Duzis machen oder fragen, wie es Sinisha geht.» Manchmal dauert die Runde deshalb etwas länger.

Dass ihr Sohn heute überhaupt im Sägemehl steht, hat viel mit ihr zu tun. Als Sinisha elf Jahre alt war, schleppte sie ihn erstmals ins Schwingtraining. Petra Lüscher arbeitete damals täglich zwölf bis dreizehn Stunden. «Ich dachte mir: Wenn ich Sinisha ins Training fahren muss, hätte ich einen Grund, früher Feierabend zu machen», erzählt sie. Aus dem kleinen Trick entstand die grosse Leidenschaft ihres Sohnes. Bereits an seinem ersten Schwingfest belegte Lüscher Rang 2. 2021 kürte er sich zum Nachwuchskönig in seinem Jahrgang. Gleiches strebt er bei den Aktiven an. «Ich will Schwingerkönig werden.»

Einer von vielen starken Auftritten: Sinisha Lüscher triumphierte am Solothurner Kantonalen Schwingfest.
Foto: Philipp Kresnik/freshfocus

Mitfavorit beim Saisonhighlight

Inspiration dafür holt er sich unter anderem bei Extremsportler und Ex-Navy-Seal David Goggins. Dessen Buch liegt auf Lüschers Bett. «Es ist spannend zu lesen, wozu der Mensch fähig ist.» Besonders fasziniert ihn, wie Goggins immer wieder seine eigenen Grenzen verschiebt. Dass Lüscher nicht nur Kränze sammelt, zeigt ein Blick durch sein Zimmer. «Ich mag Parfüms», sagt er auf die vielen Flaschen angesprochen.

Nicht nur bei den Kleidern ist Lüscher wählerisch. Auch auf den richtigen Duft legt er grossen Wert.
Foto: Kurt Reichenbach

Einige Duftmarken hat er auch in dieser Saison hinterlassen. Mit zwei Kranzfestsiegen und der Schlussgangteilnahme auf dem Weissenstein gehört er beim Saisonhighlight zu den Mitfavoriten. Am Kilchberger Anfang September will er erneut brillieren. Am Platzrand wird ihm wie immer seine Mutter die Daumen drücken. Sie ist am Abend jeweils fast so kaputt wie ihr Sohn. «Ich kann vor Nervosität manchmal gar nicht hinschauen.» Kehrt Sinisha Lüscher gesund nach Hause zurück, ist seine Mutter glücklich. Ihr Sohn hat höhere Ansprüche. Ein zweiter Platz? Für ihn nicht gut genug. Weder im Sägemehl noch auf dem Schachbrett.

Mama Petra und Reporter Nicola Abt lachen mit Sinisha Lüscher in die Kamera.
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