Darum gehts
- Schweizer WM-Radsportteam optimistisch für Sonntag
- Mauro Schmid setzt auf Risiko und Fluchtgruppen, Chancen bei 3500 Höhenmetern
- Jan Christen, Marc Hirschi und Stefan Küng haben auch Ambitionen
Hat das Schweizer WM-Strassenteam der Männer zu viele Häuptlinge, aber zu wenige Indianer? Nein. Davon ist Nati-Trainer Michael Schär überzeugt. «Wir haben einen sehr guten Spirit im Team. Alle sind stolz, mit der Nati an der WM zu sein. Wir fahren füreinander», sagt er.
Zwei der sechs Schweizer sind als Helfer vorgesehen: Fabio Christen (24) und Stefan Bissegger (28). Die anderen vier dürfen auf ihre eigene Chance hoffen. «Sie sind top in Form», sagt Schär. Blick analysiert ihre Chancen.
Mauro Schmid (26) – der Pokerspieler
Sein Etappensieg an der Tour de France hallt nach. Kann Schmid auf dem hügeligen WM-Parcours eine ähnliche Leistung abrufen, ist vieles möglich. «Im Training bin ich auf einem ähnlichen Level wie damals», sagt er.
Gut möglich, dass Schmid der Leader Nummer 1 der Schweizer ist. Ein Gold-Favorit ist er trotzdem nicht. Und genau das könnte sein Vorteil sein. «Ich bin nicht auf der obersten Liste der anderen. Darum bin ich bereit, Risiko einzugehen», sagt er.
Heisst: früh attackieren, wenn die anderen noch zögern. Sein Motto: Lieber vorn sterben, als hinten nichts erben. Gelingt Schmid der Sprung in eine gute Fluchtgruppe und neutralisieren sich die Superstars um Remco Evenepoel (26, Be) und Mathieu van der Poel (31, Ho) gegenseitig, liegt die Sensation drin. Schmid pokert gern – und hat im Rennen oft den richtigen Riecher.
Jan Christen (22) – das aufstrebende Talent
Wie Schmid hat auch der Aargauer in diesem Jahr fünf Rennen gewonnen. «Wir müssen von Anfang an wachsam sein», sagt Christen. Weil Superstar Tadej Pogacar (28, Slo) fehlt, erwartet er ein offeneres Rennen. Auch einen Aussenseitersieg hält er für möglich.
Für Christen ist klar: «Es ist nicht unsere Aufgabe, Löcher zuzufahren.» Sein Ehrgeiz ist bekannt. Dennoch sagt er: «Wenn ich einen schlechten Tag haben sollte, fahre ich für meine Teamkollegen.»
Marc Hirschi (28) – der fast vergessene Held
Sechs Jahre lang war er der letzte Schweizer Tour-de-France-Etappensieger. Erst Schmid löste ihn in diesem Sommer ab. Hirschi selbst erlebt kein einfaches Jahr. In der UCI-Weltrangliste fiel er von Rang 56 auf 122, einen Sieg gab es für den Tudor-Profi nicht.
Doch die Erinnerung an seine Klasse bleibt. Der U23-Weltmeister von 2018 hat einst bewiesen, dass er ein Mann für grosse Rennen ist. Schafft er ausgerechnet an der WM den Turnaround?
Stefan Küng (32) – der Captain
Fast 200 Kilometer in der Flucht – und das bei scheusslichem Wetter. Schon 2019 zeigte Stefan Küng, dass ihm lange und harte WM-Rennen liegen. Damals holte er Bronze. Auch diesmal gilt es, mehr als 3500 Höhenmeter zu bewältigen.
Doch der Radsport hat sich verändert. Die Leichtgewichte haben das Zepter fast überall übernommen. Küng gehört mit seinen 83 Kilogramm nicht zu ihnen. Dafür bringt er Erfahrung, Härte und Führungsqualitäten mit. Als Kopf des Schweizer Teams ist der Routinier deshalb auch dann enorm wertvoll, wenn er selbst nicht um Gold fährt. Nach seinem Oberschenkelbruch im Frühling zeigte er ein starkes Comeback.