Herr Zimmermann, ich habe Vorfreude, aber auch Respekt vor diesem Interview.
Urs Zimmermann: Weshalb?
Weil Sie ein sehr spezieller Mensch sein sollen.
(Lacht.) Das kann schon sein. Ich habe mir auch lange überlegt, ob ich dieses Interview überhaupt geben soll.
Warum?
Weil ich mir überlegen muss, wie ich heute den Rennfahrer Zimmermann von vor 40 Jahren sehe, und wer ich jetzt bin. Es ist manchmal für einen Aussenstehenden schwierig, mich und meine Gedanken zu verstehen.
Der 66-jährige Solothurner war zwischen 1983 und 1992 Radprofi. Er gewann 1984 die Tour de Suisse und wurde 1986 an der Tour de France und 1988 am Giro d’Italia jeweils Gesamtdritter. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau im Aargau. Das Paar hat eine erwachsene Tochter.
Der 66-jährige Solothurner war zwischen 1983 und 1992 Radprofi. Er gewann 1984 die Tour de Suisse und wurde 1986 an der Tour de France und 1988 am Giro d’Italia jeweils Gesamtdritter. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau im Aargau. Das Paar hat eine erwachsene Tochter.
Lassen Sie uns ganz vorne beginnen. Sie sind auf dem Hof Wolftürli oberhalb der solothurnischen Gemeinde Mühledorf aufgewachsen. Wie wars dort?
Dieser Hof war wie eine Insel. Es gab nur unsere Familie, die dort lebte. Wenn ich heute darauf zurückblicke, denke ich: Es war eine schöne Kindheit, auch wenn wir nicht viel hatten.
Was heisst das?
Finanziell war es schwierig. Meine Eltern hatten kein Auto, und wenn wir mal in die Ferien gingen, dann zu Verwandten. Als ich später in die Schule kam, merkte ich, dass wir im Vergleich zu meinen Gspänli gewisse Sachen nicht hatten, zum Beispiel Sackgeld oder einen Fernseher. Doch unsere Grundbedürfnisse waren gedeckt.
Und wie sah es mit einem eigenen Velo aus?
Während meine Schulkollegen am ersten Tag der 4. Primarklasse alle schöne, neue Velos hatten, war ich der einzige, der noch einige Monate jeden Tag zwei Kilometer zu Fuss zur Schule ging. Doch für mich wurde das Velo mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, für mich war das der Weg in die Freiheit, um der Enge dieser Bauerndörfer zu entkommen, denn in Mühledorf gab es eigentlich nur die Musikgesellschaft und die Freiwillige Feuerwehr.
Der Legende nach sollen Sie zum Teil bis zu 450 Kilometer pro Tag mit dem Rad zurückgelegt haben.
Zu Beginn war es natürlich noch deutlich weniger. Während meiner Zeit am Gymi fuhr ich mit dem Velo immer 13,5 Kilometer hin und zurück. Als ich dann etwa 16 oder 17 war, sagte ein Schulfreund: «Lass uns mal über den Brünig fahren.» Daraus wurde immer mehr. Einmal fuhren wir von zu Hause aus via Thun über den Grimselpass und danach durchs Wallis. Bis wir wieder zu Hause ankamen, war es 5 Uhr morgens.
Mit 19 traten Sie dem Radrennclub Magglingen bei und mit 21 fuhren Sie im Tessin Ihr erstes richtiges Rennen.
Mein Bruder fuhr mich damals mit seinem VW Golf ins Tessin runter. Zuvor hatte ich vor allem an Bergrennen teilgenommen. Deshalb hatte ich keine Ahnung, wie man sich in einem Feld verhält. Als ich dann mein etwa zehntes Rennen gewann, galt ich plötzlich als grosses Talent und als ungeschliffener Diamant.
Heute unvorstellbar: In Ihrer erst zweiten Profi-Saison 1984 gewannen Sie gleich die Tour de Suisse. Wie war so etwas möglich?
Auch für mich war es ein Rätsel, warum ich so schnell so gut wurde. Heute glaube ich, dass es dafür drei Gründe gab. Erstens: Ein gewisses Talent war offenbar vorhanden. Zweitens: mein Schulweg. Dass ich jeden Tag dieses Stützli hoch zu unserem Hof fahren musste, hat enorm viel gebracht. Und drittens: dieser Drang, mit dem Velo irgendwohin zu fahren. Das war damals fast schon eine Obsession von mir gewesen.
Ihr rasanter Aufstieg ging weiter: 1986 wurden Sie bei der Tour de France Gesamtdritter.
Das war natürlich unglaublich. Es war eigentlich das erste Jahr, in dem ich ein richtiger Rennfahrer war und auch so gelebt habe, mit Training und Essen. Vorher war ich quasi noch ein Amateur und ein Bauer. Und plötzlich war ich Dritter, hinter den legendären Greg LeMond und Bernard Hinault.
Apropos Hinault. Er sagte danach, dass Sie eigentlich in jenem Jahr der stärkste Fahrer im Feld waren. Hatte er recht?
Eine solche Aussage ehrt mich natürlich. Vor dieser Tour wusste niemand, was in mir steckt, auch ich nicht. Im Zeitfahren hatte ich damals noch Schwächen, doch wenn die Berge kamen, war ich entfesselt und unberechenbar.
LeMond und Hinault fuhren damals beide im gleichen Team. Und bei der entscheidenden Etappe hoch zur Alpe d’Huez sollen sie sich noch einen zusätzlichen Helfer aus einer anderen Mannschaft gekauft haben. Sie hingegen waren alleine.
Ich weiss nicht, ob diese Geschichte stimmt. Genauso verhält es sich mit einer, die ich erst vor etwa zwei Jahren gehört habe. Zwei Tage zuvor gab es eine Überführungsetappe nach Gap, in der sich das Feld geteilt hatte. Ich vorne mit Hinault und LeMond hinten. Offenbar sprach sich dann LeMond mit einer anderen Mannschaft ab, um Tempo zu bolzen, weil er hinten Panik bekam.
An der Siegerehrung auf den legendären Champs-Élysées waren auch Ihre Eltern anwesend. Stimmt es, dass Ihre Mutter Margrith da das erste Mal in ihrem Leben im Ausland war?
Ja, meine Eltern wussten vorher gar nicht richtig, was ein Velorennen ist. Sie hatte auch früher gar nie Zeit, um mich zu unterstützen. Doch einmal hatte meine Mutter Freude an meinem Beruf, als ich einen Naturalpreis gewann. Ich dachte zuerst, das sei ein Fernseher, doch dann war es ein Backofen. Ich schenkte ihn meiner Mutter. Später sagte sie mir mal, das sei 20 Jahre lang der beste Backofen gewesen, den sie je gehabt hätte.
Nach der Tour de France 1986 war für viele Experten klar: Zimmermann wird nun die nächsten Jahre prägen. Doch es kam anders. Was lief danach schief?
Eine gute, aber schwierige Frage. Nach meinem dritten Platz dachten viele, auch ich, ich könnte diese Tour auch mal gewinnen. So wurde aus einer Möglichkeit ein Ziel und eine Fixierung, von der ich nicht mehr loskam. 1987 hatte unser Team mit Stephen Roche und mir eine Doppelspitze. Er fuhr von Anfang an gut, ich hingegen geriet in eine Abwärtsspirale.
Die Rede war damals auch von gesundheitlichen Problemen.
Ob das psychisch oder physisch war, kann man nicht auseinanderdividieren. Ich dachte mir aber schon: Noch ein Kilöli runter und habe noch mehr trainiert.
Einer der Tiefpunkte kam dann während der Tour de France 1987, als Sie aufgaben.
Das war eine spezielle Erfahrung. Ich habe nicht gesagt, ich höre jetzt auf, ich hielt einfach an, wie in Trance. Und schon kam ein Funktionär, löste die Schliessguffen und nahm mir die Nummer weg. Schön vorgeführt von den TV-Kameras.
Nach Ihrem Karriereende sagten Sie: «Ich beendete meine Karriere mit dem Gefühl der Niederlage.» Ein brutaler Satz.
Der aber richtig ist. Die Tour de France 1986 war mein Höhepunkt. Danach versuchte ich während Jahren immer wieder, dort anzuschliessen. Es kamen zwar noch ein paar gute Sachen, aber eigentlich ging es danach nur noch runter.
Warum?
Diese Kräfte, die als Spitzensportler entfacht werden, muss man bändigen können. Doch ich war immer ein Einzelgänger. Ich hatte nie einen eigenen Trainer oder einen Manager. Alle Probleme landeten bei mir und ich wollte diese auch selber lösen. Ich bin auch dauernd gezügelt und mir fehlte ein stabiles Umfeld. Das ist halt meine Lebensgeschichte.
Sie hatten auch Probleme mit dem Essen. Waren Sie magersüchtig?
So weit würde ich nicht gehen. Aber ja, ich wurde damals Skelett genannt und ich hatte später gelegentlich richtige Fressattacken. Das ständige Abnehmenwollen hatte bestimmt etwas Zwanghaftes. Und entgegen den Fahrern von heute, die oft noch weniger Fettanteil haben, exponierte ich mich damals sehr. Ich glaube aber eher, dass mein Hauptproblem das Übertraining war und dass deshalb irgendwann der Körper und der Geist nicht mehr im Einklang waren.
Andere Fahrer halfen in schwierigen Situationen mit Doping nach. Und Sie?
Soweit ich weiss nicht.
Was heisst das?
Ich schliesse zu 99 Prozent aus, dass ich unwissentlich etwas verabreicht bekommen habe. Als ich 1985 ins italienische Carrera-Team kam, war dort ein junger Arzt. Er liess mich zwar in Ruhe, aber viele Jahre später musste er wegen Dopingvergehens vor Gericht antraben. Sagt Ihnen der Titel «Schlamm in den Adern» etwas?
Nein.
Das war im Juni 1991 der Titel eines Spiegel-Artikels. Darin wurde die Geschichte von Epo erzählt und einige ungeklärte Todesfälle im Radsport beschrieben. Im Text hiess es, das sei für den Radsport wie eine Atombombe. Jeder, der es ab diesem Zeitpunkt wissen wollte, wusste es, doch ich habe es einfach verdrängt und wollte damit nichts zu tun haben. Irgendwann explodierte dann diese Atombombe.
Auch bei Ihnen knallte es. Nach dem Karriereende fielen Sie in ein tiefes Loch.
Zwischen 1990 und 1992 brach alles zusammen. Die Beziehung zu meiner Freundin ging in die Brüche und der Radrennsport war auch weg. Dies hatte aber nichts mit der oben beschriebenen Bombe zu tun, sondern einzig und allein mit mir. Ich sass danach alleine in meinem leeren Haus. Es war das Einzige, was ich noch hatte, und dort habe ich mich eingesperrt. In jenen Jahren war mir alles zu viel. Und dann kam während eines ziemlich depressiven Winters plötzlich noch dieser Anruf eines Belgiers.
Was wollte der?
Er hatte eine Idee, wie man mit einem Schrägsattelvelo, wie er es nannte, viel schneller fahren kann. Alles wurde grundlegend in Frage gestellt. Er wollte, dass ich bei der Entwicklung mitmache und wieder Rennfahrer mit der Zielsetzung Tour de France werde. So kam ich irgendwie wieder in eine Manie rein und als Reaktion darauf in eine Depression. Während eines halben Jahres konnte ich mein Haus nicht mehr verlassen.
Wie fanden Sie wieder raus?
Irgendwann realisierte ich: Die Rennfahrerfigur musste sterben, damit ich als Mensch und Privatperson noch eine Chance sah. Oder noch martialischer formuliert: Ich musste töten, was vom Rennfahrer noch in mir war. Durch viel Lesen, Schreiben und Reflektieren ist mir das schliesslich gelungen. Dass ich daran nicht zerbrochen bin, macht mich rückblickend betrachtet schon ein bisschen stolz.
Ist der Rennfahrer in Ihnen wirklich gestorben?
(Lacht.) In dieser manisch-depressiven Phase ist mir das wirklich gelungen. Ich bin danach etwa 10 Jahre kaum mehr Velo gefahren. Doch seit 20 Jahren fahre ich wieder ziemlich angefressen Velo, aber auf eine gesunde Art und Weise.
Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Ich mache jeden Tag mit meinem Velo meine Runden und arbeite auch noch teilweise als Velokurier. Dazu lese ich noch heute viel und auch das Schreiben hat mich nicht mehr losgelassen. Ich versuche unter anderem schreiberisch herauszufinden, wieso ich immer noch versuche, in nur acht Minuten das Benkerjoch hochzufahren.
Was schreiben Sie sonst noch?
Das sage ich Ihnen jetzt noch nicht. Vielleicht werden Sie es aber irgendwann einmal schon mitbekommen, vielleicht aber auch nicht.