Leistungswunder Radprofi
Was braucht ein Fahrer, bis er Tour-Niveau hat?

Talent allein genügt nicht. Radprofis müssen mit Disziplin, Willen und hartem Training täglich an ihre Grenzen gehen.
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Radprofis sind viel leistungsfähiger als «Normalbürger».
Foto: Keystone
Von Hans-Peter Hildbrand aus Carcassonne

Was unterscheidet einen Radprofi von einem Bürolisten? Nichts – beide sitzen bei der Arbeit. Diesen schlechten Spruch hören die Fahrer hier an der Tour nicht gerne.

Sicher, der Bürostuhl ist gemütlicher. Auf einem harten und schmalen Rennsattel pedalt keiner eine Viertelstunde, wenn er es nicht trainiert hat.

Übermenschlich erscheinen die Leistungen der Radprofis während der Tour mit 3664 Kilometern. Vor allem für untrainierte Normalsterbliche, die auf dem Velo kaum einen Bahn-Übergang schaffen.

Wie schaffts einer zur Tour? In jedem Rennfahrer stecken Talent und jahrelanges, hartes Training. Es beginnt schon im Kopf. Anders als der Bürolist kann ein Radprofi fahren, bis die Seele jubelt.

Schuld daran sind Hormone und Botenstoffe im Körper. Durch die gleichmässige körperliche Belastung werden diese Glücksstoffe freigesetzt – Happy-Hormone, Endorphine, wie auch das Wachstumshormon Somatropin. Beide steigern die Leistungsfähigkeit und verströmen Glücksgefühle.

Reto Hollenstein (27) vom Schweizer IAM-Team trainiert zwischen 800 und 1000 Stunden im Jahr und hat 80 bis 100 Renntage. Pro Jahr pedalt er rund 35 000 Kilometer. Zum Vergleich: Durchschnittlich fährt ein Automobilist gerade mal 13 000 Kilometer im Jahr.

Das Herz eines durchtrainieren Profis wiegt mit 500 Gramm 200 Gramm mehr als das eines Büroangestellten. Pro Herzschlag pumpt es 150 Milliliter Blut durch die Arterien, fast doppelt so viel wie ein normales Herz. Profis können eine Stunde lang eine Dauerleistung von 400 bis 450 Watt erbringen, Normalos 170 Watt.

«Es ist der schönste Sport», sagt Fabian Cancellara (33). «Aber wohl auch der härteste. Er verlangt das ganze Jahr Konsequenz. Wir Radprofis müssen auf viel verzichten – Hunger ist unser ständiger Begleiter.»

Kaum zu glauben, wenn ein Radprofi pro Jahr rund 460 Kilo Teigwaren verschlingt, 2000 Liter trinkt und theoratisch umgerechnet 122 000 Milky Ways isst – bei 4000 Kalorien pro Tag (2000 für Otto Normalverbraucher).

Und doch hat der Radprofi nur einen Körperfettanteil von etwa 6 Prozent, ein Normalbürger hat zwischen 15 und 20 Prozent Fettanteil. Canellara: «Wenn ich nicht aufpasse, habe ich im Winter schnell fünf Kilos mehr auf den Rippen. Die abzutrainieren, davor graut mir schon, nur wenn ich daran denke.»

Also hungert Cancellara auch im Winter. Wohlwissend: Nur Verzicht bringt Siege.

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