Darum gehts
- Jan Ullrich (52) spricht offen über Depression, Drogen und seinen Neubeginn
- Er wählte bewusst das Leben und akzeptierte professionelle Hilfe
- 1997 gewann Ullrich die Tour de France als bisher einziger Deutscher
Er galt als eines der grössten Radtalente überhaupt – und stürzte so tief wie kaum ein anderer Athlet: Jan Ullrich (52) ist der bislang einzige Deutsche, der die Tour de France gewonnen hat. 1997 triumphierte er bei der wichtigsten Rundfahrt. Dazu kommen Olympiagold und -silber 2000, der Sieg bei der Vuelta 1999 sowie zwei Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren. Fünfmal wurde Ullrich bei der Tour Zweiter.
Nach dem Ende seiner Karriere und dem Dopingskandal 2006 mit fristloser Kündigung begann für Jan Ullrich der schleichende Absturz. Über Jahre kämpfte Ullrich mit Depressionen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. In der aktuellen Folge des Podcasts «Pizza & Pommes» mit Ex-Skifahrer Felix Neureuther (42) und Reporter Philipp Nagel spricht er offen über diese Zeit und seinen Weg zurück ins Leben.
«Ich habe viele Jahre gehabt, in denen es mir nicht gut ging und ich kein gutes Vorbild für meine Kinder war», sagt Ullrich. Entscheidend sei für ihn gewesen, Hilfe anzunehmen. Als Leistungssportler habe er gelernt, niemals aufzugeben und keine Schwäche zu zeigen. «Du bist ein Champion, du kannst das selbst», beschreibt er diese Haltung. Genau das habe es ihm lange schwer gemacht, Unterstützung zuzulassen.
Die Rolle als Vater und Sport als Antrieb
Seinen Tiefpunkt beschreibt Ullrich als eine Gabelung: «Links gehen bedeutet, aus dem Leben zu scheiden, und rechts den Versuch, nochmals ins Leben zurückzukommen. Es ging nicht mehr geradeaus, nur noch links oder rechts.» Er habe sich schliesslich «fürs Leben entschieden». Dann habe es «Klick gemacht». Er sei bereit gewesen, Hilfe anzunehmen und zu kämpfen.
Auch seine Kinder wurden zu einem wichtigen Antrieb. «Was bin ich für ein Vater? Ich muss eigentlich ein Vorbild sein», habe er sich gefragt. Ullrich beschreibt seinen Weg zurück als schleichenden Prozess mit besseren und schlechteren Monaten. Der Alkohol habe dabei vor allem zum Betäuben gedient. «Die richtige Krankheit war die Depression», sagt er.
Auch der Sport half ihm. «Sport war mein Werkzeug», sagt Ullrich. Bewegung habe ihm geholfen, den Kopf freizubekommen und wieder Struktur in sein Leben zu bringen. Schwieriger als der körperliche Entzug sei für ihn die mentale Herausforderung gewesen, nicht rückfällig zu werden. Heute will Ullrich mit seiner Geschichte anderen Menschen helfen. «Menschen zu helfen, ist ein Sieg», sagt er. Er habe selbst gern gesehen, wie Vorbilder ihre Probleme überwinden.
«Heute fühle ich mich reich», sagt Ullrich. Er habe viel Schlechtes und viel Gutes erlebt, und all das habe sein Leben geprägt. Heute fühle sich das Leben für ihn wieder leicht an: «Ich kann alles selbst entscheiden.»