Darum gehts
- Stefan Küng (32) verpasste Paris–Roubaix nach schwerem Sturz im Februar
- Bruch am Oberschenkel: Zwei Schrauben, längste Pause seiner Karriere
- Tour de Suisse ausgeschlossen, Ziel bleibt WM im September 2026
Hart, rutschig, uneben, gefährlich: Kopfsteinpflaster. Pavés. Wer mit dem Rennvelo unterwegs ist, meidet sie. Oder hasst sie, wenn er drübermuss. Nicht so Stefan Küng (32). Für den Thurgauer bedeuten die Kopfsteinpflaster die Welt. Seit 2015 verpasste er kein Paris–Roubaix. Das brutalste Eintagesrennen: 55 Kilometer Kopfsteinpflaster.
Küng wurde in der «Hölle des Nordens» Dritter (2022) und zweimal Fünfter (2023, 2024). Er erlitt auch Rückschläge. 2017 überrollte ein Auto seinen Arm, als er am Boden lag. 2018 brach er den Unterkiefer, ernährte sich tagelang durch den Strohhalm. Seine Liebe blieb. «Das schönste Rennen der Welt. Für mich so viel wert wie ein WM-Titel», sagt er.
Diesmal fehlte Küng. Statt über Ackerstrassen zu jagen, sass er auf dem Sofa. Fernsehen statt Pedalen. «Sechs Wochen nach dem Sturz tat es weniger weh, zuzuschauen. Ich habe mich damit abgefunden.»
Im Februar stürzte er auf Pavés. Nass? Schmutzig? Unklar. Alles ging blitzschnell, TV-Bilder fehlen. «Es ging so schnell, das Rad rutschte weg, ich lag am Boden», so Küng. Beim belgischen Klassiker Omloop Het Nieuwsblad wollte er sich für Paris–Roubaix in Form bringen, landete im Spital. Die Diagnose: Bruch am oberen linken Oberschenkelknochen. Zwei Schrauben, lange Pause. «Als ich nach dem Sturz aufstand, konnte ich das Bein nicht richtig belasten. Beim Einsteigen ins Teamauto merkte ich: Da ist etwas Gröberes kaputt.»
So viel Zeit hatte Papi im Frühling noch nie
Einige Tage nach Paris–Roubaix wirkt Küng gefasst. «Es geht aufwärts.» Die Krücken sind endlich weg. «Aber bis ich wieder richtig trainieren kann, wird es Ende Mai. Erst dann kann ich voll belasten, auch wieder aus dem Sattel gehen und sprinten.» Es ist die längste Pause seiner Profikarriere. Die Tour de Suisse im Juni? Keine Chance. Die Tour de France im Juli? Schwierig. Die WM im September? Ein Ziel.
Küng schuftet Tag für Tag. «Ich muss ihn eher bremsen als antreiben», sagt Physiotherapeut Tobias Hollenstein. «Es ist entscheidend, in dieser Phase nicht stark zu belasten – sonst kann etwas kaputtgehen.» Küng weiss, dass ihm alle nur Gutes wollen. Auch die Spitzenschwinger rund um Werner Schlegel (23), die gemeinsam im Physiodrom von Uzwil SG schuften. Ein Spruch hier, eine Anekdote dort, Gespräche bei der Kaffeepause. «Nach der Operation war ich extrem frustriert, leer. Es tut gut, dass die Jungs hier sind.»
Allein war Küng auch vorher nicht. Oder: selten. Neben Freunden ist die Familie eine riesige Stütze. «Ich lag zwei Wochen im Bett und auf dem Sofa, konnte kaum aufstehen.» Ehefrau Céline schmiss den Haushalt. Sohn Noé (4) genoss die Zeit: Lego, Geschichten. So viel Zeit war sein Papi im Frühling noch nie daheim. Rémi (9 Monate) lag zufrieden daneben. «Ohne sie wäre es zäh geworden», sagt Küng.
Küng klagt nicht. Sein Team Tudor Pro Cycling stützt ihn. Chef Fabian Cancellara (45) sagte nach dem Crash: «Nimm dir die Zeit. Wir denken langfristig.» Das bedeutete viel.
Ein Bruchpilot? Küng: «Bei anderen fällt es weniger auf»
Doch da ist noch etwas. Was? Die Stimmen, dass Küng ein Bruchpilot sei. Er hat sie während seiner Karriere auch vernommen. «Sie kommen aber immer von Menschen, die weit weg vom Geschehen sind. Ich bin nicht aussergewöhnlich oft hingefallen, aber einige dieser Stürze hatten schwerwiegende Folgen.» Andere Fahrer gingen häufiger zu Boden, so Küng. «Doch bei ihnen fällt es weniger auf, weil sie nicht so stark im Rampenlicht sind.»
Hat er sich die Frage gestellt, warum dies so ist? «Klar. Aber eine Antwort gibt es nicht. Ich beherrsche mein Velo. Es ist wohl einfach Pech.» Trotzdem: Der letzte Crash wäre vermeidbar gewesen. Küng gibt zu: «Ich war vor dem Rennen erkältet, fühlte mich nicht in Bestform. Rückblickend wäre es vielleicht besser gewesen, nicht zu fahren. Aber ich wollte unbedingt. Ich habe es mit dem Mannschaftsarzt besprochen und mich für den Start entschieden. Im Nachhinein sicher ein Fehler. Aber so ticke ich, bin ehrgeizig. Vielleicht habe ich es auch deswegen an die Weltspitze geschafft.»
Tatsächlich fuhr Küng schon öfters nach Stürzen weiter. In Erinnerung bleibt das EM-Zeitfahren 2023 in Drenthe (Ho), als er nach einem Sturz blutüberströmt über die Ziellinie fuhr – mit kaputtem Helm, einer Gehirnerschütterung und Brüchen an Jochbein und Hand.
Sprachtalent Küng lernt jetzt Spanisch
Zurück in der Ostschweiz. Nach Therapie und Massage bringt ihn SonntagsBlick zurück nach Frauenfeld TG. «Das Garagentor braucht eine Revision», sagt er, als wir davor anhalten. Pause macht er nicht.
Im Keller steigt der 1,92-Meter-Profi aufs Velo, auf die Rolle. Und erzählt: «Ich habe nach der Operation angefangen, Spanisch zu lernen. Célines Schwester wohnt in Mexiko, im November fliegen wir zur Hochzeit dorthin. Ich nehme Online-Unterricht und büffle auf Duolingo. Das macht Spass.» Küng spricht bereits fliessend Englisch, Französisch und Italienisch.
Mexiko ist aber noch weit. Und die Saison nicht lange verloren. «Ich habe noch viel vor», sagt Küng – und tritt weiter.