Der schöne Mario
Ein Cappuccino mit Sprintrakete Cipollini

Auf einen Cappuccino mit der ehemaligen Sprintrakete Mario Cipollini. Die Kolumne von Felix Bingesser.
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Mario Cipollini (links) mit Blick-Kolumnist Felix Bingesser.
Foto: Zvg
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Felix BingesserReporter Sport

Auf der Piazza im mondänen Forte dei Marmi sind die Vorboten des Sommers eingezogen. Das Leben pulsiert, der Kaffee an der Sonne, gepaart mit gestenreichem Palaver, ist wieder tägliches Ritual. Viele kommen auf zwei Rädern. Das Velo gehört zum Bild der ganzen Region an der ligurischen Küste.

Einer, der hier täglich auftaucht und zum Stadtbild gehört wie der Gucci-Laden und der Armani-Shop, ist Mario Cipollini. Auch an diesem prächtigen Tag im April kommt er angeradelt. Er stellt sein Rad der Eigenmarke Cipollini (4000 im Jahr werden davon verkauft) ab. Und bestellt in der Bar Giardino seinen Cappuccino.

Cipollini ist ein italienischer Held der Landstrasse. Eine Sportikone. Der Modellathlet war einst der beste Sprinter der Welt. Seine 42 Etappensiege beim Giro d’Italia sind phänomenal und bis heute unerreicht. 2002 wird er im Alter von 35 Jahren Weltmeister. Im Sprint. Vor seinen ewigen Rivalen Robbie McEwen und Erik Zabel.

Der schöne Mario setzt sich an den Tisch und erzählt. Unterbrechen lässt er sich nur vom weiblichen Geschlecht. Ein Winken da, ein Küsschen dort. Wenn eine Bekannte mit dem Einkaufskörbchen vorbeiradelt, springt er auch mal auf. Die Sonnenbrille im Haar ist Programm. Er besitzt 180 Anzüge, 700 Hemden und 400 Paar Schuhe. 

Und er hat auch heute noch kein Gramm Fett auf den Rippen. «Früher bin ich 45’000 Kilometer im Jahr gefahren. Heute sind es nur noch 25’000», sagt er. Er startet jeweils am Morgen in seinem Dorf bei Lucca, wo der Vater zweier Töchter allein lebt. 

Vor zwei Jahren ist er bei den Senioren in der Kategorie ab 55 Jahren in Dänemark Weltmeister geworden. «Da habe ich im Zeitfahren während 44 Minuten 408 Watt geschafft.» 2019 musste er sich einer fünfstündigen Herzoperation unterziehen. Im vergangenen Jahr wurde ihm ein Defibrillator eingesetzt. Ob die Symptome Spätfolgen einer Ära waren, in der das Doping den Radsport in Geiselhaft genommen hat, weiss man nicht. 

Aber Velofahren geht immer. «Ich kann meine Beine nicht ruhig halten.» Auch im Winter nicht. In dieser Jahreszeit lebt er in seinem Haus in den Dolomiten. «Ich bin jeden Tag der Erste, der auf der Piste ist.» Vor einigen Jahren hat ihn die Skifirma Atomic aufgrund seiner phänomenalen Oberschenkelmuskulatur als Testfahrer verpflichtet. 

Cipollini erinnert sich auch gerne an Urs Freuler. Die Glarner Sprintrakete stand ihm bei der ersten Giro-Teilnahme in zwei Sprints vor der Sonne. Auch bei der Tour de Romandie war er oft dabei. «Das war die perfekte Vorbereitung für den Giro.»

Er erzählt, wie er seinen Freund Marco Pantani vermisst. Pantani wurde im Alter von 34 Jahren mit einer Überdosis Kokain tot in einem Hotelzimmer gefunden. «Ich wollte ihn in mein Team holen. Ich wollte ihn retten. Es gelang nicht.» Auch bei Cipollini lief nicht immer alles rund. Er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Und wegen häuslicher Gewalt verurteilt. 

Und dann spricht Cipollini auch über den derzeitigen Überflieger Tadej Pogacar. «Dass in der heutigen Zeit der Spezialisierung einer alle Rundfahrten gewinnt und gleichzeitig Leute wie Van der Poel und Van Aert auch in Eintagesrennen besiegt, zeigt, dass er ein Ausserirdischer ist.»

Geht da alles mit rechten Dingen zu? Bei dieser Frage wird Cipollini wortkarg. Wer im Glashaus sitzt, wirft nicht mit Steinen. Der wirft den Damen lieber Kusshändchen zu. 

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