Die Organisatoren der Tour de France haben sich das Feuerwerk zum Schluss aufgespart. Zweimal hinauf auf Alpe d'Huez. Am Freitag über die legendäre Rampe mit ihren 21 Kehren, die alle früheren Siegern gewidmet sind und belagert wurden von einer halben Million heissblütigen Radfans. Und am Samstag noch extremer: Die Strecke führte zuerst über den Col de la Croix de Fer, den Télégraphe und den Galibier, das Dach der Tour, bevor es im Schlussanstieg über den Col de Sarenne erneut nach Alpe d’Huez hochging.
Das grosse Crescendo der Tour. Zwei schrecklich harte Tage und auf dem Papier die Chance für die Herausforderer, den Mann in Gelb noch ein letztes Mal anzugreifen, das Klassement auf den Kopf zu stellen, den Spannungsbogen noch mal voll anzuziehen.
Ein schöner Plan, pfiffig inszeniert. Doch so spannend er sich anhört, so wenig funktionierte er. Zu dominant zeigte sich Tadej Pogacar an diesen beiden Tagen, an dieser ganzen Tour, dass es geradezu beängstigend wirkt. Keiner seiner Gegner schien ernsthaft daran zu glauben, dass gegen diesen Überfahrer etwas auszurichten ist. Auch ein gemeiner Virus im UAE Team Emirates, das in den letzten Tour-Tagen einen Helfer nach dem anderen schwächte, flachlegte, gar zur Aufgabe zwang, konnte Pogacar nichts anhaben. Der Chef blieb resistent und zeigte allen den Meister.
Gegner blieb nur das Staunen
Am Freitag flog er hinauf nach Alpe d'Huez, als gäbe es nichts Leichteres. Diesen Sieg auf dem Legendenberg wollte er unbedingt, denn der fehlte noch auf seiner Visitenkarte. Pogacar bahnte sich in stetigem Schnelltritt enge Korridore durch die Massen von Fans, die sich wie Mauern vor ihm auftürmten. Am Ende erledigte er alle Fahrer der Ausreissergruppe, von denen sich die schnellsten bereits den Sieg ausmalten. Einer nach dem anderen liess er wie Schnecken stehen. Ihnen blieb nur das Staunen.
Nie fuhr ein Mensch auf dem Rad schneller den 13,8 km langen Anstieg hinauf als der Slowene. Der für ewig befundene Rekord von Marco Pantani aus dem Jahr 1995, den Hochzeiten des EPO-Dopings? Gnadenlos wegradiert! Aber Rekorde interessieren Pogacar offenbar nicht. Sein Manager Alex Carera sagt: «Er möchte für das, was er tut und wie er es tut, in Erinnerung bleiben, und nicht nur für einfache Rekorde.»
Und am Samstag? Da fuhr Pogacar wieder ohne Probleme die Berge hoch und verrichtete vor allem Helferdienste für seinen Teamkollegen Isaac del Toro, damit dieser Platz 3 und damit das Podium verteidigen kann. Auch dieser Plan ist aufgegangen. Pogacar, der auch locker um den Sieg hätte mitfahren können, überliess den Triumph auf Alpe d'Huez dieses Mal dem tapferen Ecuadorianer Richard Carapaz.
Spielend locker die Berge hoch
Wie diese Tour ausgeht, konnte man schon während der sechsten Etappe erahnen. Da attackierte der 27-jährige Slowene fünf Kilometer vor dem Gipfel des Col du Tourmalet, einem 17,1 Kilometer langen Anstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von 7 Prozent, und nahm Jonas Vingegaard, seinem vermeintlich härtesten Widersacher, spielend über zweieinhalb Minuten ab. Es war bereits der zweite Sieg an dieser Tour für Pogacar, drei weitere kamen später dazu.
«So etwas habe ich noch nie gesehen», analysierte der langjährige Profi und SRF-Kommentator Sven Montgomery (50) im Blick. «Ich kann mich an keinen anderen Fahrer erinnern, der einfach dann attackiert, wenn er Lust hat, und niemand kann folgen.» Diese Dominanz, für die einen ist sie langweilig, für die anderen beeindruckend, wirft Fragen auf. Wie ist dieses Immerschneller überhaupt möglich?
Die Jäger kamen in der Nacht
Einige Rekorde der Tour wurden pulverisiert. In der 11. Etappe, die über 161 km von Vichy nach Nevers führte, lag die Durchschnittsgeschwindigkeit am Ende bei 50,91 km/h. Jeder Hobbygümmeler bekommt Schweisshände bei dieser Vorstellung. Doch Fakt ist, trotz nächtlichen Dopingkontrollen, die bei den Fahrern gar nicht gut ankamen, gab es offiziell keinen Dopingfall bei dieser Tour, was die Zweifler kaum überzeugen wird. Vingegaard wurde nachts um zwei Uhr geweckt und zur Kontrolle geleitet, Stunden später stürzte er und brach sich das Schlüsselbein. Pogacar durfte immerhin bis fünf in der Früh schlafen, bis die Dopingjäger auch bei ihm erschienen – und nichts Verdächtiges fanden.
Diese Nacht- und Nebelaktionen dienten der Glaubwürdigkeit dieser von dunklen Dopingjahren gebeutelten Sportart, sagen die einen. «Eine Frechheit», «fehlender Respekt gegenüber den Fahrern», gar ein «Verstoss gegen die Menschenrechte», sagen andere wie Lance Armstrong, der bekannteste Dopingsünder der Radgeschichte mit sieben nachträglich aberkannten Tour-Siegen. Allerdings stellt der Amerikaner zurecht die Frage, was es für ein Aufschrei gäbe, würden die Jäger Fussballer Lionel Messi in der Nacht vor einem WM-Finalspiel um zwei Uhr wecken und zum Dopingtest auffordern.
Die Hitze als zentrales Problem
Was nehmen wir sonst noch mit von dieser 113. Ausgabe der Tour? Die schönen Bilder. Die enthusiastischen Fanmassen am Strassenrand, welche die Fahrer im euphorischen Spalier die Berge hochtragen. Wie jedes Jahr bekamen wir auch Auskunft über Weinanbaugebiete, lernten Namen von Schlössern, Käsesorten und die Geschichte von Städtchen kennen. Wir bemerkten auch die vertrockneten Wiesen – verdorrtes Braungelb statt sattes Grün. Die Hitze macht den Bauern zu schaffen wie auch den Fahrern. In Frankreich wurden diesen Sommer Hitzerekorde gebrochen, oft zeigte das Thermometer über 40 Grad an. Die französischen Gesundheitsbehörden meldeten unter der Woche, dass die Hitze bisher 5764 Menschen das Leben gekostet habe.
Dieses Problem ist längst auch für den Radsport zu einem zentralen geworden, das die Vorbereitung zu einer solchen Tour massgeblich verändert. So wird schon mal in nichtgekühlten Räumen mit Winterkleidern trainiert, um die Fahrer an die Temperaturen zu gewöhnen. Man muss sich vorstellen, dass sich die Körper bei Hitzeetappen auf über 38 Grad erwärmen können. Jeder, der schon mal Fieber hatte, weiss wie sich das anfühlt, auch ohne Anstrengung.
Muss die Tour verlegt werden?
Es braucht neue Strategien. Sportliche Höchstleistungen bei solchen Temperaturen überlasten das körpereigene Kühlsystem des Menschen. Die Fahrer schliefen darum nachts unter extra gekühlten Bettdecken. Sie legten sich während der Rennen mit Eiswürfeln gefüllte Socken in den Nacken und tankten teils mehr als 15 Liter Wasser oder Elektrolytgetränke. Im Ziel waren sie trotzdem dehydriert. Die neunte Etappe wurde an dieser Tour wegen der akuten Hitze um 30 Kilometer verkürzt und es gibt weitere Vorschläge: etwa die Tour-Etappen zeitlich anzupassen, gar eine Verlegung in eine andere Jahreszeit ins Auge zu fassen.
Für die TV-Stationen, die täglich mehrere Stunden über die Tour live berichten, gab es also trotz der ausgebliebenen Spannung im Kampf um das Gelbe Trikot, genug Themen, um die gestreckte Zeit zu füllen, um die Zuschauer stets gut zu unterhalten, was die hohe Kunst des TV-Journalismus' ist. Die ARD musste am vergangenen Dienstag den Sturz und Ausfall von Florian Lipowitz kommentieren, des Tour-Dritten des Vorjahres, der grossen und einzigen deutschen Hoffnung. Es klang wie ein nationales Drama in mehreren Akten.
Grandioser Mauro Schmid
SRF konnte dagegen endlich wieder einmal laut jubeln, dank Mauro Schmid vom Team Jayco AlUla. Sechs Jahre nach Marc Hirschi stand erstmals wieder ein Schweizer zuoberst auf dem Tour-Podest. Der 26-jährige Bülacher feierte in der 13. Etappe von Dole nach Belfort den bisher grössten Sieg seiner Karriere. Schmid bestätigte seinen Exploit in den Tagen danach, als er jeweils die 17. und die 18. Etappe als phönomenaler Zweiter beendete. Man kann diesen Erfolg aus Schweizer Sicht nicht hoch genug einschätzen.
Ebenso beeindruckend ist, dass Yannis Voisard vom Schweizer Team Tudor sich vor der Schlussetappe auf Gesamtrang 11 befindet. Bis am Donnerstag befand er sich noch in den Top-10. Der Kletterspezialist aus dem Jura, der sein Tour-de-France-Debüt mit Bravour bestanden hat, feiert am Sonntag seinen 28. Geburtstag. Ein doppelter Freudentag nach all den Strapazen.
Verkürzte Etappe nach Paris
Morgen geht es nach Paris, die letzte Etappe, der letzte Effort, die letzten Reserven, die angezapft werden müssen. Wie 2025 überqueren die Fahrer dreimal das hügelige Viertel Montmartre mit der weltbekannten Basilika als Höhepunkt. Letztes Jahr kämpfte Pogacar bis zum Schluss, musste sich da jedoch dem Belgier Wout van Aert geschlagen geben. Wird er auch dieses Mal wieder für den Etappensieg fahren? Statt über 133 Kilometer wird die Etappe auf 89 Kilometer verkürzt und findet nur in Paris statt. Grund dafür ist der Mangel an Einsatzkräften aufgrund der Waldbrände in der Region um Bordeaux.
Die Unterschrift unter sein neustes Meisterwerk wird Pogacar in Paris sowieso setzen. Mit seinem insgesamt fünften Tour-Sieg nach 2020, 21, 24 und 25 schliesst er auf in den Kreis der Erlauchten, zu Miguel Indurain (Sp/1991-1995), Bernard Hinault (Fr/1978/79,81,82,85), Eddy Merckx (Be/1969-72,74) und Jacques Anquetil (Fr/1957,1961-64).
Dass es Pogacar künftig ruhiger angehen lässt, kann sich keiner vorstellen und wagt kein Konkurrent zu hoffen. Der Tour-Hunger des Slowenen ist längst nicht gestillt. Wie sagte er nach seinem Husarenritt auf Alpe d'Huez am Freitagabend? «Es gibt nicht mehr viele, die mit mir mithalten können.» Das war pure Tiefstapelei des Triumphators. An ihm kommt so schnell keiner vorbei. Auch wir Zuschauer nicht.