Robin Cuche (27) steht auf. Ihm ist es ein Bedürfnis, ein paar Worte an die Gäste im House of Switzerland in Cortina d’Ampezzo zu richten. Er verzichtet auf eine ausufernde Rede, sondern bedankt sich bei den Menschen, die ihn unterstützen. Der 27-Jährige aus Saules NE im Val-de-Ruz ist die grosse Schweizer Figur bei den Paralympics Milano Cortina 2026. Am ersten Wettkampftag gewinnt er die Abfahrt souverän.
Das löst intensive Emotionen aus. Tränen fliessen, immer und immer wieder. «Egal, was noch kommt: Diese Winterspiele sind jetzt schon ein Erfolg», sagt er. Zwei Tage später startet der Neuenburger im Super-G, schüttelt im Ziel den Kopf, weil er sich ärgert. Eine Stelle hat er nicht sauber erwischt, aber das fällt nicht ins Gewicht. Cuche ist wieder schneller als alle anderen – und krönt sich zum Doppel-Paralympics-Gewinner.
Robin Cuche trägt einen berühmten Familiennamen. Wird über ihn berichtet, fehlt selten ein Hinweis darauf, dass er ein Neffe der Schweizer Skilegende Didier Cuche (51) ist. Doch Robins Geschichte begann woanders. Mehr als zwei Monate zu früh kam er auf die Welt. Ein Mangel an Blutfluss in der linken Gehirnhälfte hinterliess Folgen auf der rechten Seite seines Körpers. «Die Ärzte sagten meinen Eltern, dass ich wahrscheinlich nie Ski fahren könne und dass sie schon froh sein müssten, wenn ich eines Tages gehen kann», erzählt er.
Fussballverrückt
Doch Cuche widerlegte alle Prognosen – und fährt nun die Pisten von Cortina d’Ampezzo hinunter: Abfahrt, Super-G, Alpine Kombination, Riesenslalom und Slalom. Von der Lähmung liess er sich nicht aufhalten und scheute sich nicht vor Duellen mit Kindern ohne körperliche Beeinträchtigung. Der fussballbegeisterte Robin kickte als Junior beim FC Dombresson, ist grosser Fan von Manchester United und vor allem beeindruckt von Wayne Rooney.
Mit 15 schon bei Paralympics
Ski fahren ist bei Cuches aber stets präsent. Auch Bruder Rémi (25) ist Skirennfahrer – auf dem Sprung in den Weltcup erlitt er 2024 jedoch in Kitzbühel einen Kreuzbandriss. Robin nahm als Sechsjähriger erstmals an Rennen teil. Das Talent wurde gefördert – und 2014 von Swiss Paralympics für die Winterspiele in Sotschi selektioniert. Cuche vom Skiclub Chasseral Dombresson war damals gerade 15 Jahre alt. Christof Baer, Präsident des Stiftungsrats von Swiss Paralympic, erinnert sich an die damaligen Diskussionen. «Am Ende waren wir überzeugt, ihm mit einem Aufgebot zu signalisieren: Wir glauben an dich. Der Entscheid hat sich als absolut richtig herausgestellt.»
Cuche sammelte erste Erfahrungen, zählte 2018 in Pyeongchang erneut zur Delegation, eroberte 2022 in Peking zwei Diplome – und setzte seinen Steigerungslauf fort. Er gewann fünf WM-Medaillen und schloss die vergangene Weltcupsaison zum vierten Mal in Folge als bester Abfahrer ab. «Für den Para-Sport hat er beste Werbung gemacht», lobt Christof Baer. Auch seine Eltern sind glücklich für ihn. «Er war stets ein Kämpfer», sagt Vater Alain (57). «Er hat alles versucht, um besser zu werden.» Mutter Sandra (55) fügt an: «Er hat einen Weg hinter sich, der nicht einfach war. Das macht die zwei Goldmedaillen so speziell.» Robin schätzt es enorm, dass seine Familie und seine Freunde vor Ort sind: «Dieser Support gibt zusätzlich Kraft.»
Golfklub-Arbeit
Im Winter ist er zwar als Profi unterwegs, aber reich wird er durch den Sport nicht. Im Sommer arbeitet er in einem 40-Prozent-Pensum als kaufmännischer Angestellter im Golf & Country Club Neuchâtel in Saint-Blaise. Wenn es die Agenda erlaubt, bricht er gern selbst zu einer Runde auf. Robin Cuche hat als Athlet noch einige Jahre vor sich. Der Hunger hat nie nachgelassen, das zeigt sich jetzt in Cortina. Der Überflieger verabschiedet sich kurz nach 20 Uhr aus dem House of Switzerland. «Weiter gehts», sagt er – bereit für die nächsten Rennen.
Mitarbeit: Peter Birrer