Medaillenregen – 21 Jahre nach Bormio-Tiefpunkt
Wer hinter der glorreichen Schweizer Ski-Wende steckt

2005 hat Swiss-Ski bei der WM in Bormio keine einzige Medaille gewonnen. Nun haben unsere Alpin-Herren an gleicher Stätte mit acht Medaillen Österreichs Olympia-Rekord egalisiert. Blick erinnert an die wichtigsten Eckpunkte, die zu dieser glorreichen Wende führten.
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Marcel W. PerrenSki-Reporter

Das geniale Konzept von Pirmin Zurbriggen

Obwohl er erst 27 war, als er seine Rennfahrer-Laufbahn beendete, hat der mittlerweile 63-jährige Zurbriggen wie Marco Odermatt viermal den Gesamtweltcup (40 Einzelsiege) gewonnen. Ein Glanzstück hat der Abfahrts-Olympiasieger von 1988 auch als Funktionär vollbracht. Zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident von «Ski Valais» musste Zurbriggen 2004 zur Kenntnis nehmen, dass junge Talente aus dem Wallis in der Heimat nicht genug gut gefördert werden. Deshalb hat der Fiescher Daniel Albrecht das Skigymnasium im österreichischen Stams besucht.

Damit die einheimischen Kinder nicht länger ins Tirol übersiedeln müssen, um Ausbildung und Sport optimal unter einen Hut zu bringen, hat der vierfache Weltmeister gemeinsam mit seinem Zermatter Kumpel Alain Kronig die Strukturen stark verändert. Zuerst wurde der zweisprachige Ski-Kanton in zehn Stützpunkte aufgeteilt. Jeder Stützpunkt hat einen professionellen Trainer erhalten. Zudem war Zurbriggen massgeblich an der Entwicklung des Leitbilds am Nationalen Leistungszentrum in Brig beteiligt.

Dass Zurbriggens System perfekt funktioniert, hat sich zuletzt in Bormio bestätigt: Die beiden Olympiasieger Loïc Meillard und Tanguy Nef wurden am Leistungszentrum in Brig «geschliffen». Und noch etwas: Bevor Marco Odermatts Vater Walti in Nidwalden zusammen mit Reto Schmidigers Papa Paul ein vergleichbares Konzept umsetzte, hat sich Odermatt-Senior in Zermatt von Zurbriggen beraten lassen.

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Tiefpunkt: Bei der Ski-WM 2005 in Bormio (im Bild Bruno Kernen) gab es für die Schweiz keine einzige Medaille.
Foto: THO

Der Amtsantritt von Urs Lehmann

Als der Abfahrtsweltmeister von 1993 im Sommer 2008 zum neuen Swiss-Ski-Präsidenten gewählt wurde, hatte der Verband gravierende finanzielle Schwierigkeiten. Doch der Aargauer mit dem Doktortitel in der Betriebswirtschaft hat Swiss-Ski in kurzer Zeit zu einem florierenden Unternehmen entwickelt. Heute beträgt das Verbandsbudget 73 Millionen Franken, rund 30 Millionen stehen den Alpinen zu. Keine andere Alpin-Nation hat mehr Kohle zur Verfügung!

Nach einigen Flop-Zuzügen für den Posten des Direktors und Alpinchefs im ersten Drittel seiner Amtszeit hat Lehmann auch einen sehr guten Riecher bei der Personalwahl entwickelt. Seit der 56-Jährige im letzten Sommer als CEO zum Internationalen Ski-Verband gewechselt ist, präsidiert Lehmanns ehemaliger Co-Präsident Peter Barandun Swiss-Ski erfolgreich im Alleingang.

Die Verpflichtung von Tom Stauffer

Nachdem der gebürtige Berner Oberländer als US-Coach die blutjunge Lindsey Vonn an die Weltspitze führte, feierte er grosse Erfolge als Übungsleiter in Schweden (Anja Pärson und Jens Byggmark) sowie in Deutschland (Maria Riesch und Viktoria Rebensburg). Seit 2014 ist der diplomierte Bauingenieur bei Swiss-Ski Herrencheftrainer. Stauffer verkörpert eine Mischung aus einem genialen Strategen und einem harten Arbeiter, der für seine Athleten meistens auch nach Mitternacht telefonisch erreichbar ist.

Top sind auch Stauffers Disziplinen-Chefs: Riesenslalom-Chef Helmut Krug hat aus Marco Odermatt den besten Skirennfahrer der Gegenwart geformt. Und dank des gebürtigen Österreichers Krug stehen die Schweizer auch im grandiosen Ski-Trainingszentrum auf der österreichischen Reiteralm in der Pole-Position. Abfahrts-Boss Reto Nydegger hat vor seiner Rückkehr in die Schweiz als Norwegen-Coach Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud noch besser gemacht und dank des in Italien gross gewordenen Meillard-Trainers Matteo Joris feiern wir nun auch in der einstigen Sorgen-Disziplin Slalom grosse Erfolge. Nicht zu vergessen: Im Europacup-Team besitzen die Schweizer mit Ex-Abfahrtsweltmeister Franz Heinzer (63) den wohl weltbesten Ausbildner im Speed-Bereich.

Die Messlatte von Marco Odermatt

Es gibt in der Ski-Welt keinen besseren Trainingsgradmesser als der 28-jährige Nidwaldner. Egal, ob auf der Skipiste oder im Kraftraum – Odermatt agiert seit rund sechs Jahren in jedem Training auf höchstem Niveau. Damit treibt er auch seine Teamkollegen zu Höchstleistungen an. Odermatt kümmert sich aber auch um die Kameraden, denen es nicht so gut läuft. «Nach meinem missglückten Auftritt im Slalom der Olympia-Team-Kombination war ich total niedergeschlagen. Marco hat mich danach wieder aufgerichtet», erzählt der Walliser Daniel Yule (32, 7 Weltcupsiege).

Der Zermatt-Coup von Walter Reusser

Der Emmentaler Walter Reusser und der Bündner Diego Züger teilen sich höchst erfolgreich den CEO-Posten. Züger gilt als Marketing-Genie, Reusser ist als ehemaliger Trainer und Stöckli-Rennchef federführend im sportlichen Bereich. Im letzten Jahr hat Reusser Swiss-Ski für einen zweistelligen Millionenbetrag die Verwaltungsrechte des Skitrainingsgebiets auf dem Zermatter Gletscher gesichert. Dieser Deal hat sich für unsere Ski-Stars im vergangenen Herbst erstmals bezahlt gemacht. Während alle anderen Nationen von Mitte September bis Ende November kein richtiges Abfahrtstraining durchführen konnten, haben sich von Allmen und Co in Zermatt bei besten Bedingungen auf den Olympia-Winter vorbereitet.

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