Mauro Pini war einer der umstrittensten Trainer in der Swiss-Ski-Geschichte. Als Chefcoach der Frauen hat er 2012 nach einem heftigen Streit den damaligen und heutigen Speed-Trainer Stefan Abplanalp entlassen. Nach diesem Eklat gingen Lara Gut-Behrami und Co derart auf die Barrikaden, dass auch Pini am Ende des Winters damals selber gehen musste.
Aber was hat das mit dem jüngsten Olympia-Slalom zu tun? Obwohl Pini mittlerweile als Übungsleiter von Italiens Technikern ist, erweist er uns und insbesondere Loïc Meillard im letzten Olympia-Rennen der Männer in Bormio einen grossen Dienst. Pini setzt in seiner Funktion als Kurssetzer des ersten Durchgangs auf dieser ziemlich flachen Piste einen regelrechten Hindernis-Parcours. «Es gibt kaum jemand, der in Läufen, in dem das Tempo verhältnismässig tief bleibt, so gut zurechtkommt wie Loïc», sagt sein Trainer Julien Vuignier. Nur einer kommt damit noch ein bisschen besser zurecht: Norwegens Atle Lie McGrath liegt bei Halbzeit fünf Zehntel vor dem Walliser. Aber mit Riesen-Olympiasieger Lucas Pinheiro Braathen (Br, 25), dem zweifachen Saisonsieger Paco Rassat (Fr, 27), Kitzbühel-Sieger Manuel Feller (Ö,33) und Finnlands Slalom-Aufsteiger Eduard Hallberg (22, Zweiter in Levi) scheiden in diesem speziellen Kurs, der durch den Schneefall zusätzlich erschwert wird, vier Favoriten aus.
Geschichtsträchtiges Gold
Vor der Entscheidung kommen starke Erinnerungen an den letzten WM-Slalom in Saalbach (Ö) auf. Auch dieses Rennen wurde am 16. Februar ausgetragen und auch damals lag Meillard nach dem ersten Lauf auf dem zweiten Rang. Und genau wie bei den Titelkämpfen in Österreich kann der 29-Jährige in Bormio im Finale noch einen oben drauf setzten. Im erneut stark drehenden zweiten Durchgang, der vom französischen Trainer gesetzt wurde, gelingt dem Rossignol-Piloten ein makelloser Lauf, McGrath scheidet kurz darauf aus. Somit steht Meillard als erster Schweizer Slalom-Olympiasieger seit 78 Jahren und dem St. Moritzer Edy Reinalter fest.
Dass Meillard Reinalters Nachfolger wird, hat zu Beginn dieser Saison kaum jemand geglaubt. In den ersten sechs Weltcuprennen war Meillard nie besser als auf dem 14. Rang klassiert (in Levi). Doch ein paar gute Trainingstage in Copper Mountain (USA) haben dem Edeltechniker genügt, um zu seiner Bestform zurückzufinden.
Doch nach der ersten Team-Kombination in der Olympiageschichte war der gelernte Bankkaufmann mit sich sehr unzufrieden, obwohl er gemeinsam mit Marco Odermatt Silber gewonnen hat. Grund für den Ärger: Meillard hat in der Kombi auf die Slalom-Bestzeit von Tanguy Nef mehr als eine Sekunde verloren. Wie war diese grandiose Steigerung innerhalb von einer Woche auf dem genau gleichen Hang möglich? «Der Schnee war diesmal ein bisschen anders und die Kurssetzung zum Glück ganz anders als in der Team-Kombination. Dort war der Kurs sehr direkt gesteckt, diesmal hat es zu meinem Glück abschnittsweise sehr stark gedreht», antwortet Meillard mit glänzenden Augen.
Die Reporter-Behauptung, dass dies der emotionalste Moment in seiner Karriere sei, will der Romand, der am Samstag Riesenslalom-Bronze gewonnen hat, aber nicht unterschreiben: «Der Gewinn von Slalom-Gold bei der WM war für mich genau so emotional.» Und es spricht auch nicht viel dafür, dass die Paparazzi von Meillard spektakuläre Party-Bilder in Bormios Nachtclubs schiessen können. «Ich werde diese Goldmedaille sicher mit meinem Team gebührend feiern. Aber ich bin nicht der Typ, der betrunken auf dem Tisch tanzt.»
Plaschys Gummizug
Es gibt zwei Trainer, denen Meillard besonders dankbar ist: Swiss-Ski-Slalom-Chef Matteo Joris und dessen Co-Trainer Julien Vuignier, welcher Loïc bereits im Knirpsenalter bei den JO-Rennen im Wallis gecoacht hat.
Nach dem Aufstieg ins C-Kader hat Meillard auch die aussergewöhnlichen Methoden vom heutigen SRF-Experten Didier Plaschy (52, zwei Weltcupsiege) erlebt. «Weil Loïc in jungen Jahren besonders breitbeinig Ski gefahren ist, habe ich bei ihm ein Mittel angewendet, mit dem viele Bauern ihren Kühen die Schwänze hochbinden – einen Gummizug», erinnert sich Plaschy. Er geht ins Detail: «Ich habe Loïc den Gummizug an den Skischuhen montiert, dadurch wurde er zu einer schmalen Skiführung gezwungen. Loïc hat diese Methode genau wie früher Daniel Yule gehasst. Letztlich war er damit in einem Trainingslauf schneller als in einer Fahrt ohne Gummizug. Ab diesem Zeitpunkt war er vom Gummizug geheilt», schmunzelt der Oberwalliser.
In seiner Anfangszeit im Swiss-Ski-Kader hatte Meillard, der seit seinem neunten Lebensjahr in Hérémence VS unweit der Grande-Dixence-Staumauer lebt, ein sprachliches Problem. «Als ganz junger Rennfahrer fand ich es unfair, dass bei den Verbandssitzungen nur Deutsch geredet wurde. Ich habe diesen Umstand aber relativ schnell als grosse Chance betrachtet, eine weitere Sprache zu lernen.» Deshalb kann unser Ski-Held nicht einmal im Ansatz nachvollziehen, dass in der Deutschschweiz über die Abschaffung des Frühfranzösischunterrichts in der Schule diskutiert wird. «Wir sollten in unserem Land genau das Gegenteil einführen.»
Meillard wird konkret: «Die Schwierigkeit der Schweiz kann gleichzeitig unser grosser Pluspunkt sein. Die Vielsprachigkeit ist unumstritten mit Schwierigkeiten verbunden, aber wenn wir alle diese Sprachen lernen würden, würde das die Schweiz noch viel stärker machen.»
Schon bald wird Meillard seinem eigenen Kind Sprachen beibringen können – seine Lebensgefährtin Zoé Chastan ist schwanger.
